„Dunkler Zwilling“ - ein Klassekrimi Polizeiruf 110 heute Abend aus Rostock: So viel besser als Tatort

Foto: NDR/Christine SchroederFoto: NDR/Christine Schroeder

Osnabrück. Nach viel Tatort-Gemurkse in den letzten Wochen gibt es heute Abend endlich mal wieder einen Polizeiruf 110 aus Rostock: „Dunkler Zwilling“. Ein absolut sehenswerter Klassekrimi, der das Verhältnis von Katrin König (Anneke Kim Sarnau) und Sascha Bukow (Charly Hübner) womöglich verändert. Unbedingt einschalten!

Vorletzte Woche Klamauk-Käse, letzten Sonntag Fantasy-Geschwurbel. Der Tatort hat wahrlich schon bessere Zeiten gesehen als diesen September des Grauens. Wie gut, dass der Oktober mit einem neuen Polizeiruf 110 aus Rostock beginnt, dem wohl verlässlichsten Pferd im Stall der ARD-Sonntagskrimis. (So stark war der letzte Polizeiruf 110 aus Rostock)

Dass es in Rostock ans Eingemachte geht, ist nicht neu. Diesmal allerdings ist es so heftig, dass nicht nur LKA-Ermittlerin Katrin König (Anneke Kim Sarnau) ganz flau wird. Außerhalb der Stadt ist ein 16- oder 17-jähriges Straßenmädchen mit auffälliger Einhorn-Tätowierung am Oberarm tot aufgefunden worden. Erwürgt. Und nach der Tat so bestialisch verstümmelt, dass Einzelheiten an dieser Stelle aus Rücksicht auf empfindliche Gemüter nicht weiter ausgeführt werden sollen.

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Wohl aber die Tatsache, dass die Schuhe des Opfers sorgsam neben dem Kopf drapiert wurden. Denn genau dies war auch schon bei mehreren 15 Jahre zurückliegenden Morden so gewesen. Die Morde wurden nie aufgeklärt, Rostock sorgte sich damals um sein Image. Hat da womöglich ein Triebtäter nach langer Zeit wieder die Kontrolle über sich verloren? König ist sich sicher: „Es ist nicht sein erster Mord.“ Aber Rostock ist mal wieder voller Touristen. Und die Stadt sorgt sich ums Image.

König, Bukow (Charly Hübner) und der Rest des Teams stehen vor einem derart aufreibenden Fall, dass sie sich fortan nur noch von Junkfood, Kopfschmerztabletten oder auch mal einer nächtlichen Flasche Rum im Büro ernähren. So werden auch Ermittler zu Opfern.

Es dauert nicht lange, bis wir das Volleyballspiel einer weiblichen Jugendmannschaft sehen. Und die Kamera den Vater eines der Mädchen auffällig in den Vordergrund rückt: Den Umzugsunternehmer Kern (großartig: Simon Schwarz, bekannt als Inkasso-Heinzi aus dem Wiener Tatort und den Eberhofer-Krimis). Zu Hause wischt er jede Menge Blut aus seinem Wagen. Und erklärt seiner Tochter, er habe einen Hund überfahren.

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Kurz darauf machen wir Bekanntschaft mit dem seltsamen Jan Hansen (Alexander Beyer) und dessen deutlich älterer Frau Elke (Angela Winkler). Jan malt Bilder von jungen Mädchen, Elke droht ihm damit, zur Polizei zu gehen. Und dann wird die nächste Mädchenleiche gefunden. Mit Schuhen neben dem Kopf. Nach zehn Minuten hat dieser Krimi alle Synapsen seines Publikums alarmiert.

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„Dunkler Zwilling“ ist nicht einer jener klassischen „Whodunit“-Krimis, in denen es am Anfang eine Leiche und dann die Suche nach dem Mörder gibt. Aber auch nicht einer von der Sorte, in denen der Zuschauer den Täter von Beginn an kennt und der Film seine Spannung aus der Annäherung von Ermittlern und Mörder zieht. Er ist eine quasi Mischform. Zwei Opfer, zwei Verdächtige und ein großartig inszenierter Spannungsbogen.

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Verantwortlich dafür zeichnet in diesem 20. Rostocker Polizeiruf 110 ein Mann, der zwar ein Freund des Formats ist, es aber jetzt erst zum ersten Mal inszenierte: Damit Lukacevic schrieb das Buch und führte Regie. Für Charly Hübner offenbar eine gute Wahl: „Er hat ein sehr fragendes Verhältnis zu Ungerechtigkeiten und Ungereimtheiten. Ihn treibt es ganz stark um, warum Menschen Gewalt ausüben wollen,“ beschreibt der Schauspieler den Autor und Regisseur im Gespräch mit unserer Redaktion. „Er ist ein ganz lieber, zarter, im guten Sinne fragiler Mensch, der wie ein Junge in dieses Phänomen reinguckt.“ (Hier gibt's das vollständige Interview mit Charly Hübner)

Für Lukacevic spricht aus Hübners Sicht auch, dass er sich mit Peter Palatsik einen Dialogautor mit ins Boot holte, „weil er sich nicht sicher war, ob ihm diese Reudigkeit unserer Sprache richtig in die Feder kommt“. Herausgekommen sind erstklassige Dialoge die es ebenso hervorzuheben gilt wie die Tatsache, dass Lukacevic bei aller Abscheulichkeit der Taten auf explizite Gewaltdarstellungen verzichtete.

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Das Drehbuch zu lesen bekam übrigens auch Eoin Moore, den Hübner als den „Papa“ des Rostocker Polizeirufs bezeichnet: „Er hat zusammen mit Anneke und mir die Figuren entwickelt und kriegt bis heute jedes Drehbuch von uns geschickt, damit er auch noch mal seinen Senf dazugeben kann. Er ist eben am nächsten dran an uns.“

Und damit wird so bald auch nicht Schluss sein. „Wir haben gerade wieder um zwei Jahre verlängert,“ verrät Hübner, der das Rostocker Team wie eine gut funktionierende Band sieht: „Das ist doch ein gutes Bild, wir sind ein totales Zusammen-Ding. Natürlich sind Anneke und ich die Frontgesichter wie die Sänger einer Band, aber was bist Du als Sänger, wenn der Schlagzeuger Scheiße ist? Wenn Du nicht weißt, wo Dein Takt sitzt, kannst Du nicht gut einsetzen.“ (Interview Anneke Kim Sarnau bekam weniger Gage als Charly Hübner)

Angespannt ist übrigens immer noch das Verhältnis der beiden Ermittler König und Bukow. Charly Hübner sagt allerdings einen Satz, der aufhorchen lässt: „Ich will jetzt nicht spoilern, aber man darf wohl verraten, dass es am Ende von ,Dunkler Zwilling‘ einen Hinweis geben wird. Und eine Tür, die geöffnet wird, muss ja nicht gleich wieder geschlossen werden.“ Dass er kurz zuvor noch die Kollegin als „die Last, die ich tragen muss“ bezeichnet, sieht er nicht so eng: „Das ist doch die totale Liebeserklärung. Mehr geht ja gar nicht, ohne dass man ,Liebe‘ sagen muss.“

Seinen Anteil an diesem Klassekrimi hatte übrigens auch Axel Petermann, langjähriger Leiter der Bremer Mord-Kommission, Profiler und ehemaliger Berater des Bremer Tatorts. Diesmal habe er die Produktion des Polizeirufs beraten, berichtet Petermann, dessen jüngster True Crime-Krimi "Die Diagramme des Todes" vor wenigen Tagen erschien. (Hier verrät Axel Petermann, wen er für den realistischsten TV-Kommissar hält)


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