Tanja Langers Buch über Alfred Herrhausen als Hörbuch Die Studentin, der Banker und die RAF

Sieben Jahre lang war Tanja Langer in den 1980er Jahren mit dem Bankmanager Alfred Herrhausen befreundet. 1989 wurde er von der RAF ermordet. Foto: Barbara SchnabelSieben Jahre lang war Tanja Langer in den 1980er Jahren mit dem Bankmanager Alfred Herrhausen befreundet. 1989 wurde er von der RAF ermordet. Foto: Barbara Schnabel

Osnabrück . 2012 schrieb Tanja Langer über ihre Freundschaft mit Alfred Herrhausen. 30 Jahre nach seiner Ermordung ist das Buch jetzt auch zum Hören erhältlich.

Noch lange nach seinem Tod glaubte sie ihn zu sehen. Meistens an Flughäfen. Mit diesen Gedanken beginnt der Text, in dem Tanja Langer ihre Freundschaft mit dem damaligen Vorstandssprecher der Deutschen Bank beschreibt. Und die ist ungewöhnlich. War er doch 32 Jahre älter als die damalige Abiturientin. Und der Bankmanager lebte in einer völlig anderen Welt als die spätere Studentin aus dem links-alternativen Milieu.

Die beiden haben sich 1980 während einer Talkshow kennengelernt. Anschließend diskutierten sie an dem Abend weiter. Ein Funke sprang über, aus dem eine innige Freundschaft wurde. Herrhausen forderte Langer auf, ihm zu schreiben. Sie sendete ihm viele Briefe, auf die er stets mit Anrufen reagierte, drei oder vier Mal in der Woche. Sie trafen sich, wenn es der Terminkalender des Vielbeschäftigten erlaubte, der Politiker beriet und den Aufsichtsrat der Daimler Banz AG leitete.

Doch das Buch ist vielmehr als der Einblick in die Freundschaft der beiden, die sich für die Philosophie begeisterten. Es ist ein Ritt durch die deutsche Geschichte, der von der RAF und den Ereignissen um die Wende geprägt ist. Vier Wochen nach dem Mauerfall, am 30. November 1989, wurde Herrhausen von der RAF ermordet. Er war für die Terroristen ein Feindbild wie Hanns-Martin Schleyer. Die Täter hatten eine Bombe auf einem Fahrrad am Straßenrand deponiert. Herrhausen verblutete auf der Rückbank.

Anschlag der RAF: Polizeibeamte stehen im November 1989 in Bad Homburg (Hessen) am Wrack der Limousine von Alfred Herrhausen. Autorin Tanja Langer war mit dem damaligen Deutsche-Bank-Chef befreundet. Foto:dpa/Kai-Uwe Wärner

Auch solche Details hat Tanja Langer erst Jahre nach dem Attentat recherchiert. Sie vermag es nicht nur durch die persönlichen Erlebnisse, sondern auch durch Recherchen bei Journalisten, Weggefährten und in Stasi-Akten ein umfassendes Bild der Zeit und von Alfred Herrhausen zu zeichnen. Sie zeigt den Mann hinter der Position und dem Geld. Und öffnet einen ganz anderen Blick auf den Banker, über den Vorstandskollegen klagten, dass er nie Zeit für sie gehabt, kein Interesse und keine menschliche Wärme gezeigt hätte. Der Horizont dieser Menschen sei ihm einfach zu eng, hat er Tanja Langer sein Verhalten erklärt.

Im Buch tragen alle Figuren, auch sie und Herrhausen, andere Namen. Hier begegnen sie sich als Julius Turneck und Helen. Langer nutzt die schriftstellerischen Freiheiten, die ihr diese Konstruktion bietet, lässt Helen mal aus der Ich-Perspektive erzählen, um sie auch von außen zu beschreiben. Auch das trägt zur Fülle bei.

Für Herrhausen gehöre es zum Leben dazu, sich mit Sachverhalten zu beschäftigen, so wie sie sind. Und nicht, wie man sie gerne hätte, sagte Alfred Herrhausen in einem Interview mit Gero von Böhm sechs Wochen vor seinem Tod. Auch darin zeigt sich sein rhetorisches Talent, er galt als energisch und fleißig. Er dachte anders als viele und brachte damit seine Gegner auf den Plan. Zum Beispiel mit der Idee, den armen Ländern einen Teil ihrer massiven Schulden zu erlassen. Zwei Tage vor seiner Ermordung soll er seinen Rücktritt bei der Deutschen Bank erklärt haben, den er an seinem 60. Geburtstag antreten wollte.  

Langer hielt den Kontakt in ihrem Umfeld weitgehend geheim. Sie sorgte sich vor den Reaktionen und hat gut daran getan. Das zeigte sich bei der Beerdigung, aber auch in Berichten über die Freundschaft zwischen der vermeintlich „kleinen“ Schülerin, der Herrhausen ein väterlicher Freund gewesen sein soll. Mal wird gemunkelt, wie weit die Freundschaft denn wohl gegangen wäre. Dass er sie als Gesprächspartnerin, Freundin und auch Beraterin geschätzt hat – wie sich auch darin zeigte, dass er in seinem Freundeskreis durchaus von ihr erzählte – vermag sich mancher nicht vorzustellen. Herrhausens Frau konnte das. Sie lud die Studentin zur Beerdigung ein, schenkte ihr vier Jahre nach dem Mord seinen Füller und gab ihr ihre Briefe zurück.

Deutlich zeichnet Langer im Buch den Verlust in den Raum, der ihr der Tod Herrhausens bedeutet. Die feinen Schilderungen, die Atmosphäre, die Heiterkeit und die Trauer treten dadurch noch deutlicher hervor, dass das Hörbuch von der Schauspielerin Eva Mattes eingesprochen ist. Sie moduliert einmal mehr die Stimmungen, Momente und Gedanken.

Langer wurde nach dem Tod Herrhausens erfolgreiche Schriftstellerin. In dieser Idee hat er sie in den sieben Jahren ihrer Freundschaft immer wieder ermutigt.

Tanja Langer: Der Tag ist hell, ich schreibe dir. Gelesen von Eva Mattes, United Soft Media Verlag, 2019, 798 Minuten, 16,99 Euro.


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