Reformen bei FSK-Filmfreigaben Gewalt ist nicht immer nicht gleich Gewalt

Von Tilmann P. Gangloff

Bei der Freiwilligen Selbstkontrolle (FSK) geht es um den Jugendschutz. Foto: Roland Holschneider dpaBei der Freiwilligen Selbstkontrolle (FSK) geht es um den Jugendschutz. Foto: Roland Holschneider dpa

Wiesbaden. Wenn sich ältere Erwachsene an verstörende Fernseherlebnisse aus ihrer Kindheit erinnern, geht es oft um einen allzu spannenden „Tatort“ oder einen spätabends heimlich geschauten Horrorfilm. Bis zur Einführung des Videoverleihs in den Achtzigern war das Fernsehen die einzige Möglichkeit, einen Blick auf verbotene Bewegtbilder zu erhaschen. Das Kino war dagegen schon immer konsequent reguliert.

Für die entsprechenden Freigaben sorgen seit siebzig Jahren die Prüfausschüsse der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft. Kann sich die Runde nicht einigen – ab sechs oder ab zwölf Jahren, ab zwölf oder ab 16? –, wird die jeweils strengere Variante gewählt. Natürlich gab es immer wieder mal strittige Fälle. Die Freigabe von Til Schweigers Beziehungskomödie „Keinohrhasen“ (2007) ab sechs Jahren stieß angesichts der teilweise sexgeprägten Dialoge auf Unverständnis bei vielen Eltern. „Harry Potter und die Kammer des Schreckens“ (2002) sollte dagegen erst ab zwölf freigegeben werden, was garantiert zu Dramen an der Kinokasse geführt hätte; der Verleih kürzte daraufhin einige der spannendsten Szenen. Bald darauf wurde das „Elternprivileg“ eingeführt: In Begleitung von Erziehungsberechtigen dürfen auch Sechsjährige Filme ab zwölf Jahren besuchen.  

Zur Sache

Die Freiwillige Selbstkontrolle
Im Sommer 1949 hat die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft in Wiesbaden ihre Arbeit aufgenommen. Die FSK ist nach dem Jugendschutzgesetz zuständig für die Alterskennzeichnung von filmischen Inhalten im Kino und auf Video/DVD. Seit ihrer Gründung hat sie fast 250.000 filmische Inhalte geprüft und freigegeben: Spielfilme, Dokumentationen, Kurzfilme, Serien, Trailer, Werbespots, Musik-Clips, Konzertaufnahmen sowie Bonusmaterial auf DVDs. Derzeit werden pro Jahr rund 12.000 Freigaben erteilt. Über die Altersfreigaben entscheiden derzeit noch rund 230 ehrenamtliche Prüferinnen und Prüfer, die aus unterschiedlichen Berufsfeldern und gesellschaftlichen Bereichen stammen. Viele haben Erfahrung in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen oder in der Medienwirkungsforschung. 

Im Großen und Ganzen hat sich das Verfahren bewährt. Trotzdem wird die Prüfpraxis im kommenden Jahr radikal geändert: Die FSK entwickelt laut Geschäftsführer Stefan Linz ein „kriterienbasiertes Klassifizierungs-Tool“, das die Prüfverfahren vereinfachen soll. Dieses Tool bestehe „aus einem dynamischen Web-basierten Fragebogen mit Fragen zu allen jugendschutzrelevanten Sachverhalten.“ Bei einem linearen filmischen Inhalt seien die Antworten vollständig überprüfbar. Für die Nutzer nicht sichtbar ist jede Antwortoption mit einer sogenannten Beurteilungslogik verknüpft. Sie bestimmt nach einer zuvor festgelegten Definition eine Altersbewertung.

Hundert Fragen

Der Fragebogen ist in verschiedene Kategorien eingeteilt. Neben der Darstellung von Gewalt und Sexualität oder der Thematisierung von Drogenkonsum werden auch weniger offenkundige Aspekte des Jugendschutzes berücksichtigt, zum Beispiel selbstverletzendes Verhalten oder Suizid. Der Fragebogen umfasst derzeit knapp hundert Fragen, die aber nicht alle beantwortet werden müssen. Wird eine der Kategorien nicht tangiert, fallen die zugehörigen Unterfragen weg. Wird eine Einstiegsfrage dagegen mit „Ja“ beantwortet, folgen detaillierte Fragen zu dieser Kategorie. Linz erläutert dies am Beispiel Drogenkonsum: „Der Nutzer muss zunächst angeben, ob der Konsum bildlich dargestellt oder ‚nur’ thematisiert wird. Dann folgen weitere Fragen zu verschiedenen Details: Handelt es sich um harte oder weiche Drogen, sind Minderjährige involviert, wird der Konsum kritisch darstellt?“ Dank exakter Definitionen habe der Nutzer praktisch keinen Interpretationsspielraum, was wiederum Voraussetzung dafür sei, „dass unterschiedliche Nutzer zu identischen Ergebnissen kommen.“

Skeptische Jugendschützer

Jugendschützer sind trotzdem skeptisch. Sie verweisen auf die Niederlande, wo ein vergleichbares Freigabesystem schon vor geraumer Zeit eingeführt worden ist. Neutrale Tests hätten ergeben, dass die Übereinstimmungen mit den Freigabeentscheidungen eines Prüfausschusses bei 85 Prozent lägen. Die restlichen 15 Prozent seien jedoch der Knackpunkt. Freigaben, die auf Algorithmen basierten, fielen erfahrungsgemäß strenger aus, weil in den standardisierten Codierungsbögen der Handlungskontext nicht berücksichtigt werden könne, sagt ein erfahrener Jugendmedienschützer: „Gewalt ist ja nicht immer gleich Gewalt, es gibt Unterschiede in der Intensität und in der Drastik der Darstellung. Beides lässt Rückschlüsse auf die Frage zu, ob die Gewalt befürwortet wird; solche Differenzierungen sind bei Fragebögen nicht vorgesehen.“

In strittigen Fällen wird es allerdings wie bisher die Möglichkeit geben, in Berufung zu gehen; dann befasst sich ein Prüfausschuss mit dem Inhalt. Davon abgesehen ist es überfällig, dass sich die Freigabepraxis viel stärker an den Bedürfnissen der Verbraucher orientiert. Die FSK-Kennzeichnungen stellen ja keine Altersempfehlung dar. Eine sinnvolle Ergänzung wäre zum Beispiel eine nutzerfreundliche Grafik, die Eltern auf einen Blick vermittelt, für welches Alter ein Film geeignet ist oder dass er für Kinder bedenklich sein könnte, weil er Sex- oder Gewaltszenen enthält.


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