Interview zum Hilda-Comic Luke Pearson: Vom Indie-Zeichner zum Netflix-Star

Luke Pearsons Comic-Heldin Hilda. Foto: ReproduktLuke Pearsons Comic-Heldin Hilda. Foto: Reprodukt 

Berlin. Vor ein paar Jahren war Luke Pearsons „Hilda“ noch ein Indie-Comic. Heute hat er eine eigene Netflix-Serie. Ein Interview.

2010 veröffentlichte der Brite Luke Pearson das erste Comic-Heft über Hilda, ein blauhaariges Mädchen, das mit Trollen, Elfen und Riesen Umgang hat. Acht Jahre später ist aus der ebenso zauberhaften wie versponnenen Independent-Reihe eine Netflix-Serie geworden. Ein Gespräch über eine Erfolgsgeschichte.

Herr Pearson, schreiben Kinder Ihnen Fan-Post?

Luke Pearson: Ja. Meistens wollen Sie nur wissen, wann das nächste Buch erscheint. Manchmal machen sie aber auch Vorschläge für neue Handlungsstränge oder für neue Wesen wie ein Rauchmonster. Ich versuche, das dann immer schnell zu vergessen, damit ich nicht versehentlich Kinderideen klaue.

Luke Pearson, Autor der Hilda-Comics. Foto: Reprodukt

Gibt es nicht einen „Hilda“-Band, in dem sogar Kinderzeichnungen ins Bild montiert sind?

Stimmt. Ein kleines Mädchen hat mir mal einen langen Brief geschrieben und einen Haufen eigener Bilder mitgeschickt. Zu der Zeit musste ich gerade Hildas Zimmer mit dem Schreibtisch zeichnen, auf dem sie selbst was gemalt hat: ihr Haus, ihre Mutter, einen Troll. Ich wollte die Bilder erst selbst machen. Aber das hätte man gemerkt. Es ist schwer, so zu tun, als ob man nicht zeichnen könnte. Also habe ich das Mädchen gefragt, ob ich ihre verwenden darf. Sie ist jetzt als Ko-Autorin im Einband erwähnt. Als die Episode später in die Trickserie aufgenommen wurde, haben sie den Schreibtisch einfach übernommen, sodass die Kinderzeichnungen immer noch zu erkennen sind.

Wie sind Sie selbst zum Zeichnen gekommen?

Ich habe immer gezeichnet, schon als Kind. Meine Eltern haben mich sehr unterstützt; ich habe ihnen lustige Sachen gemalt und mich über ihre Rückmeldungen gefreut. So hatte ich schon als Kind das Gefühl, es zu können – auch als es noch gar nicht der Fall war.

Gibt’s das alles noch?

Bei meiner Oma müsste es noch Kinderzeichnungen geben; sie hat für das Werk jedes Enkels eine eigene Schublade. Meine Eltern haben sicher auch noch welche. Bei mir selbst ist auch viel; ich habe nie absichtlich etwas weggeworfen.


Hilda ist sehr naturverbunden. War das bei Ihnen auch so oder sind Sie ein Stadtkind?

Ich hab viel draußen gespielt, habe aber nicht auf dem Land gelebt. Ich mochte das Gefühl, Abenteuer zu erleben, auch wenn das in meiner Kindheit eher Urlaube mit den Eltern war. Die Wildnis und Freiheit, in der Hilda aufwächst, habe ich nicht erlebt.

Die Steintrolle, Wassergeister und Riesen, von denen Sie erzählen, sind also alle bloß …

… ausgedacht. Ich habe sie nicht wirklich kennengelernt.

Ihre Heldin ist ein Mädchen, was nicht nur im Kinder-Entertainment immer noch die Ausnahme ist. War das eine bewusste Reaktion auf die Gender-Debatte?

Ich habe nicht bewusst geplant, ein Comic über ein Mädchen zu machen. Ich hatte nicht mal geplant, ein Comic zu machen, bis mein Verleger mich fragte, ob ich eine Idee für eine Serie hätte. Als ich darüber nachgedacht habe, gab es die Figur schon – ohne jeden Plan, eine Geschichte um sie zu stricken. Sie war schon da; und sie war ein Mädchen, aber ich wollte damit kein bestimmtes Ziel erreichen. Ich habe nur immer gehofft, dass sie Jungs und Mädchen gefällt. Und das ist eigentlich keine Frage der Figur oder der Geschichte, sondern nur eine des Marketings. Eine Serie mit einem Mädchen als Heldin wird leicht als „Mädchen-Serie“ wahrgenommen und daraus folgen dann alle möglichen Entscheidungen, was den Look und das Marketing angeht. Eine „Hilda“-Serie hätte womöglich anders ausgesehen, wenn es die Comics nicht schon gegeben hätte.

Wie entwerfen Sie Ihre Kreaturen?

Die Elfen und Trolle kommen aus Folklore und Volksmythologie, besonders der skandinavischen. Die Riesen sind archetypische Fantasy-Figuren. Manche Wesen fallen mir auch aus dem Nichts ein, zum Beispiel die großen, flauschigen Bälle, die einfach nur am Himmel entlangziehen. Das war eine lustige Zeichnung aus meinem Skizzenbuch, die ich dann übernommen habe. Sie waren von Anfang an dabei, machen nie etwas Wichtiges und sind einfach nur da, so wie Spatzen.

Gibt es Figuren, die nicht funktioniert haben?

Ich habe eine Menge Skizzenbücher mit allen möglichen Figuren und Kreaturen. Aber eigentlich setze ich mich nie hin, um ein Wesen für Hilda zu entwerfen. Das passiert beiläufiger.

