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Heute bei "Die Höhle der Löwen" Sirplus: der Supermarkt für Essen mit abgelaufenem MHD

Sirplus: Die "Rettermärkte" stellen sich in der "Höhle der Löwen 2019" vor.  Foto: SirplusSirplus: Die "Rettermärkte" stellen sich in der "Höhle der Löwen 2019" vor. Foto: Sirplus
Sirplus

Berlin. In der "Höhle der Löwen" stellt sich heute "Sirplus" vor, ein Markt für Produkte jenseits des Haltbarkeitssdatums. Die Gründer im Interview.

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Die Sirplus-Gründer erklären ihre Idee

In der "Höhle der Löwen" geht es heute um "Sirplus", eine Supermarkt-Kette, die Lebensmittel mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum verkauft. Wir haben den Gründern Martin Schott und Raphael Fellmer Fragen zu ihrem Kampf gegen Lebensmittelverschwendung geschickt. Dies sind ihre Antworten. (Vox zeigt den Beitrag zu "Sirplus" am Dienstag, 24 September, ab 20.15 Uhr.)

Herr Fellmer und Herr Schott, was unterscheidet Ihre Läden von einem klassischen Supermarkt?

Neben unseren Onlineshop haben wir drei Rettermärkte in Berlin, so nennen wir unsere Supermärkte. Wir verkaufen dort Bio- sowie Nicht-Bio-Lebensmittel, verpackte Trockenware, Getränke und Backwaren sowie Obst und Gemüse, kühlpflichtige Waren von Milchprodukten über Fleisch sowie Fertigprodukte und haben sogar Tiefkühlprodukte im Angebot. Ebenso haben wir gerettete Kosmetik und andere Dinge des täglichen Gebrauchs für Küche und Bad.

Unser Sortiment ist flexibel, es gibt oft Überraschungen und manchmal sind Produkte auch einfach aus, da wir nie garantieren können, ob und wie viel übrig bleibt. Insgesamt haben wir mittlerweile um die 500 verschiedene Produkte in unseren Rettermärkten die sich in Steglitz, Neukölln und Friedrichshain befinden. Der Hauptunterschied zu einem klassischen Supermarkt ist, dass unsere Produkte bis zu 80 Prozent, durchschnittlich 40 Prozent  preiswerter als in normalen Supermärkten sind, die meisten Produkte in unseren Rettermärkten bereits das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten haben und wir insgesamt nicht so viele Produkte anbieten wie ein herkömmlichen Supermarkt.

Martin Schott und Raphael Fellmer verkaufen bei Sirplus auch krumme Karotten. Foto: Sirplus

Sirplus setzt ein Zeichen gegen die Lebensmittel-Verschwendung. Können Sie den Missstand in ein paar griffigen Zahlen illustrieren? Wieviel schmeißen wir weg?

Allein in Deutschland werden laut dem WWF jährlich 18 Millionen Tonnen also rund 50 Prozent aller importierten und in Deutschland produzierten Lebensmittel verschwendet, das entspricht ungefähr einer LKW Ladung pro Minute. Bei einer vierköpfigen Familie sind das rund tausend Euro die an Lebensmittel jährlich verschwendet werden. Der WWF schätzt, dass circa zehn Millionen Tonnen vermeidbar wären. Davon fallen circa fünf Millionen Tonnen also rund 50 Prozent, beim Endverbraucher in Deutschlands Haushalten an. Das bedeutet, dass circa fünf Millionen Tonnen von den Lebensmitteln, die verschwendet werden, gerettet werden können.

Was schmeißen selbst Sie weg?

Wir versuchen natürlich so wenig wie möglich wegzuschmeißen, aber da wir in unseren Rettermärkten Obst und Gemüse verkaufen, welches teilweise auch schon etwas reifer ist sowie Molkerei- und Fleischprodukte, welche kurz vor oder nach dem Mindesthaltbarkeitsdatum stehen, spenden wir mehrmals die Woche an foodsharing das, was wir am nächsten Tag nicht mehr verkaufen können. Aber wir müssen auch immer wieder Obst und Gemüse aussortieren, weil andere Händler sich die Sortierarbeit nicht machen wollen, und dann verkaufen wir eben die noch perfekten Früchte oder Gemüse und entsorgen den Rest in der Bio-Tonne. Ohne SIRPLUS wäre sonst alles verschwendet worden.

Warum der Name Sirplus? Und wie spricht man das überhaupt aus?

SIRPLUS ist ein Wortspiel und leitet sich vom englischen Wort "surplus" ab, welches Überschuss bzw. Überangebot bedeutet. Der Name spiegelt also den immensen Überschuss und Verschwendung von Lebensmitteln wider, welche wir für unsere Kunden wieder zugänglich machen wollen. Deswegen haben wir aus dem "Sur" ein "Sir" gemacht, um damit unseren Service zu symbolisieren, also den Verbrauchern gerettete Lebensmittel zu ihnen nach Hause zu bringen bzw. in unseren Rettermärkten wie ein Butler zu servieren und schmackhaft zu machen. Außerdem ist der "Sir" ein Zeichen für die Wertschätzung von Lebensmitteln, auch wenn sie krumm sind, abgelaufen sind oder zu viel produziert wurde. Das “Plus” steht für den Wert, den Lebensmittel haben. Ausgesprochen wir es Sörrplass oder phoentisch geschrieben: ˈsɘːplas .

Woher kommen Ihre Produkte?

Die meisten unserer Lebensmittel retten wir in großen Mengen direkt bei Produzenten, Großhändlern und Logistikern, aber nicht bei Supermärkten. Dies sind vor allem Lebensmittel, die aufgrund des MHDs aussortiert wurden. Mittlerweile haben wir mehr als 600 Partner, die mit uns zusammenarbeiten und dankbar sind über die Kooperation.

In Berlin holen wir fast täglich bei Butter Lindner, METRO und anderen Großhändlern ab und zwar nur das, was die Tafeln nicht retten können oder wollen. Das Tafel-First Prinzip ist uns aber auch bei allen anderen Kooperationen ein wichtiges Anliegen, weil wir die Tafeln nur ergänzen wollen.

Unser konventionelles Obst und Gemüse retten wir täglich auf dem Berliner Großmarkt, während wir das Bio-Obst und -Gemüse von unserem Partner Querfeld beziehen, die es wiederum direkt von den Landwirten beziehen, die froh sind, dass sie auch ihr zu groß gewachsenes oder einfach zu viel produziertes Obst und Gemüse noch verkaufen können.

Die Partner, von denen wir die meisten unserer geretteten Produkte beziehen, sind unter anderem veganz, METRO, Voelkel, Allos und Tartex.

Sie haben auf der einen Seite Basics wie Äpfel und Karotten, gern auch schief gewachsen, im Sortiment. Auf der anderen Seite gibt es bei Ihnen aber auch eine große Menge an neumodischen Bio-Lifestyle-Produkten: Chips aus blauen Kartoffeln, Fruchtmus-Bonbons, südamerikanische Mole-Sauce. Wie kommt es zu dem hohen Anteil an hippen Special-interest-Produkten?

Wir retten grundsätzlich alles was wir können, und da es ständig neue Produktinnovationen im Lebensmittelbereich gibt, die auch für die Tafeln oft nicht interessant sind, weil sie zu speziell sind, haben wir besonders viele hippe und Special-Interest-Produkte bei uns am Start.

Sirplus: Diese Produkte gehören zum Sortiment. Foto: Sirplus/Janosch Kunze

Welche Warenangebote lehnen Sie ab?

Grundsätzlich darf man in Deutschland keine Lebensmittel mit einem abgelaufenen Verbrauchsdatum verkaufen, weil es gesundheitsschädlich sein kann. Dieses Datum findet sich jedoch nur auf wenigen, sehr sensiblen Produkten wie z.B. Hackfleisch oder rohen Eierspeisen. Ansonsten kaufen wir auch keine Produkte an, bei denen die vorgeschriebene Kühlkette nicht eingehalten wurde. Immer wieder kommt es auch vor, dass wir einfach zu große Mengen von teilweise mehreren Lkws angeboten bekommen, und das müssen wir dann aus Kapazitätsgründen ablehnen.

Wovon hätten Sie bzw. Ihre Kunden gern mehr im Sortiment?

Gerade Grundnahrungsmittel sind immer sehr beliebt, also z.B. Nudeln oder Reis und natürlich schon zubereitete Speisen aus dem Convient Bereich, was wir derzeit noch kaum haben. Aber wir konnten unser Produktangebot in den letzten zwei Jahren von 30 auf mittlerweile über 500 Produkte ausbauen und arbeiten ständig daran, noch mehr zu retten, um immer mehr zum Vollsortimenter zu werden. Um es den Kunden noch komfortabler zu machen, haben wir jetzt auch nicht gerettete Bio-Grundnahrungsmittel wie Öl, Reis, Tomatensauce etc. ins Sortiment aufgenommen.

Was waren die kuriosesten Produkte in Ihren Läden? Was sind Ihre Bestseller?

Eiswürfel laufen auch ab und gut verkauft sich einfach immer frisches Obst und Gemüse sowie Molkereiprodukte und vegane Spezialprodukte.

Wo überall gibt es Sirplus? Was für Standorte sind für Sie am geeignetsten?

Neben unseren drei Rettermärkten, die sich in Berlin Steglitz, Neukölln und im Prenzlauer Berg befinden, verkaufen wir über unseren Onlineshop verpackte Lebensmittel nach ganz Deutschland. Da wir das Thema der Lebensmittelwertschätzung in die Mitte der Gesellschaft bringen möchten und nach vegan, bio und fairtrade zum Mainstream machen wollen, haben wir uns ganz bewusst für frequentierte Lagen entschieden.

Betrachten konventionelle Lebensmittel-Märkte Sie als Partner oder als Konkurrenz?

Kein Einzelhändler – auch keine großen Supermarktketten – möchte Lebensmittel wegschmeißen, und deswegen freuen sich unsere Partner dementsprechend, wenn es für die Lebensmittel, die auch die Tafeln nicht nehmen möchten, SIRPLUS gibt. Das spart Entsorgungskosten, und wir zahlen sogar noch einen symbolischen Betrag für die Lebensmittel. Deswegen sehen uns die konventionelle Lebensmittel-Märkte nicht als Konkurrenten, sondern als Dienstleister mit einer Lösung für ihr Problem, was auch noch eine Win-Win-Win Situation schafft für die Umwelt, die Kunden und unsere Partner.

Und wie ist es mit den Tafeln? Nehmen Sie den wohltätigen Kollegen etwas weg?

Nein, laut dem WWF, sind in Deutschland circa. zehn Millionen Tonnen Lebensmittel vermeidbar. Davon fallen circa fünf Millionen Tonnen, also rund 50 Prozent beim Endverbraucher in Deutschlands Haushalten an.

Das bedeutet, dass fünf Millionen Tonnen von den Lebensmitteln, die verschwendet werden, von SIRPLUS, den Tafeln, foodsharing und anderen Organisationen gerettet werden können. Es gibt also viel mehr Lebensmittel die gerettet werden können, als Bedürftige, die diese essen könnten in Deutschland. 

