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Doku "GrenzenLos" am Sonntag im TV Wolfgang Stumph: Ich hätte die DDR niemals verlassen

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Dresden. Nach dem Mauerfall wurde Wolfgang Stumph mit „Go Trabi Go“ zu einem der ersten gesamtdeutschen Filmstars. 30 Jahre später hat er für seine sehenswerte Dokumentation „GrenzenLos“ (MDR, Sonntag, 20.15 Uhr) Menschen getroffen, die noch kurz vor der Grenzöffnung die DDR verließen. Gleichzeitig freut er sich darüber, dass der MDR ab diesem Sonntag seinen ZDF-Nachwende-Quotenhit „Salto postale“ wiederholt. In einem Dresdner Café erzählt der 73-Jährige von deutsch-deutschen Lebensgeschichten, starken Frauen und seinen damaligen Beweggründen, die DDR nicht zu verlassen:

Herr Stumph, Sie haben mit „GrenzenLos“ bereits Ihre vierte Dokumentation gedreht, diesmal geht’s um Menschen, die kurz vor dem Mauerfall die DDR verlassen haben und dann zufällig auf Fotos auftauchten, von denen einige um die Welt gingen. Wie haben Sie die nach 30 Jahren ausfindig gemacht?

Über Zeitungen und einen Fernsehspot, da haben wir dazu aufgerufen, sich zu melden: Erkennen Sie sich? Erkennen Sie jemanden? Erzählen Sie mir Ihre Geschichte. Und ich glaube, dass unsere drei bisherigen Dokumentationen dazu beigetragen haben, dass die Leute den Mut und Vertrauen aufbrachten, sich zu melden und uns ihr Leben in den letzten 30 Jahren zu erzählen. Interessanterweise haben sich mehr Frauen als Männer gemeldet.  

Ihre Hauptfiguren sind ausschließlich Ostdeutsche.

Nein, uns war es genauso wichtig, die Sichtweise und Erlebnisse der anderen Seite zu reflektieren. Es gibt diesen bayerischen Polizisten, der nach der Grenzöffnung zum Bahnhof nach Hof geschickt wurde, ohne genau zu wissen, warum.

Foto: MDR/Dokfilm/Birte Rauschenberg

Der einzige Mensch, den Sie im Film siezen. 

(lacht) Das steckt wohl in uns Deutschen drin, da trägt ja einer eine Uniform. Wir haben aber auch in Herleshausen gedreht, wo am Wochenende nach dem Mauerfall 2800 Einwohner auf einmal von fast 30000 Besuchern regelrecht überrannt wurden, die alle ihre 100 D-Mark Begrüßungsgeld abholen wollten. Da wurden dann 2,8 Millionen D-Mark in Plastikbeuteln rangekarrt. Die „Herleshäuser“ haben geholfen, ihre Herzen und ihre Türen für die neuen Besucher geöffnet. Zum Beispiel treffe ich ein Ehepaar, das hat nachts keine Minute geschlafen – er war beim Roten Kreuz, und sie war Angestellte in der Gemeindeverwaltung. Es wurde Tag und Nacht Begrüßungsgeld ausgezahlt. Es herrschte Euphorie, eine Neugierde aufeinander und eine Solidarität.

In Ihrem Film gibt es lauter kleine Erfolgsgeschichten, keine Gescheiterten.

Wir wollten weder die erfolglosen noch die plakativ erfolgreichen Geschichten erzählen. Wir wollten die Menschen zeigen, und davon gibt es sehr viele, die ganz normal gelebt und in den 30 Jahren auch ihre Täler durchschritten haben. Es sind kleine Erfolgsgeschichten mit Betonung auf kleine, eher alltäglich gelebte. Da ist niemand dabei, der jetzt mit einem goldenen Löffel im Mund rumrennt.

Foto: MDR/Dokfilm/Thomas Koppehele

Wer hat Ihnen am meisten imponiert?

Bei unseren Protagonisten lief nicht alles so glatt. Sie haben mir mit ihrer Offenheit ein Vertrauen entgegengebracht, und das empfinde ich als ein Geschenk. Ich habe ganz starke Frauen erlebt, typisch ostdeutsche Frauen, die emanzipiert sind, die ihre Emanzipation in der Familie durchgesetzt haben, sich qualifiziert haben und arbeiten gehen, neben dem Mann oder alleine. Da wurde mir noch mal so richtig deutlich, wie unbegreiflich es eigentlich war, dass eine Frau in der Bundesrepublik der 70er-Jahre noch ihren Mann fragen musste, ob sie arbeiten gehen darf.

Ihre letzte Protagonistin ist eine Frau, die als junges Mädchen die DDR verließ und als Apothekerin nach Quedlinburg zurückkehrte. Wollen Sie damit ein Signal setzen?

Foto: MDR/Dokfilm/Thomas Koppehele

Ja, weil ich schon in meinen vorherigen Dokumentationen immer wieder die Frage gestellt hatte: Was ist eigentlich Heimat? Welche Freunde, welche Kultur, welche Sehnsüchte gehören dazu, dass man sagt: Hier bin ich mehr als nur zu Hause? Ich glaube, dass das Heimatgefühl in den letzten Jahren wieder an Wert gewonnen hat und dabei auch die Familie eine große Rolle spielt.

An einer Stelle im Film sagen Sie: „Ich fahre wieder rüber nach Mitteldeutschland.“ Ist Ost und West heute noch ein Hüben und Drüben?

Leider wieder erkennbarer als noch vor ein paar Jahren, obwohl ich überzeugt bin, dass die Sorgen und Unsicherheiten gleich sind, weil sich viele Menschen Sorgen machen um den Bestand ihres Arbeitsplatzes, ihrer Rente und um ihr Selbstwertgefühl. Weil die Politik sich zu viel mit sich selbst beschäftigt und sich von den Problemen der Menschen zu weit entfernt hat. Dazu kommt die Verunsicherung, die Digitalisierung und Globalisierung vor allem für die Älteren mit sich bringen.  

Als die Mauer fiel, fielen sich West- und Ostdeutsche in die Arme. Heute fallen sie oft genug verbal übereinander her.

In den neuen Bundesländern empfinde ich es bei den Menschen gar nicht mehr so stark, dafür wird aus der Sicht der Medien umso mehr gezeigt, dass nur im Osten eine gewisse Unzufriedenheit und Unsicherheit herrsche. Wenn am 13. Februar wieder Rechtsradikale durch Dresden marschieren, dann ist immer die Rede von Tausenden Dresdnern. Dabei hätte man sich in der Vergangenheit nur mal die Mühe machen müssen, an den Autobahnabfahrten auf die Nummernschilder und auf den Bahnhöfen zu gucken, woher die Leute auch angereist kommen.

Unbestritten ist aber, dass die AfD bei der Landtagswahl in Sachsen fast 30 Prozent der Stimmen geholt hat. Können Sie es mir erklären?

Wenn man die Leute fragt, die AfD gewählt haben, werden viele sagen, dass sie es aus Protest getan haben, damit mit den Menschen und nicht über die Menschen mehr geredet wird. Wer von unseren Wahlstimmen und Steuergeldern lebt, muss auch Rechenschaft über seine Leistungen ablegen und sich fragen, woher kommen diese Stimmen. Ich hoffe, die Leute wollten einfach anecken, um etwas zu bewegen. Da bleibe ich ein melancholischer Optimist.

Würden Sie sagen, dass wo früher die Mauer stand, heute ein Graben verläuft?

Ich sehe das nicht, obwohl dieser Graben immer wieder befördert und beschrieben wird. Man hat immer auf die da drüben gezeigt, immer auf die unzufriedenen und verwöhnten Ostdeutschen gezeigt. Das war für mich Ausdruck einer pseudosouveränen Siegerhaltung derer, die sich auf der richtigen Seite wähnen. Damit meine ich die Medien, und das beeinflusst Menschen.

Was würden Sie sich persönlich wünschen, damit die Menschen sich wieder näherkommen und nicht mehr zwischen Ost und West unterscheiden?

Die angesprochenen Gräben ziehen sich doch nicht nur zwischen Ost und West, sie gehen doch kreuz und quer durch unser Land, zwischen den Schichten, Parteien und dem gesellschaftlichen Zusammenhalt. Der Ton ist rauer geworden auch im öffentlichen Raum. Wir müssen nicht nur über uns reden lassen, sondern mehr miteinander reden und zuhören, um sich genseitig zu verstehen lernen, und das auf allen Ebenen.

An einer Stelle in Ihrem Film sagen Sie „Ich biege ungern rechts ab, ich fahre gern links im Leben“. Ist das ein Ratschlag an Ihre ostdeutschen Mitbürger?

Ich wollte mit meinem Stumph-Sinn den Zuschauern sagen: „Ich würde niemals rechts abbiegen.“ Nur im Straßenverkehr muss man es ja ab und zu.

Ihr Schlusssatz lautet: „Wir kommen gut voran, wenn wir nach vorne sehen, aber dabei nicht vergessen, in den Rückspiegel zu schauen“. Was sehen Sie in Ihrem Rückspiegel, was sollte man im Blick behalten?

Dass Fehler und Irrwege notwendig sind. Nicht nur ein Kind lernt nie, was heiß ist, wenn es sich nicht mal die Finger verbrennt. Und dass nur gesunder Optimismus, Empathie, Solidarität im weitesten Sinne uns vielleicht zu so etwas wie einer Menschheitsvernunft führen werden. Aber das ist ein sehr langer Weg, an dem ich mich solange wie möglich beteiligen werde.

Springen wir mal in den Herbst 1989 – gibt es da ein Bild, das Ihnen sofort durch den Kopf schießt?

Natürlich, am 9. November war ich mit Gunther Emmerlich in der Dresdner Semperoper, um für die Fernsehsendung „Showkolade“ zu proben. Nach der Probe kam ein Techniker und sagte: „Habt Ihr schon gehört…?“ Ich dachte zuerst, er macht einen Witz, aber es war so – die Grenze war offen. Als wir am nächsten Vormittag wieder proben wollten, fehlten einige von den Mitarbeitern – die waren nach Hof oder Berlin gefahren.

Die Probe fiel also aus?

Nein, abends waren sie alle wieder zurück, und die Generalprobe fand statt. Das Problem war nur: Das DDR-Fernsehen zeichnete am 12. November für Dezember auf, und wir wollten möglichst noch aktuell sein. Wir mussten uns ganz schnell was einfallen lassen, was auch im Dezember noch Bestand hatte.

Sie selbst haben also nicht alles stehen und liegen lassen und sind in den Westen gefahren?

Nein, ich war ja schon im Jahr vorher zum ersten Mal „drüben“ gewesen. Damals hatten wir eine Einladung vom Münchner Residenztheater bekamen. Daraus entstand ein gesamtdeutsches Kabarettistentreffen, unter anderem mit Dieter Hildebrandt und Werner Schneyder. 1988 habe ich, als Kabarettist aus dem Tal der Ahnungslosen, zum ersten Mal und nur für dieses Gastspiel einen Pass bekommen. Manch Berliner Künstler hatte da schone öfters seine Weltanschauung am Anschauen der Welt abgleichen können.

Sind Sie denn am 10., 11. oder 12. September mal rübergefahren, um auch mal zu gucken?

Nein, sollte ich eine Vorstellung platzen lassen? Erst im Dezember 89, als wir eine Einladung von 3sat bekamen, um in der Sendung „Mundart“ aufzutreten. Die wurde live ausgestrahlt, was für uns im Fernsehen völlig ungewohnt war.

Sie waren damals 43 – wie war Ihre ganz persönliche Situation, als sich die politische völlig veränderte?

Für mich war es nie die Frage, meine Familie und Freunde oder mit der Familie meine Heimat, meine Kultur, meine Kollegen und mein Publikum zu verlassen. Ein Kabarettist ist ja jemand, der seine Meinung öffentlich macht, sich öffentlich streitet und öffentlich aneckt. Mein Thema war diese DDR, wie sie funktioniert oder auch nicht. Wie sollte ich mit diesen Ansichten und Erfahrungen als Kabarettist in München oder anderswo auftreten? Das hätte man mir als Ostdeutschem doch gar nicht abgenommen. Ich wäre mir vorgekommen wie ein Augenarzt, der seine Patienten verlässt, um nun als Hautarzt anerkannt zu werden. Es ist ja keine Schande, so gedacht zu haben. Dass es so nicht weitergeht, war uns dennoch allen klar. Heute habe ich den gesamtdeutschen Blick.

Nur ein Jahr nach der Wende wurden Sie dann mit „Go Trabi Go“ zum gesamtdeutschen Filmstar.

Ich war ja schon vorher im Westen kein Unbekannter, weil viele Leute auch dort „Showkolade“ guckten. Und dann gab es im Mai 90 die Sendung „Guten Abend, Deutschland“, die von ARD, ZDF und zeitversetzt vom DDR-Fernsehen ausgestrahlt wurde. Da fielen Emmerlich und ich natürlich auf – bei 17 Millionen Zuschauern, die damals allein im Westen zusahen, wir hatten ja nicht mal mehr so viele Einwohner. Den Kabarettisten Stumph kannte die Macher bei der Bavaria München schon, und das gab wohl den letzten Ausschlag, mich zum Casting für die Rolle einzuladen. Das war übrigens mein erstes und mein letztes Casting.

Kamen mit „Go Trabi Go“ auch die guten Westgagen?

Ach was, man hat mich schon wie einen Ossi behandelt. Mich hat’s aber nicht gestört – der Erfolg und die Wirkung des Films bei den Menschen war mir mehr wert als jede einzelne D-Mark. Mir ging es darum, meinen Stumph-Sinn einzubringen und dass ich ein Mitspracherecht am Film und meiner Figur hatte. Denn ich wollte mir treu bleiben, auch als „Udo Strutz“. Danach ist ja auch „Salto Postale“ und „Stubbe“ entstanden.

Ihr Publikum hat sich durch die Grenzöffnung ja schlagartig vervielfacht. Wie hat sich das angefühlt?

Als Kabarettist hat man mit jeder Pointe eine Verantwortung dafür, wie die Leute lachen, warum sie lachen und wie ich sie erreiche. Das hat sich nicht geändert. Aber die Bürde der Verantwortung ist größer geworden. Ich habe auch Rollen abgesagt, weil ich nicht das Klischee des sächsischen Guck-in-die-Luft erfüllen wollte.

Für „Salto Postale“ gibt es nach über 20 Jahren ein Comeback – nicht etwa das ZDF, das damals ausstrahlte, sondern der MDR wiederholt bis Dezember die 24 Folgen. Es heißt, Sie hätten den ZDF-Verantwortlichen vergeblich in den Ohren gelegen.

Vielleicht habe ich das ZDF mit meinem Wunsch genervt, den Zuschauern mit „Salto Postale“ zwischen den zwei 30er-Jahrestagen einen Rückblick zu verschaffen, über was wir in der Zeit nach der Wende gelacht haben. Wir hatten ja bei einer Sendezeit bis 22.45 Uhr im Schnitt 7,5 Millionen Zuschauer. Deshalb bin ich dankbar, dass das ZDF zumindest dem Wunsch des MDR nachgegeben hat, die Folgen zu wiederholen. Und ich bin froh, dass ab 29. September 24 Folgen bis Dezember jeden Sonntag laufen.

Foto: MDR/RBB/ZDF

Sie haben mal gesagt, mit 70 beginne das letzte Jahrzehnt, in dem man noch nach vorne planen könne. Welche Pläne haben Sie?

Auf jeden Fall bleibe ich im Unruhestand, und zwar grenzenlos.

Werden wir Sie auch wieder in fiktiven Formaten sehen, vielleicht mal wieder als Stubbe?

Wenn es den Erwartungen der Zuschauer und meinen Ansprüchen entspricht. werde ich noch so manches anpacken. Da kommt bestimmt noch was.

Wolfgang Stumph

wird am 31. Januar 1946 im schlesischen Wünschelburg geboren. Er wächst als einziges Kind einer alleinerziehenden Mutter in Dresden auf, macht eine Ausbildung zum Dampfkesselbauer und studiert Ingenieur-Pädagogik und Schauspiel. Als Kabarettist der Dresdner „Herkuleskeule“ wird Stumph ebenso bekannt wie durch gemeinsame Auftritte mit Gunther Emmerlich in der Reihe „Showkolade“ des DDR-Fernsehens.  

Mit dem Spielfilm „Go Trabi Go“, den im Jahr nach der Wende über eine Million Kinobesucher sehen, avanciert Stumph zum gesamtdeutschen Filmstar – auch der zweite Trabi-Film „Das war der wilde Osten“ wird zum Kassenschlager. Seitdem ist Stumph vorrangig im ZDF zu sehen: Als Kommissar Stubbe ermittelt er ab 1995 in über 50 Folgen und erzielt dabei herausragende Quoten am Samstagabend. Auch mit den kabarettistischen Programmen „Salto postale“, „Salto kommunale“ und „Antrak auf Stumphsinn“ hat er großen Erfolg. An diesem Sonntag (29.9.) um 20.15 Uhr strahlt der MDR seine Dokumentation „GrenzenLos“ aus, in der Stumph die Lebenswege von Menschen nachzeichnet, die kurz vor dem Mauerfall die DDR verließen. Sein Erfolgsformat „Salto postale“ (Bild) wiederholt der MDR bis in den Dezember an jedem Sonntag.

Foto: dpa/Jens Kalaene

Der 73-Jährige lebt mit seiner Frau Christine in Dresden in einem Haus, das er selbst mehrfach umgebaut hat. Das Paar hat zwei Kinder, von denen Tochter Stephanie ebenfalls Schauspielkarriere macht. Der vielfach ausgezeichnete Schauspieler engagiert sich in Dresden gegen die Pegida und für die Weltoffenheit seiner Heimatstadt. js


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