Neu im Kino Ekel, Furcht und Panik: der Horrorfilm „Midsommar“

Florence Pugh in "Midsommar": Kollektivierung des persönlichen Leids. Foto: WeltkinoFlorence Pugh in "Midsommar": Kollektivierung des persönlichen Leids. Foto: Weltkino
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Berlin. Der Horrorfilm „Midsommar“ misst sich mit dem Genre-Klassiker: Ist der Sekten-Schocker besser als „The Wicker Man“?

Das Horrorkino floriert, und mit seinem Debüt „Hereditary“ (2018) hat Ari Aster sich eben erst als große Hoffnung etabliert. Schon sein zweiter Spielfilm ist jetzt als Opus Magnum angelegt: „Midsommar“ dauert zweieinhalb Stunden. Ein Director’s Cut bringt es auf beinahe drei. Und mit den Menschenopfern eines Fruchtbarkeitskults bezieht der Film sich selbstbewusst auf ein Werk, das gern als „Citizen Kane“ des Horrors bezeichnet wird, auf den Christopher-Lee-Klassiker „The Wicker Man“ (1973). 

Irre mit Blumen im Haar

Aster erzählt von einer Handvoll Studenten, die einen Freund zum Mittsommerfest in seine schwedische Heimat begleiten. Was als spielerische Erforschung einer alten Kultur beginnt, entpuppt sich als Falle: Die lichte Heiterkeit der Mitternachtssonne ist Schauort blutiger Riten, ausgeführt von Wahnsinnigen mit Blumen im Haar. Häppchenweise füttert Aster unsere unheilvolle Erwartung mit originellen Verunsicherungen: In einem Käfig sitzt drohend ein Bär, den niemand erwähnt. Ein gelbes Holzhaus wartet als rätselhaftes Heiligtum einer ungenannten Bestimmung. Und folkloristische Malereien schildern bizarre Sitten wie den Verzehr von Schamhaaren.

Normalisierung des Unaussprechlichen

Eine volle Stunde nimmt „Midsommar“ sich Zeit, bis er seinen Helden in einem drastischen Gewaltakt klarmacht, wo sie hier gelandet sind. Und überraschenderweise treten nicht alle panisch die Flucht an. Zwei der Studenten feiern das Grauen als Stoff für ihre ethnologische Abschlussarbeit. Eine dritte ist psychisch labil und anfällig für die Verführungskraft eines Kults, der sich als Ersatzfamilie anbietet, ihre Traumata in kollektiven Ritualen lindert – und dem Chaos ihres Lebens eine Ordnung entgegensetzt, in der Tod und Sexualität kontrollierbaren Gesetzen folgen. Für all ihre Monstrositäten findet die Sekte eine scheinlogische Herleitung aus der Natur. Ohne seine Geschichte je zum Demonstrationsobjekt zu degradieren, diskutiert Aster große Gegenwartsthemen: die freudige Umarmung des Irrationalen, die Normalisierung von Dingen, die eben noch unaussprechlich waren.

Ekel, Furcht und Panik

Formal lebt der Film vom Kontrast der tiefen Angst und einer sommerlich-leichten Oberfläche. Immer wieder weckt Aster mit schlichten Mitteln Ekel, Furcht und Befremden. Aber er belässt es nicht dabei. Wie schon im Debüt baut er auch jetzt wieder massive Schocks ein, zerstört menschliche Körper in Nahaufnahmen und dreht die Schraube dabei immer stärker an; gerade mit der Fülle an schrecklichen Bildern wächst die Distanz zum Geschehen. Wenn der Schlussakt das Entsetzen auf die Spitze treibt, wirkt es beinahe dekorativ. Das hat „The Wicker Man“, Asters großes Vorbild, deutlich besser hingekommen. Am Ende bleibt „Midsommar“ ein bemerkenswerter Angstfilm. Einen ganz neuen Maßstab setzt er nicht.

„Midsommar“. USA 2019. R: Ari Aster. D: Florence Pugh, Jack Reynor, William Jackson Harper, Vilhelm Blomgren, Will Poulter. 147 Minuten. Ab 26. September im Kino.

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