Wenn man Kinder und Erwachsene gleichzeitig adressiert, besteht leicht die Gefahr, es allen recht machen zu wollen. Ihre Bücher dagegen zeichnet ein großer Eigensinn aus.

Ich versuche, nicht zu viel darüber nachzudenken. Natürlich gibt es in einem All-Age-Buch Grenzen, die man nicht überschreiten kann. Wenn man für Kinder schreibt, kann es leicht zu weich und nett werden. Aber ich möchte es den Lesern nicht zu leicht machen, es soll nicht vorhersagbar sein und immer auch eine schräge, eigenartige Seite behalten.

Sind Kindergeschichten nicht auch ein guter Vorwand, über die ganz großen Fragen zu schreiben – Einsamkeit, Angst und Tod – ohne, dass es peinlich wird?

Man kann Themen auf das Grundsächliche runterkochen und über Dinge sprechen, die zu komplex wären, würde man sie nicht mit Kinderaugen betrachten.

Wie wurde aus den Comics eine Netflix-Serie?

Eine Produktionsfirma kam mit der Idee auf mich und meinen Verlag zu: Silvergate Media; die haben die Serie „Octonauts“ produziert. In ihrem ersten Brief hatten sie mir ein Buch geschickt, dem sie ein falsches Cover verpasst hatten; es sah aus wie das Moos-Bestimmungsbuch, das Hilda in einem der Comics im Regal hat. Die Seiten waren rausgeschnitten und es lag ein kleiner Elfenbrief drin. Mit all dem hatten sie ziemlich unmissverständlich ausgedrückt, dass es ihnen um die Details ging. Es war sofort klar, dass sie eine treue Adaption vorhatten .

Wie ging's nach Ihrer Zusage weiter?

Wir haben das Gestaltungskonzept in einer Show-Bible festgelegt und eine Test-Animation gemacht, anderthalb Minuten, fast ein Trailer. In die Frage, wer die Serie am Ende zeigt, war ich nicht involviert. „Hilda“ wurde allen möglichen Firmen und Sendern vorgeführt; Netflix hatte wohl das beste Angebot. Natürlich bin ich froh darüber – jetzt kann man die Serie jederzeit und überall sehen.

Hildas Welt erinnert an Tove Janssons „Mumins“, in den spröden und widerständigen Figuren genauso wie im Sinn für das Dunkle und Gefahrvolle. Haben Sie die Mumins als Kind oder später gelesen?

Richtig entdeckt habe ich die Romane, Erzählungen und Comics erst als Erwachsener, im Grunde erst, als ich mit der Arbeit an „Hilda“ angefangen habe. Ich erinnere mich, dass wir die Mumins in der Schule gelesen haben; ich habe auch die Zeichentrickserie gesehen. Meine stärkste Erinnerung ist eine Episode mit der Morra, die mich bis heute verfolgt. Das ist eine große, formlose, böse Figur mit einer Riesennase und einem grinsenden Gesicht. Als Kind hat sie in mir das blanke Entsetzen ausgelöst. Heute löst die Erinnerung an meine starke Reaktion eine eigenartige Nostalgie aus; und gerade beim ersten „Hilda“-Band wollte ich das einfangen – vor allem in der Sequenz, wo Hilda vor einem Troll in ihr Haus flieht – und dann nicht mal auf die Idee kommt, dass er ihr nach drinnen folgen könnte. Das Miteinander dieser starken Furcht und gleichzeitig einer großen Geborgenheit im eigenen Zuhause – das geht ziemlich direkt auf Tove Janssons Morra-Episode zurück.

Für Ihre Comics haben Sie sich mit jedem Band mehr Zeit gelassen. Hat der Druck einer Fernsehproduktion Ihnen Sorgen bereitet?

Die Bücher haben auch deshalb länger gebraucht, weil sie immer dicker wurden. Und beim letzten lag es dann schon an der Serie, in die ich viel Zeit stecken musste. Beim Buch davor ist außerdem meine Tochter auf die Welt gekommen; ich hatte gehofft, bis zur Geburt fertig zu sein, aber dann hat es doch ein bisschen länger gedauert.

Bei der Serie arbeiten Sie plötzlich im Team. Liegt Ihnen das oder scheuen Sie die Kompromisse?

Das hat mir wirklich Spaß gemacht. Natürlich war ich es gewöhnt, meine Ideen sofort und eins zu eins umzusetzen. Aber es ist toll, mit einem Team über die Arbeit sprechen zu können. Außerdem hat der Prozess auch was Befreiendes. Wenn ich allein arbeite, gibt es immer Momente des Zögerns und Zweifelns. Eine Fernsehproduktion lässt das nicht zu. Wenn die Sache einmal ins Rollen kommt, trifft man schnelle Entscheidungen und hält sich nicht mit Nebensächlichkeiten auf.

Wie geht’s mit Hilda weiter? Schreiben Sie neue Bücher? Wird sie erwachsen? Kann sie irgendwann sterben? Oder einfach verschwinden?

Dass sie sterben wird, glaube ich nicht. Erstmal werde ich kein neues Comic über sie schreiben. Im Herbst kommt „Hilda und der Bergkönig“, und vorläufig ist das für mich der Abschluss. Ich stecke so viel Arbeit in die Fernsehserie und werde das auch weiterhin tun. Ich möchte auch weiter Comics schreiben, aber noch ein „Hilda“-Band reizt mich nicht.

Netflix hat im letzten Jahr mehrere Milliarden Dollar in sein Angebot gesteckt. Sind Sie durch den Deal unvorstellbar reich geworden?

Nein.

Luke Pearsons „Hilda“-Comics erscheinen in Deutschland beim Reprodukt.  Auf der Verlagsseite finden Sie eine Leseprobe. Hier geht es zum Internet-Auftritt von Luke Pearson.

Mehr Entertainment


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN