Heute Abend im ARD-Programm Polizeiruf 110 heute Abend aus Brandenburg: „Heimatliebe“ und Joints

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Osnabrück. Der Polizeiruf 110 kommt heute Abend aus Brandenburg und ist der drittletzte Auftritt von Maria Simon als Olga Lenski. Für Diskussionen dürfte die Folge „Heimatliebe“ aber vor allem sorgen, weil Lenski ihr Kollege Adam Raczek (Lucas Gregorowicz) zum Joint greifen, und das auch noch am Steuer.

Und wieder tickt die Uhr eine Krimi-Ermittlerin am Sonntagabend. Maria Simon konnte zwar nie an die Popularitätswerte einer Ulrike Folkerts oder Maria Furtwängler heranreichen, aber sie hat ihren Job immer gut gemacht, oft auch sehr gut. In der Rolle der Hauptkommissarin Olga Lenski behauptete sich die zierliche Schauspielerin ab 2011 im Brandenburger Polizeiruf 110 als Vorgesetzte des bulligen Horst Krause. Und sie bildet seit 2015 zusammen mit Lucas Gregorowicz ein sehenswertes Ermittlerpaar im deutsch-polnischen Kommissariat Swiecko.

Vor einem halben Jahr aber gab sie einigermaßen überraschend ihren Rückzug bekannt: „Was kommt, steht in den Sternen – ich weiß nur, ich muss weiterziehen, weiter lernen, Neues entdecken.“ Damit folgt die vierfache Mutter ihrem Ehemann Bernd Michael Lade in den Krimi-Ruhestand. Der war nämlich mal lange Jahre (von 1992 bis 2007) an der Seite von Peter Sodann Tatort-Ermittler. Zunächst in Dresden und dann in Leipzig.

Tote Kühe

Etwas Zeit für den Abschied gibt Maria Simon ihren Fans allerdings noch – der Fall „Heimatliebe“ an diesem Sonntag ist ihr drittletzter Auftritt als Olga Lenski. Es ist nicht ihr bester, aber es ist einer, der für Diskussionen sorgen wird. Denn am Ende, im letzten Bild, als alles aufgelöst ist, sitzen Lenski und ihr Kollege Adam Raczek (Lucas Gregorowicz) im Auto, Raczek zündet sich grinsend einen Joint an und reicht ihn der fahrenden Lenski, die mit einem Lächeln übernimmt. Kiffende Kommissare, dazu auch noch am Steuer, hat es so im ARD-Sonntagskrimi noch nicht gegeben.

Außergewöhnlich ist dieser Polizeiruf aber auch aus anderen Gründen, denn die ersten Leichen sind – Kühe. Und die ersten Worte werden auf Polnisch gesprochen (und deutsch untertitelt): „Unsere Tiere“. Diese Besonderheit bewahrt sich der Brandenburger Polizeiruf – es wird viel Polnisch gesprochen. Das ist gut so, weil die meisten Polen auch in diesem Film tatsächlich von Polen gespielt werden.

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Der Hof, auf dem der Stall von Brandstiftern in Flammen gesetzt wurde, steht kurz hinter Grenze und gehört der Familie Sekula. Der Vater ein polnischer Bauer, seine Frau eine Internetbekanntschaft aus Deutschland, die auch nach vier Jahren noch kein Polnisch spricht, und ein 15-jähriger Junge, der wenig Verständnis für seine deutsche Stiefmutter und ihren Wunsch übrighat, wieder auf die andere Seite der Grenze zu ziehen.

Lenski und Raczek beschäftigt deren Schicksal allerdings erst mal nicht. Sie haben genug zu tun - mit einem abgetrennten Finger, der auf einem Feld in Polen gefunden wurde, und einem Reichsbürger, der im Brandenburgischen einen Gerichtsvollzieher als Geisel genommen hat. Drehbuchautor und Regisseur Christian Bach macht in den ersten zehn Minuten seines TV-Debüts gleich drei Handlungsstränge auf und es sich selbst zur Aufgabe, diese im weiteren Verlauf zusammenzuführen.

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Es dauert, bis sich aus Unappetitlichkeiten, Spinnereien und Schweinereien ein Krimi entpuppt, der dem Anspruch des Sonntagabends im Ersten entspricht: Nach 23 Minuten sind nicht nur die Kühe tot, sondern auch ihr Besitzer. Auf seinem Hof brutal zusammengeprügelt von offenbar denselben Leuten, die seinen Stall angezündet hatten. Und Deutsch sprachen.

Langsam, ganz langsam, findet dieser Polizeiruf sein Thema: Die steigenden Preise auf ihrer Seite der Grenze haben deutsche Agrarkonzerne offenbar aufmerksam gemacht auf die Höfe in Polen mit ihren fruchtbaren Böden. Und nicht nur Ultranationalisten in Polen befürchten den Ausverkauf ihrer Heimat über Strohmänner an die Deutschen.

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Christian Bach findet dafür allerdings zuweilen höchst sonderbare Bilder. Gleich mehrfach stehen ein paar Dutzend polnische Bauern auf einem abgelegenen Sträßchen zwischen ihren Feldern, recken Plakate in die Höhe und verkünden lautstark ihren Widerstand. An einem Ort, an dem sie niemand hört und niemand sieht außer der zufällig gerade vorbeifahrenden Polizei. Solche Demos gibt’s wohl auch in Polen nicht, denn auch dort dürfte bekannt sein, wo man den Mund aufmachen muss, wenn man gehört werden will.

Sympathieträger gibt’s nicht viele in diesem Film. Hier die polnischen Ultranationalisten, dort der deutsche Reichsbürger, der mit jungen Faschos in den Wald zieht, um Wehrertüchtigung zu betreiben. Mittendrin der Bürgermeister Roland von Seedow-Winterfeld, ein mit seiner greisen Mutter aus dem Westen zugezogener adeliger Kunstsammler und – sonderbarerweise - alter Freund der Familie Lenski, der dem leicht minderbemittelten Reichsbürger Jaschke (Waldemar Kobus) immer wieder ein ermahnendes „Du du du“ mitgibt. Ein Mann, der so überhaupt nicht in diesen Krimi zu passen scheint, dessen Darsteller aber der prominenteste von allen ist: Hanns Zischler.

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Christian Bachs erster Fernsehfilm ist durchwachsen. Die Story entfaltet sich spät – umso schneller merkt man als Zuschauer dann, wo der Hase langläuft. Viele Figuren wirken grob geschnitzt und echte Spannung will auch nicht aufkommen, auch wenn am Ende alle auf alle ballern. „Ich hab keinen Bock mehr. Sollen die Idioten sich doch alleine abknallen,“ sagt Olga Lenski irgendwann. Mag sein, dass Maria Simon ähnlich gedacht hat, bevor sie die Kündigung einreichte.

Polizeiruf 110: Heimatliebe. Das Erste, Sonntag, 25. August 2019, 20.15 Uhr.

Wertung: 3 von 6 Sternen


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