Samstagsinterview Warum Fotograf York Hovest ohne Erfahrung über den Atlantik rudert

Foto: Martin HippiusFoto: Martin Hippius

München. Er war weltweit erfolgreiches Model, später Modefotograf – und wollte dann etwas Sinnvolleres tun: York Hovest traf den Dalai Lama, porträtierte ihn, bereiste und fotografierte für „National Geographic“ Tibet und Amazonien. Nun hat der 41-Jährige seinen Fotoband „Helden der Meere“ veröffentlicht, in dem er Faszination und Zerstörung der Ozeane gleichermaßen eindrucksvoll dokumentiert. Im Winter will er mit einem Ruderboot den Atlantik überqueren und hat dabei etwas ganz Besonderes im Sinn, wie er beim Gespräch in einem Münchner Café berichtet:

Herr Hovest, Sie haben da ein ziemlich auffälliges Tattoo an Ihrem Unterarm – was stellt das dar?

Das ist eine maorische Walfischflosse. Entstanden ist es im Amazonas-Dschungel, in der weisen Voraussicht, dass sich mein nächstes Projekt mit den Ozeanen befassen wird. Meine Tattoos sind alle ein bisschen projektbezogen, auf dem anderen Arm habe ich ein tibetisches heiliges Mantra. 

Wo im Dschungel und von wem haben Sie sich die Flosse denn stechen lassen?

Bei den Yanomamis. Ich war ja über 100 Tage auf der Suche nach den bedrohten indigenen Völkern Südamerikas im Regenwald unterwegs. Eine Etappe waren die Yanomamis in Venezuela.

Foto: Joachim Schmitz

Hat’s wehgetan?

Brutal. Wir haben das Stechen analog mit einer Autobatterie gemacht, also ganz grob. Das Tattoo hat ein Freund aus Venezuela gemacht – der wusste schon, was er tut, aber es war schon ziemlich rabiat. Im Dschungel gibt’s eben kein Tattoo-Studio. Da gibt’s vorher einen Schluck Schnaps, und dann muss man da durch. Stundenlang.

Sie scheinen aber auch sonst ziemlich schmerzfrei zu sein, wenn man sich ansieht, was Sie für Ihre Bücher „100 Tage Tibet“ und „100 Tage Amazonien“ an Qualen, Krankheiten und Entbehrungen auf sich genommen haben.

Das kann man so sehen, aber an Schmerzen denke ich dabei gar nicht. Für mich sind das Herausforderungen und absolute Leidenschaft. Ich möchte das tun und freue mich auf Strapazen, die das Leben erst spürbar machen. Alles andere ist eine Komfortzone ohne Ausübung und Nutzung unserer ganzen Sinne.

Gibt’s denn trotzdem etwas, von dem Sie sagen würden, das brauche ich nie wieder im Leben?

Absolut. Menschenmassen, überfüllte Stadien oder U-Bahnen finde ich schrecklich. Im Gegensatz zu einer überfüllten Großstadt gibt’s für mich da draußen nichts Schlimmes. Am Ende ist es der Mensch, der mir zu viel wird, aber nicht die Natur. Hier auf der Leopoldstraße Fahrrad zu fahren ist doch gefährlicher als das, was ich mache.

Dann müssen Sie ja U-Bahn fahren.

(Lacht.) Nee, entweder laufe ich oder nutze Carsharing-Autos.

Sie hatten ja auch mal Ihre Komfortzone gefunden, zunächst als Model, dann als Modefotograf. Da kommt man viel in der Welt rum, ist ständig von schönen Frauen umgeben und wird vom einen oder anderen beneidet. Warum haben Sie die verlassen?

Stimmt, ich wurde früher immer darum beneidet, dass ich diesen Beruf ausübe, musste dann aber ziemlich früh einsehen, dass diese Wahrnehmung bei mir selbst nicht stattfindet. Dass ich abends vom Job nach Hause gekommen bin, mir viele Leute auf die Schulter geklopft hatten, ich selbst es aber nicht so empfunden habe.

