Anti-Macho mit Haltung Jonathan Berlin heute im ARD-Film „Nachts baden“

Von David Sarkar

Sehnsüchte und Einsamkeit: Kasimir (Jonathan Berlin) fühlt sich ausgebootet. Pola (Maria Furtwängler) bekommt es mit. Foto: NDR/Erika HaurSehnsüchte und Einsamkeit: Kasimir (Jonathan Berlin) fühlt sich ausgebootet. Pola (Maria Furtwängler) bekommt es mit. Foto: NDR/Erika Haur

Berlin. Eigentlich wollte Jungschauspieler Jonathan Berlin Puppenspieler werden. Ein Glück, dass es dazu nicht kam. Der 25-Jährige bereichert die Filmwelt durch sein sensibles und eindringliches Spiel. Eine Begegnung in Berlin.

Auf einer WG-Party wäre Jonathan Berlin sicherlich nicht der Mensch, der einem als Erstes auffallen würde. Er wäre nicht der, der sich egozentrisch sofort in den Mittelpunkt stellen müsste. Aber Berlin wäre der Mensch, mit dem man sich bis zum Morgengrauen über das Leben unterhalten würde, wenn alle anderen Gäste schon lange gegangen sind. Danach würde man nach Hause gehen und dankbar sein für diese Begegnung mit diesem wachen und intelligenten Menschen, der über sich selber sagt: „Nachdenklichkeit, Melancholie, Ernsthaftigkeit – das sind Eigenschaften, die mir sehr vertraut sind. Auch das Sich-in-den-Kontext-Stellen, zu dem was in der Welt passiert. Wenn man das alles verfolgt und ernst nimmt, führt das automatisch zu einer Nachdenklichkeit oder Melancholie.“

Im Fernsehfilm „Nachts baden“, heute um 20.15 Uhr im Ersten, spielt der gebürtige Ulmer die Rolle des Kasimir. Ein junger BWL-Student, der mit seiner Kommilitonin Jenny (Tijan Marei) nach Mallorca reist. Jenny leidet unter Prüfungsangst und möchte sich in der Finca ihrer Mutter Pola (Maria Furtwängler) gemeinsam mit Kasimir in Ruhe auf ihre Prüfungen vorbereiten. Pola ist Rocksängerin, doch der große Erfolg scheint vorbei. Zu allem Überfluss teilt ihr Manager Butzke (Karsten Antonio Mielke) dann auch noch mit, dass ihre geplante Tournee abgesagt wurde. Große Krise, Selbstzweifel, Zukunftsangst. Pola versucht diese Gefühle hinter ihrer coolen Fassade zu verbergen, doch es hilft alles nichts.

Und sowieso ist alles kompliziert: Jenny stellt Kasimir bei der ersten Begegnung nur als „Kommilitonen“ vor. Kasimir möchte von Jenny jedoch mehr als Freundschaft, doch die interessiert sich nur für den Manager Butzke. Schließlich haben Jenny und Butzke ein Date und landen im Bett. Und Kasimir? Der fühlt sich zu Pola hingezogen. Sie sitzen zusammen am Pool. Dann haben auch sie ein Date, zur gleichen Zeit wie Jenny und Butzke, am Strand in der Nacht.

Berlin sagt: „Was mich an dem Drehbuch grundsätzlich interessiert hat, ist dieses etwas sommernachtstraummäßige Pool-Szenario. Die Sehnsüchte, die Einsamkeit dieser Figuren und die Dynamik, die ich darin gelesen habe, fand ich spannend.“

„Nachts baden“ wirkt oft etwas arg konstruiert, zudem überspannt Maria Furtwängler als Pola den Coolness-Bogen, indem sie permanent Anglizismen verwendet. Beim Essen sagt sie „Das schmeckt delicious!“, wenn sie sich über ihre Tochter aufregt: „Oh please, Jenny!“, aber natürlich ist in ihrer Finca immer „Open House“.

Dass der Film mit seinen zwischenmenschlichen Irrungen und Wirrungen am Ende trotzdem funktioniert, liegt vor allem an Berlin. Sein Kasimir ist sensibel und überlegt und tut sich anfänglich schwer damit, seiner Meinung und seinen Gefühlen Gehör zu verschaffen. Ein angenehmer Gegenpol zum selbstverliebten Butzke. „Bei Kasimir und Butzke treffen zwei verschiedene Generationen und Männlichkeitsmodelle aufeinander. Dieses leicht machoangehauchte ist nichts mehr, was unsere Generation groß interessiert“, sagt Berlin beim Interview in Berlin. Es sei heute viel moderner und zeitgemäßer, zur eigenen Verletzlichkeit zu stehen und diese auch als Stärke zu sehen. „Das mag ich an Kasimir, dass er sich von diesem Machogehabe klar abgrenzt und sein eigenes Ding macht.“

Sein eigenes Ding macht auch Berlin. Mit sieben Jahren wollte er Marionettenspieler werden. Das Spiel mit den Puppen wurde zum ersten Kontakt mit dem Theater. „Ich habe die Filme der Augsburger Puppenkiste geguckt und fand das total beeindruckend“, sagt er. Mit sieben Jahren schnitzte er sich seine erste Marionette. „Das Spannende am Marionettenspiel ist für mich, dass man die Puppe einerseits von außen, also von oben sieht und gleichzeitig aber auch die Figur spielt. Quasi Schauspiel und Regie in einem“, sagt er. Mit 13 steigt er beim Jungen Ensemble in Ulm ein und spielt dort unter anderem den „Puck“ im „Sommernachtstraum“ von William Shakespeare. Bis 2012 bleibt er dort. Als er mit 18 Jahren sein Schauspielstudium an der Otto-Falckenberg-Schule in München beginnt, ist er der Jüngste in seinem Jahrgang. Das war nicht nur von Vorteil: „Es gab Kommilitonen, die waren sechs Jahre älter als ich. Ich war deshalb bestimmt angreifbarer, da weniger in mir ruhend, als andere“, sagt er. Zu einer klassischen Ausbildung würde er allen jungen Menschen raten, die Schauspieler werden möchten: „Das Gute ist, dass man wahnsinnig viele Möglichkeiten bekommt sich in einem geschützten Raum auszuprobieren. Für mich war diese Ausbildung sehr elementar und wichtig.“ Neben Engagements an den Münchner Kammerspielen hat sich Berlin mittlerweile auch einen Namen in der Filmbranche erspielt. Im berührenden Kinofilm „Die Freibadclique“ von Friedemann Fromm (2017) kämpfte er Seite an Seite mit Jungschauspielern wie Theo Trebs und Andreas Warmbrunn für eine unbeschwerte Jugend im Zweiten Weltkrieg und im ARD-Fernsehfilm „Kruso“ (2018) überzeugte er als „Ed“, der auf der Insel Hiddensee inmitten einer Kommune den Zusammenbruch der DDR erlebt.

Berlin ist ein Mensch mit Haltung. Im Mai 2019 startete er eine Klima-Petition, um zu erreichen, dass innerhalb der nächsten drei Monate in Deutschland ein Klimanotstand ausgerufen wird. Mittlerweile haben über 55000 Menschen die Petition unterzeichnet, damit ist das Ziel erreicht. Nun wartet er auf seinen Termin im Bundestag: „Voraussichtlich wird es Ende des Jahres soweit sein. Es wird dann eine Anhörung im Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages geben. Die Sitzung ist öffentlich und wird im Bundestagsfernsehen übertragen. Man hat am Anfang ein paar Minuten Redezeit und wird dann den Rest der Stunde von Vertretern der Parteien befragt.“

Zur Klima-Krise hat er eine klare Meinung: „Wir müssen uns einfach klar darüber werden, dass uns die Zeit davon läuft. Das ist ja auch das Bewusstsein, wofür die „Fridays for Future“-Bewegung so grandios kämpft. Da schließt sich unsere Generation gerade echt zusammen. Das ist ein elementares Signal, ein Weckruf und ein Grund zur Hoffnung.“


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