Am Samstag im Fernsehen Bleibend aktuell: Kostümfilm über Ottilie von Faber-Castell

Hochherrschaftlich, reich, aber nicht glücklich: Alexander (Johannes Zirner) und Ottilie (Kristin Suckow) von Faber-Castell
Bild: ARD Degeto/Martin SpeldaHochherrschaftlich, reich, aber nicht glücklich: Alexander (Johannes Zirner) und Ottilie (Kristin Suckow) von Faber-Castell Bild: ARD Degeto/Martin Spelda

Osnabrück. Ottilie von Faber-Castell war eine ungewöhnliche Frau. Höhere Tochter, Fabrik-Direktorin, geschiedene Mutter. Und das Ende des 19. Jahrhunderts. Eine Kostümfilm im Ersten zeichnet ihre Geschichte nach.

„Natürlich habe ich Stifte von Faber-Castell zu Hause“, sagt Kristin Suckow. „Bleistifte, Bundstifte, Textmarker – hat doch jeder.“ Aber von Ottilie von Faber-Castell, nein, von der hatte die Schauspielerin noch nie gehört. Bis sie sie spielen durfte.

Und diese Rolle ist herausfordernd – in vielerlei Hinsicht. „Ich habe auch vorher schon Hauptrollen gespielt“, sagt die 29-Jährige, die auch viel Theater spielt, im Gespräch mit unserer Redaktion. „Aber noch nie eine, bei der ich vom ersten bis zum letzten Drehtag dabei war.“ Drei Monate wurde in Prag und Umgebung gedreht, schließlich ist der Spielfilm, der heute im Ersten ausgestrahlt wird, eigentlich ein Zweiteiler: drei Stunden dauert er, aber die werden nicht langweilig.

„Herausfordernd war auch, dass ich Ottilie von jugendlichen Sechzehn bis zu ihrer Scheidung mit 41 spiele“, sagt Kristin Suckow. Da konnten auch zwischen zwei Szenen locker fünfzehn Jahre liegen. Geholfen hätten ihr bei diesen Sprüngen besonders Kostüm und Maske. „Das war sehr aufwändig. Ich habe zu Beginn des Drehs zwei Wochen von früh bis spät damit verbracht, Kostüme anzuprobieren und Frisuren auszuprobieren.“ Die meisten Kostüme und Requisiten sind original aus der Zeit. „Die wurden aus ganz Europa zusammengesucht“, sagt Suckow. „Die vielen originalgetreuen Details waren ein Geschenk. Sie haben mir sehr geholfen, in die Figur und die Zeit einzutauchen.

Gerade noch Schulmädchen, jetzt kommende Direktorin: Ottilie von Faber (Kristin Suckow) am Vorstandstisch. Bild: ARD Degeto/Martin Spelda

Denn die Situationen zur Zeit der Ottilie Faber sind unseren sehr fremd. Mit 16, das war 1896, war sie höhere Tochter im Internat. Dann starb überraschend ihr, Vater, der einzige männliche Erbe der Bleistiftfabrik. Und Ottilie wurde von ihrem Großvater Lothar Faber dazu ausersehen, die Leitung der Firma zu übernehmen. Bis zu einer klugen Heirat natürlich. „Lass dich nicht zu sehr von deinem Herz leiten“, rät er. Und so wird nichts aus ihrer Liebe zu Philipp von Brand zu Neidstein (Hannes Wegener); sie heiratet Alexander von Castell (Johannes Zirner), und von Stund an war der Name der Firma geändert: aus Faber wurde Faber-Castell.

Und Ottilie rückte zurück in die Rolle, die ihr zustand: Ehefrau und Mutter. „Treib ihr diese Selbstverwirklichungsphantasien aus“, sagt Alexanders Mutter kurz nach der Hochzeit. „Ich glaube nicht, dass sie damit einverstanden wäre“, antwortet der. Und doch wird Ottilie die Leitung der Firma Stück für Stück, Kind für Kind, etwas mehr aus der Hand genommen.

„Die Menschen waren damals sehr gefangen in Rollen und Konventionen“, sagt Kristin Suckow über ihre Rolle. „Die Frauen, aber die Männer ganz genauso.“ Das Korsett war eng – modisch wie real. Und dass Ottilie immer unglücklicher wurde und die Ehe mit Alexander immer liebloser, das störte niemanden. Nur die Form musste gewahrt bleiben. Deshalb war es ein unfassbar, dass Ottilie sich während des Ersten Weltkriegs entschloss, die Scheidung zu verlangen und mit ihrer großen Liebe Philipp von Brand zu leben. Eine Entscheidung, die einen hohen Preis hatte …

Erst nach vielen Jahren finden Philipp von Brand (Hannes Wegener) und Ottilie (Kristin Suckow) zusammen. Unter skandalösen Umständen. Bild: ARD Degeto/Martin Spelda

Von all dem findet sich auf der Internet-Seite der Firma Faber-Castell wenig. Dort werden Ottilie und Alexander als „5. Generation“ mit ihren fünf Kindern, darunter Stammhalter Rudolf, vorgestellt. „Die Firma hat natürlich ihre eigene Sicht auf die Familiengeschichte“, sagt Kristin Suckow. „Einmal war jemand von ihnen am Set, sie wollen den Film auch sehen, aber ob er ihnen gefällt, weiß ich nicht.“

Denn Alexander Faber-Castell kommt in dem Film nicht nur gut weg. Sohn Rudolf soll sogar die Frucht eines Übergriffs gewesen sein, den wir heute „Vergewaltigung in der Ehe“ nennen. Wie kam es zu diesen doch sehr privaten Kenntnissen? „Der Film basiert auf dem Roman ‚Eine Zierde in ihrem Haus‘ von Asta Scheib“, erzählt Kristin Suckow. Die Autorin habe sich tief in Archive vergraben und zahlreiche persönliche Briefe von Ottilie gefunden. „Einige dieser Briefe sind auch im Anhang des Buches abgedruckt. Sie haben mir sehr dabei geholfen mich einzufühlen, wie Ottilie gedacht und gefühlt hat.“

Frauen im Vorstand - heute noch ungewöhnlich

Vor allem im Hinblick auf ihre Ehe und auf ihren Versuch, Beruf und Familie zu verbinden. Und diese Frage ist heute noch aktuell. „Seit Ottilies Zeit vor rund hundert Jahren hat sich zwar viel getan“, sagt Kristin Suckow. „Aber wir finden auch heute noch alte Rollenmuster in unserer Gesellschaft.“

Kinderbetreuung, gerechte Arbeitsteilung in der Familie, gerechte Bezahlung – all das sind noch Themen für heute. Kristin Suckow ist kinderlos und kann drei Monate in Prag drehen. „Ich habe aber bei Schauspielerkolleginnen gesehen, wie schwierig das sein kann.“ Bei männlichen Schauspielerkollegen auch? „Gleichberechtigung geht nur gemeinsam“, sagt Suckow. „Es bleibt viel zu tun.“ Deshalb sei der Film über Ottilie von Faber-Castell zwar historisch, stelle aber durchaus Fragen für heute. „Und nur so“, sagt Kristin Suckow, „hat so ein Film ja auch Sinn.“

Ottilie von Faber-Castell. Eine mutige Frau. Am Samstag, 14. September 2019, um 20.15 Uhr im Ersten


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