„Hüter der Schwelle“ in der ARD Tatort aus Stuttgart: Was für ein Fantasy-Firlefanz

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Osnabrück. Der Tatort aus Stuttgart war zuletzt richtig gut, geht heute Abend aber auf rasante Talfahrt: In der Folge „Hüter der Schwelle“ müssen Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) einen Ritualmord aufklären. Und der Film gerät streckenweise zu einem schwer erträglichen Fantasy-Firlefanz.

Hokuspokus Fidibus, dreimal schwarzer Kater! Da stapft ein Polizeitross durch den Wald und stößt hoch oben auf einem Felsplateau auf die Leiche eines jungen Mannes, dessen nackter Körper in einem weißen Kreis liegt. In seine Haut hat man sonderbare Zeichen mit demselben Dolch geritzt, mit dem ihm auch der tödliche Schnitt am Hals zugefügt wurde. Neben ihm finden sich Requisiten, die nur einen Schluss zulassen: Ritualmord.

Das ist fast so originell wie der Kommissar unter Mordverdacht, der uns den letzten Sonntag vermieste. Dabei sind sowohl Drehbuchautor Michael Glasauer als auch Regisseur Piotr J. Lewandowski Tatort-Debütanten. Männer also, von denen man sich erhoffen könnte, dass sie ein bisschen frischen Wind ins Format bringen.

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Doch die allermeisten Tatort-Fans müssen auch an diesem Sonntag tapfer sein. Zumindest diejenigen, die mit einem Hokuspokus-Tatort nicht viel anfangen können. Wer erwartet hatte, nach der gähnend langweiligen Weimarer Folge „Die harte Kern“ werde das Stuttgarter Team mit Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) die Karre schon wieder aus dem Dreck ziehen, wird zutiefst enttäuscht. Mit „Hüter der Schwelle“ geht es nicht einen Zentimeter nach oben.

Ausgerechnet die Stuttgarter. Hatten die nicht mit „Stau“, „Der Mann, der lügt“ und „Anne und der Tod“ drei der besten Tatorte der letzten Jahre vorgelegt? Ja, hatten sie. Da kommt „Hüter der Schwelle“ nun daher wie ein Auto, das ungebremst gegen einen Baum knallt.

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„Unser Sektenbeauftragter meint, dass es sich um eine Art okkultes Opferritual handelt“, fasst Bootz bei der Leichenbeschau zusammen, was jeder sehen kann, der keine Fleischtomaten auf den Augen hat. „Wer immer ihn da hochgebracht hat, muss stark gewesen sein“, fügt Lannert eine weitere bahnbrechende Erkenntnis hinzu. Potzblitz.

Marcel Richter war Student der Geschichte. Seine Mutter (Viktoria Trauttmansdorff), seit kurzem verwitwet, berichtet den Kommissaren, dass er „Dinge über unsere Familie erfahren wollte, die schon sehr lange zurückliegen“. Mit einer Kommilitonin hat er kurz vor seinem Tod eine alte Kapelle besucht, deren Geschichte die beiden erforschen sollten.

Als die Ermittler diese Diana Jäger (Saskia Rosendahl) aufsuchen, ist Bootz wie vom Donner gerührt, kann seinen Namen kaum noch sagen und hält ihr den Polizeiausweis verkehrtherum hin. Zu zauberhaft, die Kleine. Wenig später liest er am Steuer einen Beipackzettel und fährt fast in den Gegenverkehr. Aber für ihn soll dieser Krimi ohnehin noch zu einem ganz besonderen Trip werden.

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Die nächste Spur führt Lannert und Bootz zu dem Magier Emil Luxinger (André M. Hennicke), den offenbar auch Marcel Richter kurz vor seinem Tod noch aufgesucht hatte. Der muss erst mal sein okkultes Ritual im Keller beenden, bevor er erzählt, dass er den Studenten mit einem „Schadenszauber“ belegt habe, nachdem dieser ihm ein Buch und einen Dolch gestohlen hätte. Jenen Dolch, mit dem der Student ermordet wurde. Nun dauert’s nicht mehr lang, bis der erste Kommissar eine Erscheinung hat.

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Wem es bis hierhin zu spooky oder durchgeknallt ist, sollte sich vielleicht nach einer anderen Beschäftigung für den Sonntagabend umsehen. Denn je mehr sich dieser Fantasy-Firlefanz auf den Weg ins Mittelalter macht, desto mehr gerät er aus der Spur. Irgendwann fragt der Magier Lannert: „Können Sie sich vorstellen, dass die Leute früher den Heiligenschein gemalt haben, weil sie ihn wirklich sahen?“ Später wird der ihn anbrüllen: „Es reicht! Das reicht jetzt! Es reicht!“ Und manch ein Zuschauer wird denken: Stimmt, Richy. Es reicht. Wo ist die Fernbedienung? Schlangenei und Krötendreck, was hier war, das ist jetzt weg.

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Damit fällt die September-Bilanz für den Tatort ziemlich verhext aus. Einzig „Falscher Hase“ aus Frankfurt gleich zu Monatsbeginn konnte überzeugen, danach folgten gleich drei schwache Folgen. Kann eigentlich nur besser werden. Wird es auch. Denn am 6. Oktober gibt’s den neuen Polizeiruf 110 aus Rostock. Das ist eh der bessere Tatort.

Tatort: Hüter der Schwelle. Das Erste, Sonntag, 29. September 2019, 20.15 Uhr.

Wertung: 3 von 6 Sternen


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