Außerdem gilt bei uns ausnahmslos die Tafel-First-Regel. Das bedeutet, dass wir unsere neuen Partner immer darauf hinweisen, dass wir die Tafeln mit unserer Mission nur ergänzen wollen und diese immer Vorrang hat. Wenn es also um einen Betrieb geht, der schon mit der Tafel kooperiert, holt die Tafel meistens als Erstes ab, und wir retten nur das, was die Tafel nicht abholen kann oder möchte. Des Weiteren kaufen wir unseren Partnern die Lebensmittel nur für einen sehr geringen, symbolischen Preis ab. Damit möchten wir verhindern, dass der Anreiz, die Lebensmittel zu verkaufen, statt zu spenden so gering wie möglich ist.

Machen Sie Gewinn?

Nein, wir haben bisher knapp eine Million Euro in SIRPLUS investiert und zahlen derzeit noch für jedes Produkt, das wir verkaufen, drauf, aber das soll sich in Zukunft über die Skalierung ändern, und dann werden wir auch Gewinne machen und unsere Schulden zurückzahlen sowie weiter in SIRPLUS investieren.

Ist Ihr Geschäftsmodell von Spenden und ehrenamtlichen Helfern abhängig oder stehen Sie wirtschaftlich auf eigenen Füßen?

Anfangs haben bei uns ca. 70 Prozent unbezahlte Praktikanten gearbeitet, aber mittlerweile werden fast alle Menschen, die bei SIRPLUS arbeiten, entlohnt. Darüber sind wir super stolz. Wirtschaftlich stehen wir noch nicht komplett auf eigenen Füßen, aber wir haben jetzt genügend Kapital von Impact Investoren bekommen um das zu erreichen.

Martin Schott und Raphael Fellmer von Sirplus. Foto: Sirplus

Wären politische Weichenstellungen wie ein Verbot, verzehrfähige Lebensmittel wegzuwerfen, oder eine Umstellung des Mindesthaltbarkeitsdatum hin zur Best-before-Wendung eine Bedrohung für Ihr Geschäftsmodell?

Wir plädieren für viel mehr Bildung für das Thema und setzen uns da auch mit dem Bündnis Lebensmittelrettung für ein – sowie mit unseren kostenlosen Rettertouren und unserer Aufklärungsarbeit in den Medien. Es würde uns sehr freuen, wenn die Bundesregierung mehr für das Thema machen würde. Und da wir als Impact Startup das Ziel haben, die Lebensmittelverschwendung zu reduzieren, sehen wir das nicht als Bedrohung, sondern als Gewinn für unsere Vision. Wir glauben aber auch, dass wir ein Teil der Lösung werden und auch in Zukunft genügend Lebensmittel retten können. Und wenn wir irgendwann nicht mehr in Deutschland und Europa wachsen können, weil alle überschüssigen Lebensmittel gerettet werden, dann gibt es immer noch viele weitere Gegenden in der Welt, wo Lebensmittel verschwendet werden, und wir mit unserem innovativen Konzept Lebensmittel retten können.

Was wollen Sie mit dem vielen Geld der Löwen eigentlich machen?

Wir wollen unseren Onlineshop ausbauen, das Franchise Konzept etablieren und die SIRPLUS Eigenmarke, also Produkte aus überschüssigen Lebensmittel herstellen die wir dann in normalen Supermärkten vertreiben, so dass wir wirklich Mainstream werden und noch viel mehr Menschen zu Lebensmittelrettern werden können.

Hand aufs Herz: Suchen Sie in der „Höhle der Löwen“ einen Investor oder vor allem erstmal ein Forum für Ihr berechtigtes Anliegen?

Wir suchen tatsächlich nach Impact Investoren und denken, wir geben den Löwen auch eine Chance mit uns gemeinsam die Welt enkeltauglicher zu gestalten, aber selbstverständlich ist uns klar, dass wir mit dem Auftritt bei den Löwen auf einen Schlag Millionen Menschen erreichen. Da wir von Anfang an sehr stark auf die Medien gesetzt haben, um Bewusstsein und Wertschätzung für Lebensmittel in der Gesellschaft zu steigern, ist DHDL natürlich perfekt, um die Message zu verbreiten!

Auch schiefe Gurken kann man essen. Foto: Sirplus


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