Warum?

Das hat auch mit der Zukunft zu tun, mit der Verantwortung für meine Familie und mein Kind. Ich will nicht sagen, dass ich eine Sinneskrise hatte, aber die Frage nach dem Sinn war schon immer ein großer Bestandteil meines Lebens. Und da erschien mir meine Art zu arbeiten nicht nachhaltig genug. Ein Modefoto, das ich heute mache und zwei Tage später groß gelobt wird, ist einen Monat später wieder vergessen und wird in der Zukunft niemanden mehr interessieren.

Eine erhebliche Rolle in Ihrem Werdegang spielt auch der Dalai Lama. Wie lernt man als Modefotograf den Dalai Lama kennen? Der ist ja nicht für sein extravagantes Outfit bekannt.

Geboren wurde die Idee im Urlaub in Schweden. Ich habe damals „Sieben Jahre Tibet“ von Heinrich Harrer gelesen, war von diesem Buch und Tibet fasziniert. Ganz besonders aber vom Dalai Lama, von dem ich bis dahin kaum mehr als den Namen wusste. Ich habe mich damals intuitiv gefragt, wie es wäre, einmal etwas gänzlich anderes zu tun. Die Idee, den Dalai Lama zu porträtieren, habe ich wie einen ersten Schritt in eine neue, unvorhersehbare Welt empfunden. 

Wie haben Sie denn Kontakt zu ihm bekommen?

Ich habe ganz naiv angefragt. Es gibt eine Institution namens „Freunde für einen Freund“ in Frankfurt, die sich um die Belange des Dalai Lama in Deutschland kümmert. Sie organisiert seine Aufenthalte, Vorträge und so weiter. Ich habe mich an diesen Verein gewandt und einfach gefragt, ob es die Möglichkeit gebe, mich ehrenamtlich zu engagieren. Daraufhin bekam ich tatsächlich meine Chance, für vier Tage nach Frankfurt zu reisen und den Dalai Lama während seines Aufenthaltes fotografisch zu begleiten.

Foto: Hovest

Dadurch haben Sie ihn dann auch persönlich kennengelernt?

Klar. Wir waren zusammen im Aufzug, im Hotel, im Flur, und ich bekam auch zwischen seinen Auftritten die Gelegenheit, ihn etwas „privater“ zu erleben. Da habe ich dann meine Porträts gemacht und ihn in Situationen aufgenommen, die natürlich untypisch sind.

Als was für einen Menschen haben Sie ihn kennengelernt?

Als herzlichen, liebevollen älteren Mann, der sich trotz seiner grausamen Erfahrungen das Gute im Herzen bewahrt hat. Ein wundervoller Mensch mit viel Humor.

Humorvoll?

Er macht gern Klamauk und möchte gar nicht so ernst genommen werden, wie die Etikette es vorgibt. Er eröffnet jedes Gespräch mit einem Lachen, irgendeinem Witz oder einer schelmischen Bemerkung, dadurch bricht er ganz schnell das Eis. Und er merkt sofort, wenn sich jemand verstellt. Beim Staatsempfang mit dem Ministerpräsidenten und anderen hochgestellten Persönlichkeiten standen meine Frau, mein damals noch kleiner Sohn im Kinderwagen und ich ganz am Ende der Schlange. Der Dalai Lama ist dann an den ganzen ausgestreckten Händen vorbeigegangen, schnurstracks auf meinen kleinen Sohn zu, hat ihm den Kopf gestreichelt und mit ihm Witze gemacht. Am Ende hat mein Sohn ihm sogar sein Matchbox-Auto geschenkt.

Und Sie haben ihm ein Versprechen gegeben.

