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Geschichte einer Kult-Serie „Two and a half Men“ und die Erbärmlichkeit der Männer

Von Heinz-Jürgen Köhler

Schock am Hochzeitstag: Evelyn (Holland Taylor, M.) und ihre Söhne Charlie (Charlie Sheen, rechts) und Alan (Jon Cryer) erleben eine böse Überraschung. Zu sehen am Dienstag bei Pro Sieben.Foto: Pro SiebenSchock am Hochzeitstag: Evelyn (Holland Taylor, M.) und ihre Söhne Charlie (Charlie Sheen, rechts) und Alan (Jon Cryer) erleben eine böse Überraschung. Zu sehen am Dienstag bei Pro Sieben.Foto: Pro Sieben

Osnabrück. In kurzen Hosen mit Bierflasche vor dem Fernseher sitzen. Der Kühlschrank ist stets voll kalter Getränke, die Wohnung wird geputzt. Vor der Haustür liegt der Strand von Malibu, und willige Sexualpartnerinnen stehen Schlange. – Das ist das Leben von Werbejingle-Komponist Charlie Harper (Charlie Sheen).

Die Serie „Two and a half Men“, so schrieb „Spiegel Online“, zeige die Männerwelt in ihrer ganzen Erbärmlichkeit. Exponiertester Vertreter der Männerwelt ist Charlie Harper. Er trinkt und nimmt Drogen, ist sexsüchtig, verantwortungslos, bindungsunfähig und hat viel Spaß im Leben. Er ist der eine Mann aus dem Titel der erfolgreichen Sitcom. Die weiteren eineinhalb ziehen in Gestalt seines Bruders Alan (Jon Cryer) und dessen zehnjährigem Sohn Jake (Angus T. Jones) bei ihm ein. Alan ist das genaue Gegenteil von Charlie: sensibel, einfühlsam, rücksichtsvoll – ein Weichei, findet Charlie. Und weil Alans Frau ihren Mann samt Sohn rausgeschmissen hat, nimmt Charlie sie notgedrungen auf.

Aus der Konfrontation der ungleichen Brüder schlägt die Serie ihre komischen Funken. Charlie versucht trotz familiärer Einquartierung, sein Leben wie gewohnt weiterzuführen und Klein Jake gleichzeitig ein paar praxiserprobte Tipps über das Leben an sich und die Frauen mitzugeben. Und Alan versucht, auch ohne Frau, eigene Wohnung und Geld seine Selbstachtung nicht zu verlieren und seinem Sohn eine einigermaßen ethische Erziehung angedeihen zu lassen.

Das „Weichei“ Alan ist ein erkennbarer Wiedergänger des legendären Al Bundy: Zwar kein Schuhverkäufer, sondern ein Chiropraktiker, aber wie der ein Würstchen, ein Loser in einer Dauer-Pechsträhne, der von den Frauen gedemütigt wird. Serien wie „Eine schrecklich nette Familie“ oder „Auf schlimmer und wenig“ haben mit ihrer sarkastischen Entlarvung der Familienidylle das Feld bereitet für „Two and a half Men“ und das Feuerwerk an derben Kalauern, das die Serie abbrennt. Mit seinem deftigen, oftmals die Gürtellinie unterschreitenden Humor ist die Sitcom durchaus den zahlreichen mit schlechtem Geschmack flirtenden, neueren Kinokomödien wie „Hangover“ verwandt. Der pure Egoismus und die niederen Instinkte, die in uns allen stecken, werden hier mit nicht nachlassendem Furor und unbändiger Lust an der Pointe ans Licht gezerrt.

Produzent Chuck Lorre („Dharma und Greg“, „The Big Bang Theory“) schuf die Serie. Im September 2003 startete sie in den USA, 18 Monate später in Deutschland. Sie wurde zu einer der erfolgreichsten Sitcoms – und zwar weltweit, von Uruguay („Dos Hombres y Medio“) bis Hongkong („Two and a Half Nerds“). Sie machte Charlie Sheen schließlich mit angeblich 1,8 Millionen Dollar Gage pro Folge zum bestbezahlten Serienstar weltweit.

Im Laufe der Zeit allerdings schien sich Charlie Sheen mit seiner Serienfigur gleichen Vornamens immer mehr zu identifizieren. Er inszenierte sich in der Öffentlichkeit als zweiter Charlie Harper und schien einen nicht unbeträchtlichen Teil seiner nicht unbeträchtlichen Gage für Sex, Drogen und Prostituierte auszugeben.

Eine Zeit lang befeuert diese Parallelität der Ereignisse in Serie und Leben den Reiz von „Two and a half Men“. Doch dann wird es den Produzenten zu bunt. Sie werfen Charlie Sheen nach der 8. Staffel raus und bescheren Protagonist Charlie Harper einen Serientod, der wohl seinesgleichen sucht. Der gefühllose Sexmanic wird in Paris, der Stadt der Liebe, von einer seiner Frauen vor die Metro gestoßen. „Sein Körper explodierte wie ein mit Fleisch gefüllter Ballon“, heißt es auf seiner Beerdigung in der ersten Folge der 9. Staffel.

Mit diesen und weiteren Gags über Geschlechtskrankheiten und verschüttete Urnen-Asche rächen sich die Frauen der Serie an Charlie Harper für seinen Machismus – und Serienschöpfer Chuck Lorre und sein Co-Autor Lee Aronsohn an Schauspieler Charlie Sheen für seine Sex- und Drogen-Eskapaden sowie seine gelegentlichen antisemitischen Ausfälle.

Charlie Sheen wiederum platziert eine Retourkutsche und beginnt seine neue Serie „Anger Management“ (dt.: Zornbewältigung) mit einem Monolog, in dem es heißt: „Du glaubst, du kannst mich durch einen anderen Typen ersetzen? Probier es ruhig, es wird nicht das Gleiche sein.“ Der Adressat ist eindeutig - so abgedreht und selbstreflexiv können Sitcoms sein.Und bei „Two and a half Men“? Da übernimmt Demi Moores Ex-Mann Ashton Kutcher in der 9. Staffel als Internetmillionär Walden Schmidt Charlie Harpers Strandvilla in Malibu und gewährt Alan und Jake großzügig Asyl. Und Alan muss sich statt mit einem trinkenden, Frauen verschlingenden Fiesling mit einem netten, gut aussehenden, Frauen verschlingenden Charmebolzen herumplagen. Armer Alan.

„Two and a half Men“, Pro Sieben, dienstags, 21.15 Uhr; Kabel, mo.–fr., 16.55 Uhr.