"Der Ort, von dem die Wolken kommen" Polizeiruf 110 heute Abend aus München: So gut ist die Neue

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Osnabrück. Matthias Brandt ist Vergangenheit, am Sonntag gibt Verena Altenberger im ARD-Programm ihren Einstand als Kommissarin Elizabeth "Bessie" Eyckhoff im Polizeiruf 110 aus München: "Der Ort, von dem die Wolken kommen".. Als Streifenpolizistin ist sie eine echte Ausnahmeerscheinung im Sonntagskrimi des Ersten.

Das Warten hat ein Ende. Lange zuvor angekündigt, gab Matthias Brandt als Münchner Ermittler Hanns von Meuffels im letzten Dezember mit der extrem starken Folge „Tatorte“ seinen Ausstand beim Polizeiruf 110. Ganz so, als habe er die Messlatte noch ein bisschen höher platzieren wollen, als sie ohnehin schon lag. Als Nachfolger des ebenfalls großartigen Edgar Selge hinterließ er gewaltige Fußstapfen, in die hineinzutreten man sich erst mal trauen muss.  (So gut war der letzte Polizeiruf mit Matthias Brandt)

Es traut sich eine Frau. Eine, die ihre neue Rolle als „sehr, sehr große Ehre“ empfindet. Eine, die viele Fernsehzuschauer in Deutschland nicht oder kaum kennen werden: Verena Altenberger, jung (31), Österreicherin und nach der Absage von Sophie Rois die Wunschbesetzung der zuständigen Redakteurin Cornelia Ackers. Die ist beim Bayerischen Rundfunk (BR) seit vielen Jahren der Mastermind hinter dem Polizeiruf.

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Nun wollte Ackers, die auch schon die Rolle für Matthias Brandt konzipiert hatte, einen Kurswechsel. Der Polizeiruf aus München, schon lange eine hochklassige und immer wieder überraschende Ausnahmeerscheinung, sollte „jünger, offener, weiblicher“ werden, wie Ackers im BR-Interview zum Film sagt. „Weniger hierarchisch, nicht so sehr: Der Kommissar oder die Kommissarin wird’s schon richten.“

Dafür begibt sie sich mit ihrer Hauptdarstellerin Verena Altenberger auf neues Terrain. Die spielt nämlich keine sportlich-ruppige Kommissarin á la Lena Odenthal, keine toughe LKA-Ermittlerin á la Charlotte Lindholm, keine unzerstörbare Großstadtpflanze á la Nina Rubin. Nicht einmal eine Hauptkommissarin. Sondern eine Streifenpolizistin. Elisabeth Eyckhoff, zu der alle „Bessie“ sagen. Oberkommissarin. Höherer Dienst, aber eben ein „Streifenhörnchen“. Im Sonntagskrimi ein nahezu unbekanntes Wesen.

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Denn Cornelia Ackers glaubt, „dass sich die Zuschauer mit so einer jungen Frau viel stärker identifizieren, wenn sie sie auf der Karriereleiter begleiten können“, wie sie dem Branchendienst „Blickpunkt Film“ sagte. Auch wenn sie Bessie Eyckhoff nicht als Karrieristin angelegt hat, sondern als eine, die „lieber mit dem Pförtner Karten spielt“.

Auch ansonsten stellte sich Cornelia Ackers ein vermeintliches Dreamteam zusammen: Als Drehbuchautor engagierte sie Günter Schütter, den sie als „begnadet“ und ihren „Lieblingsautor“ bezeichnet. Und auch für die Regie suchte die Redakteurin in der ersten Liga und wurde fündig – in Florian Schwarz. Der wurde nicht nur für seinen Film „Das weiße Kaninchen“ mit einem Grimme-Preis dekoriert, sondern auch für den Tukur-Tatort „Im Schmerz geboren“, den manche Zuschauer und etliche Kritiker für den besten Tatort des auslaufenden Jahrzehnts halten.  (War "Im Schmerz geboren" der beste Tatort des Jahrzehnts?)

Name zurückgezogen

Reibungslos verlief die Zusammenarbeit allerdings nicht. Das wurde spätestens in dem Moment deutlich, in dem Drehbuchautor Schütter seinen Namen zurückzog, sich hinter dem Pseudonym Thomas Korte verbarg und mit dem Schwarz-Spezi Michael Proehl ein weiterer Autor hinzugezogen wurde.

In der Branche gilt ein solcher Rückzug als untrügliches Zeichen für Spannungen – die Cornelia Ackers dann auch in „Blickpunkt Film“ bestätigt: Es habe Prozesse gegeben, „in denen sich Günter Schütter mit seinem Buch nicht mehr so deutlich gesehen hat“. Regisseur Schwarz habe eine sehr konkrete Vorstellung, wie er manche Bilder umsetzen möchte und Autor Schütter habe dazu gesagt: „Das kann man so machen, aber es ist dann nicht meins“.

Wer den Film sieht, bekommt eine Ahnung davon, was ihn gestört haben könnte. Auf einer Wiese in München sitzt ein schwer verstörter Jugendlicher, stopft sich Styroporstäbchen in den Mund und kaut auf ihnen herum. Weil er einen Ladendiebstahl begangen hat, sammelt ihn eine Polizeistreife ein. Schnell wird deutlich, dass der Junge Hilfe braucht: Er ist völlig verwahrlost, verhaltensgestört, zahlreiche Wunden und Narben weisen auf schwere Misshandlungen hin.

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Da die für solche Fälle eigentlich zuständige Abteilung keine Leute hat, kümmert sich Streifenpolizistin Bessie Eyckhoff um Poulou (Dennis Doms), wie sich der Junge nennt, der schnell ein wenig Vertrauen zu ihr fasst. Er wird in einem Krankenhaus untergebracht, in dem sich auch die Polizistin einquartiert. Sie will herausfinden, ob es weitere Kinder gibt, die wie Poulou misshandelt wurden. Als eine sonderbare Frau im Pelzmantel in die Klinik eindringt und versucht, den Jugendlichen zu töten, beschließen Eyckhoff und die auf eine Behandlung traumatisierter Kinder spezialisierte Psychologin (Katja Bürkle), mit Hypnose Poulous Geheimnis zu ergründen.

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Spätestens hier wird aus dem Krimi ein Krimimärchen. Um Eyckhoffs Gehirn quasi mit dem des Jungen zu synchronisieren, wird auch die Polizistin in Trance versetzt – so etwas gibt es nur im Film. Und auch Eyckhoffs Kollegen und Halbbruder Cem (Cem Lukas Yeginer) kann man sich im wahren Leben kaum als Polizisten vorstellen. In diesem Polizeiruf ist der literweise Softdrinks schlürfende so überflüssig wie übergewichtig.

Gut – besser – Bessie? So weit ist der Polizeiruf aus München noch lange nicht. Aber Verena Altenberger mit ihrer bodenständigen, handfesten Art und ihren skurrilen Humor gibt auf alle Fälle einen Einstand, der Lust auf weitere Auftritte macht. Dann darf’s gerne ein bisschen näher an der Realität sein.

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Polizeiruf 110: Der Ort, von dem die Wolken kommen. Das Erste, Sonntag, 15. September 2019, 20.15 Uhr.


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