Ich konnte damals auch an Empfängen und anderen offiziellen Anlässen teilnehmen. Dabei ist mir aufgefallen, dass das Verhältnis der meisten Menschen zum Dalai Lama sehr einseitig ist – es gibt die Masse der Suchenden, nach Antwort, nach Heilung, dem beinahe Überirdischen. Für diese Menschen da zu sein ist seine Aufgabe auf der Welt, und das ist auch gut so. Aber es gibt keinen Gegenpol, kaum jemanden, der sich fragt, was man denn mal für ihn tun könnte.

Aber Sie haben es getan?

Ja. Ich hatte vielleicht ein Gläschen Wein zu viel an diesem Abend, aber ich habe mir fest vorgenommen, etwas für ihn und Tibet tun zu wollen. Mit meinen Fähigkeiten als Fotograf. Also habe ich mir einen Kugelschreiber und eine Serviette genommen und ihm darauf geschrieben, dass ich ihm ein Versprechen geben möchte, nämlich seine Heimat zu bereisen und herauszufinden, ob sein Volk auch heute noch so tief und innig an ihn glaubt wie zu der Zeit, als er das Land verlassen musste.

Am Ende ist dann Ihr Buch „100 Tage Tibet“ entstanden, später gab’s dann „100 Tage Amazonien“. Auch nicht gerade ein Projekt für Weicheier.

Überhaupt nicht, das war streckenweise viel gefährlicher als Tibet.

Inwiefern?

Was in Tibet Kälte, Höhe und Militär waren, das waren im Amazonasgebiet die Hitze und die Undurchdringlichkeit des Dschungels.

Sie haben sich aber auch ein Loch in den Arm brennen lassen und ein Spucke-Froschgift-Gemisch reingeschmiert. Warum das denn?

Viele indigene Völker berauschen sich auf irgendeine Weise mit Rezepturen aus der sie umgebenden Natur. Anlass hierzu können rituelle Feste sein, aber auch der Aufbruch zur Jagd. In diesem Fall erhöht die Mixtur, sobald sie in den Körper gelangt, die Sinneswahrnehmungen. In diesem Rauschzustand brechen die Männer auf zur Jagd. Man kann in der Nacht wie ein Tier agieren, hört, riecht, fühlt, schmeckt so intensiv, dass man sich nahezu geräuschlos im Dschungel bewegen kann. Das ist ein Erfolgsgarant, um auch große Wildtiere jagen zu können. Ich war eingeladen, an einer solcher Jagd teilzunehmen, und wollte es mir dabei nicht nehmen lassen, dieses Ritual einmal selbst zu erleben.

Sie sind mit auf die Jagd?

Ja klar. Das hab ich natürlich ausprobiert, da bin ich nicht zimperlich. Und es war eine irre Erfahrung.

Aber dann haben Sie sich das Chikungunya-Virus eingefangen.

Ja, leider. Ich bin zweimal sehr krank geworden. Wobei das Chikungunya-Virus nicht das Schlimmere von beidem war. Das ist eine von einer Stechmücke verursachte Krankheit, bei der sich die inneren Organe verkrampfen. Sehr unangenehm, wie ein Gichtanfall, den man nur durch sehr starke Medikamente kurieren kann. Viel schlimmer aber war der Parasit, den ich mir ziemlich am Ende meiner Reisen eingefangen habe und der letztlich zum Abbruch einer Expedition führte.

Was war damit?

Dieser Parasit besetzt den Darm und multipliziert sich um ein Millionenfaches. Das verursacht einen Brechdurchfall, den man einfach nicht aufhalten kann und der einen letztlich dehydrieren lässt. Die Darmflora wird zerstört, man kann kaum noch was essen. Damit hatte ich ganzes Jahr lang Spaß: Krankenhaus, verschiedenste Antibiotika, das ganze Programm.

Sie sind auch eine Weile durchs Amazonas-Gebiet gefahren und haben nichts anderes gesehen als Soja-Plantagen.

Ja, wir sind durch den zentralbrasilianischen Bundesstaat Mato Grosso gereist, der viel größer ist als ganz Deutschland. Man fährt tagelang auf Straßen, auf denen sich der Horizont nie verändert, weil man immer nur Sojafelder sieht, den größten Agrokulturbereich der Erde, alles ehemaliger Regenwald. Da bekommt man bildlich vor Augen geführt, wie die Zerstörung der Natur voranschreitet. Es gibt Abschnitte, größer als deutsche Bundesländer, in denen durch Düngemittel und Pestizide alles verseucht ist – der Boden, die Luft, das Wasser, die Pflanzen. Wir haben mit deutschen Bauern gesprochen, die vor vielen Jahren ausgewandert sind. Sie sind zwar alle reich geworden, aber heute auch schwer krank. Und sie bereuen, was sie getan haben.

Für Ihr neues Buchprojekt „Helden der Meere“ hat der Dalai Lama ein Vorwort geschrieben. Sie zeigen die faszinierende Schönheit der Meere und ihrer Bewohner, aber auch unfassbare Zerstörung. Haben Sie ganz bewusst Faszination und Horror gepaart?

Es war mir von Anfang an klar, dass es darauf hinauslaufen muss. Denn nur wenn man den Menschen die Schönheit und Faszination unserer Welt vor Augen führt und ihnen gleichzeitig sagt, dass dies alles bereits im Sterben liegt, werden sie wachgerüttelt. Wenn man sich die Frage stellt, wer denn ein Held ist, kommen einem meist zuerst die klassischen Comicfiguren in den Sinn, die die Welt retten. Genau in diesem Status befindet sich unsere Welt jetzt – sie muss gerettet werden.

Von wem?

Es gibt niemanden mehr, der diese Problematik ignorieren kann, aber wir sind alle total überfordert durch all die Probleme, vor denen wir stehen. Deshalb habe ich mich auf die Reise gemacht, um Lösungsansätze zu finden – und Menschen, die dafür stehen. Wobei es sowohl einzelne Menschen wie auch Gruppen oder Organisationen sein können, die etwas Großartiges schaffen. Sie alle sind es, die in diesem Projekt meine „Helden“ sind, denn sie leben uns vor, wie wir unsere Ozeane noch retten könnten. Ich habe also in zweifacher Hinsicht die Faszination mit dem Horror gepaart. Zuerst die Schönheit. Dagegen spricht die Bedrohung durch die vielen menschengemachten Probleme. Und am Ende kommen die „Helden“, die uns mit ihrer Arbeit als positive Beispiele vorangehen.

Ihr Lieblingstier war schon als Kind der Pottwal. Wie kommt ein Junge aus Wesel auf den Pottwal und nicht auf Hund, Katze, Meerschweinchen?

Das ist ein bisschen aus meinen Kinderbüchern entstanden. Moby Dick – in einer etwas abgeschwächteren Version als das Original – war für mich eine faszinierende Geschichte, und ich stand immer auf der Seite des Wals. Käpt’n Ahab war für mich ein unglaublich böser Mensch. Später kam die Vorstellung hinzu, in den Tiefen des Meeres etwas zu entdecken, was man sich in keinster Weise vorstellen konnte. Das hat meine Fantasie beflügelt und mich auch zum Taucher gemacht.

Wollen Sie mit Ihrem Buch Hoffnung machen oder die Menschen schockieren?

Nichts von beidem ausschließlich. Denn beides gehört ja auch irgendwie zusammen. Ohne uns Menschen die Augen zu öffnen geht es nicht. Aber uns muss auch die Möglichkeit gegeben werden, die Lösungen zu erfahren, die es schon gibt. Denn sie sind es, die Hoffnung schaffen. Wir können alle etwas tun und unseren Beitrag leisten zur Rettung der Meere. Ich möchte in diesem großen Projekt den ersten Schritt mit dem Bildband machen. Ein Film und eine Datenbank sollen folgen und noch mehr verdeutlichen, worum es mir bei „Heroes of the Sea“ geht. Ich will wirklich mit dieser Arbeit dazu beitragen, die Ozeane zu retten.

Foto: Katrin Eigendorf

Aber wie genau?

Mein Ziel ist eine Aufklärungsarbeit, die jedem Nutzer auf der Welt zugutekommen kann. Wir würden alle gerne etwas tun, wissen aber nicht, was und wie. Deshalb programmieren wir zurzeit eine Datenbank, die wie Google und Wikipedia gleichermaßen funktioniert: eine Plattform, die alle Hilfsmaßnahmen für unsere Ozeane vereint und dem User die Möglichkeit bietet, individuell herauszufiltern, welche Informationen ihn interessieren. Wo zum Beispiel er aktiv werden kann und wie er sich selbst engagieren kann. Es wird eine interaktive Webseite für alle sein, die über die Meere informiert, über ihren Zustand, ihre Probleme, aber eben auch über die Helden, die uns allen Vorbilder sein können.

Kann man die Website schon aufrufen?

Nein. Unter der Domain www.heroesofthesea.com ist zurzeit noch die Atlantiküberquerung zu sehen, die ich gemeinsam mit zwei Freunden als Werbeaktion für dieses Projekt geplant habe. Nach unserer Rückkehr im Frühjahr 2020 wird sie dann in die globale Datenbank umgewandelt, mit der ich weltweit das Bewusstsein der Menschen für unsere Verantwortung den Meeren gegenüber schärfen möchte.

Weiß Ihre Lebensversicherung eigentlich von der Ruderüberquerung?

(Lacht.) Man kann mich nicht versichern, egal was ich mache. Dabei bin ich doch immer zurückgekommen.

Was sagen Ihre Frau und Ihr Sohn dazu?

Die ziehen voll mit. Meine Frau ist Teil meines Teams, mein Sohn weiß auch Bescheid, alles gut. Ich bin zum Glück sein größter Held, das sagt er mir oft. Das ist ein super Ansporn!

Von wo nach wo wollen sie rudern?

Von Gran Canaria aus einmal links rüber in den Westen nach Barbados. Wir rechnen mit etwa 60 Tagen, die wir brauchen werden. Wenn wir Ende November/Anfang Dezember starten, haben wir angenehme Temperaturen, eine konstante Wassertemperatur von 26 Grad, der Wind steht günstig, und wir vermeiden die Hurricane-Saison.

Und Sie sind alle drei Ruderanfänger?

Ja, alle drei Anfänger ohne Seeerfahrung.

Ich glaub, ich würde Sie auch nicht versichern.

Ich war auch kein Leistungsbergsteiger, bevor ich am Mount Everest war, und ich hatte noch nie den Dschungel wirklich betreten, bevor ich 124 Tage im Amazonas verschwunden bin. Die Leistung entsteht im Kopf und nicht in den Muskeln.

Und warum haben Sie gerade Ihr Frühstück gegen den nicht vorhandenen Hunger verspeist?

Weil ich zunehmen muss. Ich bin 1,92 Meter groß und wiege 80 Kilo. Das heißt, ich habe keine Reserven. Beim Ausdauersport merke ich schnell, dass ich irgendwann an meine Leistungsgrenze komme. Deshalb wäre es wünschenswert, zumindest fünf Kilo mehr auf den Rippen zu haben. Schließlich will ich acht Stunden am Tag auf dem Ozean rudern. Dafür esse ich so viel ich kann, ohne wirklich Appetit zu haben. Normalerweise esse ich aber immer nur dann, wenn ich Hunger habe. So ist es ja eigentlich auch normal.

Sie werden also acht Stunden am Tag rudern?

