Streaming-Debatte Netflix vs. Kino: Worüber wird da eigentlich gestritten?

Netflix auf der großen Leinwand? Das wünschen sich die Kinos. Foto: NetflixNetflix auf der großen Leinwand? Das wünschen sich die Kinos. Foto: Netflix

Berlin. Seit Jahren liegen Netflix und die Kino-Betreiber im Clinch. Worum geht es bei dem Streit?

Jim Jarmusch und Woody Allen haben für Amazon gedreht. Netflix hat Filme von Susanne Bier, den Coens und Steven Soderbergh rausgebracht: Längst treten die Streamingdienste nicht mehr nur mit Serien hervor, sondern auch als Verleiher oder Produzenten von Filmen. Martin Scorseses „The Irishman“ – ein für Ende des Jahres angekündigter Mafia-Film mit Robert De Niro und Al Pacino – hätte ohne das Geld von Netflix nicht realisiert werden können. Die großen Streamingdienste beleben das Geschäft nicht nur mit Milliarden-Beträgen: Sie stehen auch in dem Ruf, ihren Künstler große Freiheiten zu gewähren, und investieren in Nischenformate, für die klassischen Produzenten und Verleihern oft der Mut fehlt.  

Film ausgebuht– nur weil er von Netflix ist

Trotzdem liegt das Unternehmen im Clinch mit Kinobetreibern und Cineasten. Zur Berlinale forderte der Verband der Filmkunsttheater, Isabel Coixets „Elisa y Marcela“ von den Preisen auszuschließen; in der Pressevorführung wurde sogar das Netflix-Logo ausgebuht. Von Steven Spielberg stammt der Vorschlag, dem Streamingdienst als TV-Anbieter die Oscar-Würden zu verwehren. Und schon vor zwei Jahren eröffnete Pedro Almodóvar die Festspiele von Cannes 2017 mit einem entschiedenen Plädoyer für die Leinwand: Filme, die nur im Internet zu sehen sind, seien für ihn – den damaligen Jury-Präsidenten – nicht preiswürdig. Die zwei Netflix-Filme im Wettbewerb waren damit sozusagen disqualifiziert.

Weil Almodóvar schon damals nicht der einzige Kritiker war, änderte Cannes seine Regeln. Seit 2018 ist Filmstart in Frankreich Bedingung für die Wettbewerbsteilnahme. Netflix zog daraufhin mehrere Prestige-Projekte wie Cuaróns „Roma“ aus dem Festival zurück. Stattdessen gewann das Werk dann in Venedig den Hauptpreis – und wenig später drei Oscars, darunter den für die Regie und den besten fremdsprachigen Film. 

Was ist ein Verwertungsfenster?

Kern der Debatte sind die sogenannten Verwertungsfenster. Sie garantieren Kinos einen exklusiven Zeitraum, in dem Filme nur bei ihnen zu sehen sind. Die Regelungen und Gepflogenheiten fallen international unterschiedlich aus. In Deutschland dürfen Filme, wenn sie öffentlich gefördert wurden, erst nach einem halben Jahr auf DVD oder als Video on Demand vertrieben werden, auf Antrag kann auf vier Monate verkürzt werden. In Frankreich dagegen gilt müssen Abo-Streamingdienste eine Sperrfrist von 36 Monaten einhalten. Wäre „Roma“ in Cannes gelaufen, hätten Netflix-Kunden den Film erst drei Jahre später abrufen können.

Während Amazon Produktionen wie den Oscar-Anwärter „Cold War“ oder Gus Van Sants „Don't Worry, He Won't Get Far on Foot“ regulär ins Kino bringt, lässt Netflix es auf den Konflikt ankommen. „Roma“ – ein Film, der wie kein zweiter die große Leinwand verlangt, – lief in Deutschland nur in wenigen Kinos und an einzelnen Tagen als Sonderveranstaltung, vergleichbar mit einer Opern-Übertragung. Dass eine klassische Auswertung ausblieb, lag auch an den Kinobetreibern – die das von Netflix vorgeschlagene Exklusivfenster von nur einer Woche nicht akzeptierten.

Wie groß ist die Konkurrenz wirklich?

Was in der Konfrontation leicht übersehen wird: Das Publikum macht den Streit gar nicht mit. Wer gern zu Hause streamt oder DVDs guckt, geht in der Regel auch gern ins Kino. Das hat zuletzt die Kinobesucher-Studie der Filmförderungsanstalt ergeben. Cineasten wollen offenbar beides: den jederzeit verfügbaren Filmgenuss über das Netz – und das Leinwanderlebnis. Es besteht also Hoffnung auf eine gelingende Ko-Existenz von Kinos und Streamingdiensten. 

Mehr zum Thema


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN