TV-Programm am Dienstag Gegen den Hass: Wie Philip Schlaffer seine rechte Rocker-Karriere hinter sich lässt

Früher war Philip Schlaffer Chef eines kriminellen Rockerclubs. Heute kämpft er gegen Gewalt und Hass. Bild: NDR/Janis RoehligFrüher war Philip Schlaffer Chef eines kriminellen Rockerclubs. Heute kämpft er gegen Gewalt und Hass. Bild: NDR/Janis Roehlig

Osnabrück. Früher war er der kriminelle Chef der rechten Rockerszene in Wismar, heute arbeitet er mit Jugendlichen in der Gewaltprävention: Philip Schlaffers spannender Lebenslauf wird heute im NDR nacherzählt.

Philip Schlaffer hat eine glückliche Kindheit in Lübeck. Der Vater ist in leitender Position bei Dräger, einem international operierenden Unternehmen für Medizin- und Sicherheitstechnik; die Mutter ist Hausfrau, nur für ihn und die ältere Schwester da. Großes Einfamilienhaus im Vorort Stockelsdorf. „Philip war ein Fußball-Junge“, sagt die Mutter. Freunde kommen regelmäßig zum Kicken, Buddeln oder Lagerfeuermachen im Garten.

Als Philip zehn ist, zieht die Familie nach Newcastle, eine Industriestadt im Norden Englands; der Vater soll dort ein neues Dräger-Werk aufbauen. Philip kommt gut zurecht, findet neue Freunde, hat in der Schule gute Noten. „Wir haben ihn Geordie-Boy genannt, erzählt eine frühere Nachbarin.“ Weil er Englisch mit dem örtlichen Akzent sprach und nicht mit deutschem.

Vier Jahre später geht es zurück nach Lübeck – in die alte Schule, ins alte Haus. Und in dem Moment kippt die schöne Kindheit. Philip will nicht zurück, in England ist alles cooler – und das lässt er die deutschen Klassenkameraden wohl auch spüren. Er kommt nicht dazwischen, die Noten sind schlecht. „Du bist ein Loser“, hört er von anderen Jungs. „Streng dich mal ein bisschen an“, sagen seine Eltern. Dass die Startschwierigkeiten zur echten Krise werden, merken sie nicht. Der Vater ist sowieso mehr im Werk als zu Hause und die Mutter kommt an den renitenten pubertierenden Jungen auch nicht richtig ran. Dass er rechte Musik hört, im Keller deutschnationale Fahnen aufhängt und Mitschüler verprügelt nehmen sie nicht ernst. „Das kriegen Eltern ja auch nicht immer alles mit“, sagt die Mutter.

Charismatisch, eloquent - und stark

Vor allem kriegen sie nicht mit, dass Philip über Jahre tief hineinrutscht in rechte Kreise. Dort findet er, was er so dringend sucht: Anerkennung. „Philip ist charismatisch und eloquent, er kann Menschen fangen“, sagt der Psychologe und Leiter der JVA Stralsund Kai Gau. Groß ist er auch. Und stark. Ein Schrank von einem Mann. Als erste schwere Straftat schlägt einem Rivalen um die Führungsposition eine Glasflasche über den Kopf. Der Rivale überlebt nur knapp – Philips Ansehen steigt.

Irgendwann geht Philip nach Wismar. Er eröffnet den „Werwolf-Shop“, verkauft rechte Klamotten und unter dem Ladentisch verbotene Musik. Der Shop wird zum Zentrum der Rechten in Ostdeutschland. Und Philip erweitert seinen Arbeitsbereich. Er gründet den Rockerclub „Schwarze Schar Wismar“, vertreibt die litauische Mafia aus der Stadt und steigt selbst in die organisierte Kriminalität ein. „Wenn ich hier durchgehe, wird alles lebendig“, sagt Philip, als er mit dem Fernsehteam Wismar besucht. „Wenn ich‘s vermeiden kann, komme ich nicht hierher.“ Auf dem Tablet schauen sie Filmausschnitte von früheren Aktionen und Exzessen. „Das Innere voll mit Hass und Gewalt. Ich schäme mich, wenn ich das sehe“, sagt Philip.

Die rechte Szene ist kein Ponyhof, Philip hat Feinde, wird bedroht, überfallen. Er hat Angst um sein Leben, überlegt, auszusteigen. 2014 wird die „Schwarze Schar Wismar“ verboten, die Polizei ermittelt, es kommt zu mehreren Anklagen. Auch Philip erwischt es: Zwei Jahre und zehn Monate wegen schweren Drogenhandels. „Vergleichsweise eher eine Bagatelle“, sagt er. Er sitzt die Zeit in der JVA Stralsund ab, wo er in Kai Gau einen Ansprechpartner findet. Mit dem Psychologen arbeitet er sein Leben auf. Woran es lag, was sich ändern muss. Er sagt vor Gericht gegen ehemaligen Kumpels aus. „Von da an gab es kein Zurück.“

Cooler Typ für coole Jungs

Aber es gab ein Vorwärts. Gemeinsam mit Kai Gau überlegt Philip, was er mit dem Rest seines Lebens anfangen kann. Und er findet eine zweite Leidenschaft: die Präventionsarbeit. Er betreibt einen eigenen Youtube-Kanal mit inzwischen 30.000 Followern. Er geht in Schulen, erzählt von seinen Erlebnissen in der rechten Szene und arbeitet mit Jugendlichen, die als besonders gewaltbereit aufgefallen sind. Die mögen den breitschultrigen Kerl mit Tattoos von oben bis unten, der die Jungs auch mal verbal zusammenfaltet und sich nichts gefallen lässt. „Wenn eure Eltern sich beschweren, bin ich längst weg“, grinst er. Die Jungs grinsen zurück und Philip sagt: „Wenn ich aus so einer Stunde rauskomme, bin ich voller Glückshormone.“

Umkehr nennt man so etwas wohl, was der Film über Philip Schlaffer aus Lübeck-Stockelsdorf zeigt. Er zeigt aber auch: Ganz selbstverständlich ist das gewaltfreie Leben für ihn immer noch nicht. Er ist gefährdet, auch, weil er so ein Leader-Typ ist, einer, dem andere folgen wollen – wohin auch immer. Prävention fängt deshalb bei ihm selber an: „Gruppe ist für mich sowas von durch. Ich würde noch nicht mal in den HSV-Fanclub gehen.“ Zumal er hauptsächlich Fan von Newcastle United ist.

Gegen den Hass. Am Dienstag, 13. August 2019, um 23.25 im NDR


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