Heute Abend im ARD-Programm Tatort „Nemesis“ heute Abend aus Dresden: Was sagt uns der Titel?

Foto: MDR/W&B Television/Daniela IncoronatoFoto: MDR/W&B Television/Daniela Incoronato

Osnabrück. Der Tatort kommt heute Abend aus Dresden und trägt einen Titel, den nicht jeder sofort verstehen wird: "Nemesis" ist ein Begriff aus der griechischen Mythologie. Und der Krimi durchaus sehenswert, wenn auch nicht so stark wie sein Vorgänger "Das Netz". Dennoch: Cornelia Gröschel ist angekommen.

Der Dresdner Tatort hat unruhige Zeiten hinter sich. 2016 gestartet, gab Hauptdarstellerin Alwara Höfels als Darstellerin der Ermittlerin Henni Sieland schon Ende des darauffolgenden Jahres ihre Dienstmarke wieder zurück, um – wie sie sagte – ihre künstlerische Verantwortung wahrzunehmen. Wenig später schickte auch der mit viel Vorschusslorbeeren gestartete Drehbuchautor Ralf Husmann („Stromberg“) sein Kündigungsschreiben.

Beide klagten über dieselben Beschwerden: Sie konnten ihre persönliche Duftmarke zu wenig einbringen - was der zuständigen MDR-Redaktion vorschwebte, erschien ihnen zu konventionell, zu bieder, zu unpolitisch und zu brav. Wenn zwei Koryphäen ihres Genres so über das Format urteilen, das sie aus freien Stücken verlassen, liegt in der Regel etwas im Argen.  (Alwara Höfels im Interview: Deshalb bin ich beim Tatort ausgestiegen)

Es schien ein quälender Abschied auf Raten eingeläutet, das langsame Dahinsiechen eines Tatorts, dem man besser kurz und schmerzlos den Stecker aus dem Beatmungsgerät gezogen hätte. „Spiegel online“ titelte damals „Tod durch Langeweile“. Dagegen konnte selbst Martin Brambach mit seiner unglaublichen Spielfreude und Humorbegabung wenig ausrichten.  (Hier gibt's ein ausführliches Interview mit Martin Brambach)

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Doch dann, Ende April gab es ein erstes starkes Symptom für eine Wunderheilung: Cornelia Gröschel debütierte als Höfels-Nachfolgerin in der Rolle der Leonie Winkler und die Folge „Das Netz“ entpuppte sich als der stärkste und spannendste Tatort des Jahres – bis heute. An diesem Sonntag muss sich nun zeigen, ob der Patient weiterhin auf dem Weg der Besserung oder gar schon vollständig genesen ist.  ("Das Nest" - der spannendste Tatort des Jahres)

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So viel vorweg: „Nemesis“ ist ein völlig anderer Krimi als „Das Nest“. Eine Ausnahmeerscheinung ist er allein schon wegen seines Titels – wann nennt eine Redaktion ihren Tatort schon mal so, dass vermutlich die Hälfte des Publikums wird googeln müssen, um zu verstehen, was damit gemeint sein könnte?

„Nemesis“, so erklärt es Wikipedia, ist die Göttin des gerechten Zorns in der griechischen Mythologie. Schon Alfred Nobel, Agatha Christie und Philip Roth bedienten sich dieses Namens, um Theaterstücke und Bücher zu betiteln. Nun also reiht sich der Tatort-Regisseur Stephan Wagner ein, der zusammen mit Mark Monheim auch fürs Drehbuch verantwortlich zeichnet. Beide hatten schon für den Dresdner Tatort „Déjà vu“ zusammengearbeitet. Der war nicht sonderlich gelungen.

Ihr neuer Krimi fällt mit der Tür ins Haus beziehungsweise die Leiche mit dem Kopf auf den Schreibtisch. Gleich das erste Bild zeigt den Dresdner Top-Gastronom Joachim Benda in einer Blutlache. Hingerichtet in seinem eigenen Büro. Ein Schuss in den Kopf, zur Sicherheit ein paar weitere in den Körper. So killen Profis. Kein Wunder, dass Mafiosi und Schutzgelderpresser ins Visier der Ermittler rücken.

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Benda hatte in Dresden viele Freunde, die meisten davon mit gut gefülltem Portemonnaie. Aber schnell stellt sich heraus, dass auch Kommissariatsleiter Schnabel (Martin Brambach) ebenso dazu gehörte wie sein ehemaliger Chef, Leonie Winklers Vater Otto (Uwe Preuss). Aus alter Verbundenheit weist Schnabel seine beiden Ermittlerinnen Winkler und Gorniak (Karin Hanczewski) dann auch an, die Witwe des Ermordeten mit Samthandschuhen anzufassen. Was Tatort-Kenner aufhorchen lässt.

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Genau diese Katharina Benda (Britta Hammelstein) ist es, auf die Drehbuch und Regie nun den Fokus richten. Eine sonderbare Frau, die der Polizei von einem vorangegangenen Überfall durch Schutzgelderpresser berichtet und ihre beiden Söhne Viktor (Juri Winkler) und Valentin (Caspar Hoffmann) höchst unterschiedlich behandelt. Eine Frau, die der ermordete Gatte offenbar am liebsten in der Psychiatrie gesehen hätte.

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An „Das Nest“ kann dieser Tatort nicht heranreichen. Vielmehr sortiert er sich ein in die Kategorie „kann man sich angucken, muss man aber nicht“. Interessant ist die Entwicklung der von Cornelia Gröschel dargestellten Ermittlerin Leonie Winkler. Beim ersten Auftritt machte sie verheerende Fehler, es mangelte ihr an Selbstbewusstsein, der einst hoch im Polizeidienst angesiedelte Vater betrachtete sie als Anfängerin ohne Aussicht auf Besserung.

Nun aber kommt sie als starke Frau daher, die Ermittlungen in die richtige Richtung vorantreibt und dem gerade noch übermächtigen Vater die Stirn bietet. Sie tritt dem Alten auf den Schlips und ist so tough, dass man diese Wandlung kaum nachvollziehen kann. Im Kommissariat pickt sie Gurkenscheiben aus der Tupperdose, während Kollegin Gorniak einen Döner verschlingt. Erol Yesilkaya, der das brillante Drehbuch zu „Das Nest“ schrieb, hätte diese Wandlung vermutlich ein wenig vorsichtiger angelegt.

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Das größte Manko am Drehbuch von „Nemesis“ aber ist die Auflösung. Die Hinführung dahin ist wirklich haarsträubend und entzieht diesem Tatort den letzten Rest seiner Glaubwürdigkeit. Dennoch: Der Patient lebt, sollte aber weiterhin intensiv betreut werden. Am besten von Erol Yesilkaya.

Tatort: Nemesis. Das Erste, Sonntag, 18. August 2019, 2015 Uhr.

Wertung: 4 von 6 Sternen


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