So ist es geplant. Wichtig ist es aber, dass jeder viermal am Tag zwei Stunden schläft. Der Rest der 24 Stunden geht für Rudern, Essenszubereitung, Toilette, Navigieren und so weiter drauf.

Sie trainieren auf dem Starnberger See für eine Atlantiküberquerung. Ist das nicht so, als ob sie in der Badewanne üben, um den Ärmelkanal zu durchschwimmen?

Richtig, guter Vergleich. Ich finde es sehr luxuriös, dass ich überhaupt am Starnberger See die Möglichkeit habe zu trainieren. Nicht vergleichbar mit dem Ozean, aber immerhin. Ich würde mir natürlich auch ein riesiges Jochen-Schweizer-Wellenbad wünschen (lacht). So müssen wir uns überraschen lassen, wie es auf dem Atlantik wird. Das Ostsee-Training im Juni war zumindest auch schon ein kleiner Vorgeschmack.

Ihre Expeditionen sind ja nicht ganz billig. Wie finanzieren Sie dann so ein Projekt wie „Helden der Meere“?

(Lacht.) Können Sie mein Frühstück und meinen Kaffee gleich bezahlen?

Wenn’s hilft.

Ich bin tatsächlich abhängig von Leuten, die mich unterstützen. Ich bin ständig auf der Suche nach Sponsoren. Vom Boot bis zur Kleidung wird alles von Unternehmen und Kooperationspartnern gestellt, wofür ich wirklich dankbar bin. Das Problem ist es, auch finanziell Unterstützung zu bekommen, um Reisekosten, Verpflegung usw. zu decken. Aber wir sind auf einem guten Weg.

York Hovest

wird am 28. Februar 1978 als Sohn einer Französin und eines SPD-Landtagsabgeordneten in Wesel am Niederrhein geboren, wo er zusammen mit einem älteren Bruder auch aufwächst. Die Schule verlässt er nach der mittleren Reife, absolviert bei RWE eine Ausbildung zum Energieanlagenelektroniker und macht sein Fachabitur. Schon als Schüler fotografiert er viel und träumt davon, eines Tages für „National Geographic“ zu arbeiten.

Karriere macht er aber erst mal auf der anderen Seite der Kamera. Hovest wird erfolgreiches Model, reist dadurch zehn Jahre lang um die Welt, lebt unter anderem in New York, Hongkong, Kapstadt, Paris und Mailand. Bis er wieder die Seiten wechselt und zum erfolgreichen Modefotografen mit eigenem Studio in München avanciert.

Doch auch das erfüllt ihn nicht. 2011 porträtiert er den Dalai Lama bei dessen Deutschland-Besuch und gibt ihm das Versprechen, seine Heimat Tibet zu bereisen. Daraus entsteht der beeindruckende Fotoband „100 Tage Tibet“, veröffentlicht von „National Geographic“. Hovest ist am Ziel und fängt doch jetzt erst richtig an. 2015 kehrt er in den Regenwald Südamerikas zurück, wo er als 15-Jähriger seine erste große Liebe kennengelernt hatte. In Peru, Brasilien, Venezuela und Ecuador macht er sich auf die Suche nach den letzten verbliebenen indigenen Völker und wird Zeuge einer unfassbaren Zerstörung der Natur. Hovest veröffentlicht nach dieser Reise den Band „100 Tage Amazonien“, ein ebenfalls faszinierendes Werk.

Nun widmet er sich den Ozeanen. In seinem gerade erschienenen Buch „Helden der Meere“ zeigt er zugleich Faszination und Zerstörung, porträtiert Menschen, die sich um den Erhalt der Meere verdient machen. Um auf die Bedrohung der Natur und eine neue Datenbank mit Hilfsprojekten aufmerksam zu machen, will er im Winter gemeinsam mit zwei Freunden von Gran Canaria bis nach Barbados über den Atlantik rudern.

York Hovest lebt in München, ist verheiratet und Vater eines neunjährigen Sohnes.


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