Heute Abend im ARD-Programm Tatort „Falscher Hase“ heute Abend aus Frankfurt: Ein großer Spaß

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Osnabrück. Wann immer die Frankfurter Kommissare Anna Janneke (Margarita Broich) Paul Brix (Wolfram Koch) im Tatort ermitteln – eines ist gewiss: Einen Krimi von der Stange wird es mit Sicherheit nicht geben. „Falscher Hase“ macht da heute Abend keine Ausnahme. Dieser Film ist grober Unfug. Und ein großer Spaß.

Freunde des klassischen Krimis werden nicht viel mehr als eine Minute brauchen, um zu wissen, dass dies kein Film für sie sein wird. Da fuchtelt eine Frau ungelenk mit einer Knarre in der Hand vor einem auf seinem Bürostuhl gefesselten Mann herum. Der zappelt, zittert und jammert. „Hajo, Du musst jetzt mal stillhalten,“ mahnt ihn die Frau. „Bist Du denn sicher, dass das die richtige Stelle ist?“ – „Wir haben das doch tausendmal gegoogelt.“ – „Schau bitte noch mal nach.“ – „Ich kann doch jetzt nicht den Computer anmachen und ,Einschusswunden‘ googeln.“ 

Als Biggi ihren Hajo damit konfrontiert, dass die Alternative zum Schuss darin besteht, sich vor die Belegschaft stellen und erklären zu müssen, dass die Firma pleite ist, hat er ein Einsehen. Und Biggi drückt ab. In Hajos Oberschenkel. Den Wachmann, der kurz darauf im Raum steht, trifft sie besser – zwischen die Augen. Da sind noch keine drei Minuten dieses Tatorts vorüber und manch einen Zuschauer dürfte sich denken: Macht da schon wieder einer auf Münster? Nein. „Falscher Hase“ ist ganz anders. Und mindestens genauso witzig.

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Die deutsch-iranische Regisseurin und Drehbuchautorin Emily Atef ist spätestens seit dem vergangenen Jahr keine Unbekannte mehr – ihr Film „3 Tage in Quiberon“ über das Leben von und ein Interview mit Romy Schneider ließ die Kinokassen klingeln und räumte jede Menge Preise ab. Offenbar hat die gute Frau vor über 20 Jahren schon Gefallen an schwarzhumorigen Kinohits wie Tarantinos „Pulp Fiction“ oder „Fargo“ von den Coen-Brüdern gefunden. Anders ist kaum zu erklären, dass sie ihren Frankfurter Tatort mit solch einer blutig-schrägen Sequenz einläutet. Und auch sonst nicht gerade zimperlich ist.

So schräg wie’s begonnen hat, geht’s auch weiter. Das nächste Bild zeigt den Frankfurter Kommissar Paul Brix (Wolfram Koch) irgendwo zwischen vernebelten Feldern neben seinem Auto stehend. Er schwafelt was von den Weisheiten einer japanischen Dichterin, als die Kollegin Anna Janneke (Margarita Broich) hinter einem einsamen Baum hervorgekrochen kommt. Sie musste gerade pinkeln. Wer solche Szenen mag, wird diesen Frankfurter Tatort lieben.

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Das Wetter in diesem Tatort ist wie eine frische Brise nach einem langen heißen Sommer. Im Radio vermeldet eine Stimme den kältesten Novembertag seit Beginn der Aufzeichnungen. Und bei der Polizei ist die Heizung kaputt. Während Janneke und Brix in Pullover und Parka am Schreibtisch hocken, nehmen im Hintergrund Handwerker den Kampf gegen die eigene Unfähigkeit auf.

Was der Zuschauer bereits wissen, die Kommissare aber nicht: Der schissige Hajo und seine treffsichere Biggi sind zwar nicht die hellsten Kerzen auf der Torte, verfügen aber über eine gewisse Bauernschläue. Um den Bankrott ihrer Firma zu vermeiden, planen sie einen Versicherungsbetrug – aus dem Tresor des Büros, in dem Hajo von Biggi angeschossen und der Wachmann erschossen wurde, haben sie wertvolle seltene Erden verschwinden lassen. Nun soll die Versicherung blechen und die Solarzellen-Klitsche der beiden sanieren. Doch natürlich geht schief, was nur schiefgehen kann.

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Schräge Vögel flattern scharenweise durch diesen Film. Kaum eine Figur, die nicht einen ausgeprägten Sprung in der Schüssel hätte. Wie die Witwe des Wachmanns mit der Kugel zwischen den Augen. Die entschuldigt sich für das „Chaos“ in ihrer aufgeräumten Wohnung und bedankt sich bei den Kommissaren artig für die Todesnachricht: „Wenn Sie jetzt nicht gekommen wären, dann hätte ich das vielleicht gar nicht gemerkt. Vielleicht erst in ein paar Tagen. Oder in einer Woche.“

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Emily Atef rückt die klassischen Tatort-Hauptfiguren phasenweise weit in den Hintergrund, minutenlang sind die Kommissare nicht zu sehen. Dafür umso mehr von Biggi und Hajo, die mit großem komödiantischen Talent von Katharina Marie Schubert und Peter Trabner dargestellt werden. Schubert hatte erst im Mai im Stuttgarter Tatort „Anne und der Tod“ eine Glanzvorstellung als mordende Altenpflegerin gegeben und entwickelt sich mehr und mehr zum heimlichen Tatort-Star des Jahres. Trabner kennt man eigentlich aus dem Dresdner Tatort als Gerichtsmediziner Dr. Falko Lammert.

Und warum heißt dieser Tatort jetzt „Falscher Hase“? Weil Biggi dieses Gericht ihrem Hajo immer dann vorsetzt, wenn es ihm schlecht geht. Ihr Rezept erscheint sonderbar – sie brät ihn mit Buttermilch und Gelatine, Anchovis und Sojasauce. Aber vielleicht sollte man ihn doch mal nachkochen – der Kommissarin hat’s auf jeden Fall geschmeckt. Weil er so saftig ist. Wie dieser Film.

Tatort: Falscher Hase. Das Erste, Sonntag, 1. September 2019, 20.20 Uhr.

Wertung: 5 von 6 Sternen


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