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"Stunden der Entscheidung" im ZDF TV-Kanzlerin: Wie aus Heike Reichenwallner Angela Merkel wurde

Foto: ZDF/Hans-Joachim PfeifferFoto: ZDF/Hans-Joachim Pfeiffer

Berlin. Noch nie eine Hauptrolle – und dann die Kanzlerin. Ihrer Ähnlichkeit mit Angela Merkel verdankt es die Berliner Schauspielerin Heike Reichenwallner, dass sie im Dokudrama „Stunden der Entscheidung – Angela Merkel und die Flüchtlinge“ (ZDF, 4. September, 20.15 Uhr) die vermeintlich mächtigste Frau der Welt spielt.

Frau Reichenwallner, es gibt von Rio Reiser die Songzeile „Das alles und noch viel mehr würd‘ ich machen, wenn ich König von Deutschland wär“. Was würden Sie tun, wenn Sie Kanzlerin von Deutschland wären?

Ich würde vor allem versuchen, dass ich energetisch auf den Level von Frau Merkel komme. Während der Dreharbeiten habe ich immer und immer wieder gedacht: Wie schafft sie das nur über Jahre hinweg?

Das merkt man sogar, wenn man sie nur spielt?

Ja, auf jeden Fall. Wir hatten Drehtage, die früh anfingen und spät endeten, aber am Ende bildet der Film nur einen einzigen Tag in ihrem Leben ab. Was sie an diesem einen Tag alles gemacht hat, ist einfach unglaublich. Reden halten, fliegen, Interviews geben, Telefonate, diese ganze Flüchtlingskrise bewältigen – dafür braucht man eigentlich die Energie eines Sportlers. Davor habe ich den allergrößten Respekt.

Wie sind Sie eigentlich an die Rolle gekommen, wer hat Sie dafür entdeckt?

Ich habe Anfang 2018 schon mal die Kanzlerin gespielt, aber nur in einer kleinen Szene bei Klaas Heufer-Umlauf in der „Late Night Berlin Show“. Das war reine Satire, da reichte es, so auszusehen wie Angela Merkel. Bis dahin war mir überhaupt nicht bewusst gewesen, dass ich Ähnlichkeit mit ihr habe. Es gab ein E-Casting mit dem Handy, also nicht gerade gehobenes Niveau – ich hab mir einfach einen Blazer angezogen, eine Kette umgebunden, die Haare hinter die Ohren gekämmt und gedacht: Naja, vielleicht hilft’s ja. Besondere Hoffnungen habe ich mir nicht gemacht, aber der Anruf kam postwendend. Als ich dann in der Maske saß, bekam ich einen Schreck und dachte: Du siehst ja wirklich so aus wie Frau Merkel.

Sie haben sich erschreckt?

Nicht darüber, dass ich so aussah, sondern darüber, wie schnell es ging, mich in sie zu verwandeln. Das hatte ich nicht für möglich gehalten.

Foto: ZDF/Hans-Joachim Pfeiffer

Dieser Auftritt war Ihr Entree für die Rolle in „Stunden der Entscheidung“?

Damals konnte ich das ja nicht ahnen. Fast ein Jahr später hatte ich dann Kontakt zu dem Berliner Caster Uwe Bünker. Der bat mich um ein paar aktuelle Fotos, stelle auch die Ähnlichkeit fest und sagte: Wir suchen gerade eine Merkel.

Was war Ihr erster Gedanke, als man Ihnen die Rolle anbot?

Das war ja ein längerer Prozess und nicht etwa so, dass gleich jemand anrief und sagte, Du bist es. Zunächst gab’s ein erstes Casting, dann einen Recall, also ging‘s zum zweiten Casting und schließlich zum Casting mit Regie und Maske. Erst danach stand es fest.

Eine Frau zu spielen, von der fast jeder meinst Sie zu kennen, ist vermutlich eine ziemliche Herausforderung.

Auf jeden Fall. Aber ich hatte einen Coach, um auch die Körperlichkeit, den Blick und alles, was sie ausmacht, zu verinnerlichen. Ich habe stundenlang Videos geguckt. Natürlich kannte ich sie aus den Nachrichten, so wie jeder andere auch. Aber jetzt sollte ich sie spielen, da musste ich auch körperlich etwas machen – zum Beispiel sind bei Frau Merkel ja oft die Schultern etwas verkrampft, weil sie dauernd in ihr Handy guckt.

Hat Ihnen die Zeit der Annäherung gefallen?

Ja, weil ich gemerkt habe, wie ich ihr näherkomme und dass ich sie in vielen Punkten immer besser verstehe. Und meine Bewunderung für ihre Leistung ist ständig gewachsen, aber auch für das Bauchgefühl, dass sie gerade in dieser Flüchtlingsfrage hat walten lassen. Gerade sie, die ansonsten alles scharf durchdenkt, hat in dieser Situation gesagt, das ist eine Ausnahme, es geht jetzt nicht anders.

Als Sie im März den Film drehten, wurden Sie den ganzen Tag mit „Frau Bundeskanzlerin“ angesprochen. Kam Ihnen das komisch vor oder war es eine Rolle wie alle anderen?

Eine Rolle wie alle anderen war es mit Sicherheit nicht. Wenn ich morgens nach der Maske dieses Sakko anhatte und diese Kette, dann war ich‘s einfach. Ich fühlte mich sehr eng mit ihr persönlich verbunden – das geht mir heute noch so, wenn ich sie im Fernsehen sehe. Als sie kürzlich zitterte, hatte ich das Gefühl, dass ich auch gleich beginne zu zittern. Ich habe mich nicht als Kanzlerin gefühlt, sondern als der Mensch Angela Merkel. Zumal ich ja die Szenen gespielt habe, die man von ihr sonst nicht sieht, weil sie der Öffentlichkeit verborgen bleiben. Wo es möglich war, hat man Originalbilder verwendet – ich war für die Szenen da, in denen Frau Merkel nicht gefilmt wird. Zum Beispiel, wenn sie hinten im Auto sitzt und ne Schrippe verspeist, weil sie seit acht Stunden nichts zu essen bekommen hat.

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Sie waren also die Frau für die fiktionalen Szenen des Films.

Richtig. Es gab zwar Interviews mit anderen Politikern, aber ihr engster Kreis ist schon sehr diskret, da dringt nicht viel nach außen. Irgendwann haben wir mal erfahren, dass sie ihren Kaffee schwarz trinkt – auch so etwas war schon eine interessante Information, denn wir wollten natürlich alles richtig machen, was man richtig machen kann.

Wie lange haben Sie morgens in der Maske gebraucht?

Ungefähr eine Stunde. Ich habe das immer als eine tolle Zeit empfunden – man geht als Heike rein und kommt als Angela wieder raus. Das hilft natürlich. Wobei – ich habe mich nie in die mächtigste Frau der Welt verwandelt gefühlt, sondern immer in den Menschen Angela Merkel.

Was hat sich am sonderbarsten angefühlt? Der Blazer, die Frisur?

Der Blazer, ganz klar. Wenn ich den angezogen hatte, war ich sie. Ich hatte natürlich Glück, dass mir der Blazer maßgeschneidert wurde und nicht aus irgendeinem Fundus kam.

Kanzlerin für zwölf Tage - eine ziemlich neue Erfahrung für Sie, oder?

Für mich war es vor allen Dingen neu und schön, tatsächlich mal eine Hauptrolle zu spielen. Nicht nur, weil es sich gut anhört, die Hauptrolle zu haben, sondern vor allem, weil man immer am Set ist und alle Leute gut kennt. Wenn man kleine Rollen spielt, kommt man irgendwann für ein, zwei Tage dazu, alle anderen kennen sich schon und man selbst muss sehen, wie man da hineinfindet. Diesmal wusste jeder, was ich mache, und ich wusste, an wen ich mich wenden muss, wenn ich etwas brauchte oder wollte.

Wie real haben Sie sich beim Drehen gefühlt?

Sehr real. Wobei es zu ganz witzigen Szenen kam. Wir sind mal mit dem Kanzlerinnenauto auf einem Trailer am Brandenburger Tor vorbeigefahren, ich guckte aus dem Fenster, die Leute sind stehengeblieben und ihre Gesichter sagten mir, dass sie jetzt denken, sie sehen Frau Merkel. Warum aber sollte Frau Merkel auf einem Trailer fahren? Wir haben uns darüber lustig gemacht und gesagt, dass die Kanzlerin jetzt klimaneutral durch die Gegend fährt.

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Wie ist es denn, den ganzen Tag Angela Merkel zu sein und abends als Heike Reichenwallner nach Hause zu kommen?

Überhaupt kein Problem. Das ist tatsächlich bei jeder Rolle gleich – zu Hause kommt man wieder runter. Glauben Sie nicht, ich hätte da noch Anweisungen an irgendjemanden erteilt.

Der Regisseur Christian Twente sagt, er habe sie als so überzeugend empfunden, dass er das Gefühl gehabt habe, der realen Situation beizuwohnen. Ein größeres Kompliment kann er Ihnen eigentlich nicht machen.

Das stimmt. Ich höre das jetzt zum ersten Mal, obwohl er mich während des Drehs auch gelobt hat. Es war aber auch eine tolle Zusammenarbeit. Christian Twente, sein Kameramann und der der Regieassistent machen seit 20 Jahren zusammen Filme, das merkt man den dreien an und das sieht man auch dem Film an. Twente ist gleichermaßen einfühlsam wie klar. Ich wusste immer, was er von mir will.

Sind Sie auf den Geschmack gekommen? Vielleicht wird ja noch mal eine Kanzlerin beim Film gebraucht.

Beim Film immer gerne. Wenn ich sie noch mal spielen dürfte, wäre es ja eine Anerkennung dieses Films. Und ich habe tatsächlich das Gefühl, dass ich ihr nähergekommen bin.

Wie haben Sie über Angela Merkel gedacht, bevor Sie die Rolle übernommen haben?

Ich habe schon 2015 ganz klar gedacht: Warum geben eigentlich alle der Frau Merkel die Schuld? Die Schuld haben doch all die Länder, die ihre Grenzen dichtmachen. Wenn jedes Land ein paar Flüchtlinge aufnimmt, ist es doch gar kein Problem. Nicht nur in Europa, sondern weltweit. Ohne zu wissen, dass ich jemals so eng damit in Verbindung kommen würde, habe ich es damals schon als sehr groß und stark empfunden, wie sie das gemacht hat.

Wenn Sie Angela Merkel begegnen würden – was würden Sie ihr sagen?

Ich würde ihr zu ihrer Stärke gratulieren, zu ihrem Mut und auch zu der Menschlichkeit, die sie damals gezeigt hat. Ich würde ihr meine Bewunderung dafür ausdrücken, sich in einer so wichtigen Frage auf den Bauch zu verlassen. Und vielleicht würde ich sie nach ihrem Kartoffelsuppenrezept fragen. Ihre Kartoffelsuppe soll nämlich hervorragend sein.


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