Radiomoderator Tim Koschwitz „Ich arbeite wie in einem Raumschiff“

Von Thomas Klatt

Keine Zukunftsängste: Koschwitz sieht die Zeit des Radios noch lange nicht abgelaufen. Foto: rbbKeine Zukunftsängste: Koschwitz sieht die Zeit des Radios noch lange nicht abgelaufen. Foto: rbb

Berlin. Tim Koschwitz ist Radiomoderator beim rbb und vergleicht seinen Job mit einem Posten auf der Kommandobrücke eines Raumschiffs. Um die Zukunft macht er sich keine Gedanken.

Die Monitore flackern. Der Computer nimmt den Anmeldecode erst nach Sekunden an. Ein leichtes Krächzen aus den Lautsprechern. Alle Regler stehen noch auf null. Kein Wunder, dass ihn jetzt keiner hören kann und er auch keinen Kontakt zu den Außenstationen hat. Der Countdown läuft. Knallrot brennen ihm die Sekundenzähler der Digitalanzeige ins Gesicht. Start in wenigen Augenblicken. Der ganze Körper geht in Anspannung, die Hände sind in Position, der Geist hellwach. Dann schnellen die ersten Regler blitzschnell nach oben. Volle Energie, volle drei Stunden in die Weiten des Äthers hinein.

Raumschiff Enterprise

Major Tom heißt an diesem Morgen Tim Koschwitz. Er moderiert von 7 bis 10 Uhr die Frühsendung beim rbb-Stadtsender 88,8. Für den 35-Jährigen ist das längst Routine, andererseits immer wieder auch ein Erlebnis der besonderen Art.

„Es ist ein wenig wie die Kommandozentrale beim Raumschiff Enterprise. Da sind 20 Regler, aus zwei kommt die Musik, auf einem Regler ist ein Kollege in der Verkehrszentrale, die Nachrichtenkollegin kann ich an- und ausschalten. Der Telefonregler verbindet mich direkt mit den Hörern. Im Prinzip ist es wie Klavierspielen. Wenn man nicht mehr auf seine Finger schauen muss, dann ist es eine gute Sendung“, verrät Koschwitz.

Das Außergewöhnliche

„Das sieht wie eine riesig große blinkende Excel-Tabelle aus. Die arbeite ich von oben nach unten ab. Ein grünes Lichtsignal zeigt mir, was jetzt dran ist, wiederkehrende Elemente, Jingles für Wetter, Verkehr, Platzhalter für Reporter oder gebaute Beiträge.“

Gelernt hat er sein Handwerk beim bayrischen Lokalsender Radio Primavera, kam dann zur Jugendwelle Fritz und sendet nun für die eher gesetztere Generation 40 plus. Er kann komplizierte Sachverhalte in drei Sätzen sagen, weil er im Radio die Aufmerksamkeitsspanne halten muss. Sonst schalten die Hörer weg. Dann muss er mit dem richtigen Druck sprechen, nicht zu schnell und zu aufgeregt, aber eben auch nicht zu langsam, als ob ihn alles langweilen würde.

„Was ist ein Ear-Catcher? Hund beißt Mann ist keine Meldung! Mann beißt Hund ist eine Meldung! Es ist das Außergewöhnliche“, verrät Moderator Koschwitz die Kriterien der täglichen Auswahl vor der Sendung, die er zusammen mit dem Redakteur und dem CvD, dem Chef vom Dienst trifft.

Bereichernder Kontakt

„Mein Name hängt ja mit dran. Also habe ich auch ein Mit-Entscheidungsrecht. Ich moderiere nichts, was ich total kacke finde. Aber ich bin ja auch nicht Zwerg Allwissend“, lobt er die Teamarbeit im Sender.

Und er ist froh über den Kontakt zu den Hörern. Denn wenn man sein Wissen allein über Agenturmeldungen und Zeitungsartikel beziehe, verliere man irgendwann den Kontakt zur Basis. Und das ist nicht nur rein menschlich, sondern auch journalistisch schlecht: „Wir haben eine beliebte Rubrik, den Bau-Zombie. Wir kümmern uns um verlassene und verfallende Gebäude im Sendegebiet. Da helfen uns die Hörer sehr viel mit ihren Tipps.“Keine Wechselgedanken

Zum Radio kam er schon als kleiner Junge durch seinen Vater Thomas Koschwitz, der auch Radio-Moderator ist. Im Keller in Marburg an der Lahn bereiteten Vater und Sohn gemeinsam die Sendungen vor, zogen die besten Platten aus dem Regal, wählten die coolsten Lieder aus: Phil Collins, Genesis, Rod Stewart, alles, was von der Insel kam.

Bier und PR

Es folgte eine Ausbildung zum Rundfunkredakteur, Radiowerbung produzieren etwa. Das habe sogar richtig Spaß gemacht, sagt Tim Koschwitz. Aber ein Beruf? Nicht wenige Journalisten wechseln in die PR- oder Presseabteilung großer Unternehmen, Parteien oder Behörden, weil sie dort wesentlich mehr Geld verdienen. Für Tim Koschwitz ist das aber bislang nie eine Option gewesen: „Zum Beispiel dieses berühmte friesische Bier, wo der Mann in der Düne hinten in den Sand fällt. Mit dem Chef der Brauerei musste die Werbeagentur tagelang über diese eine entscheidende Szene diskutieren. Wenn ich jetzt sage, Mann alleine im Trenchcoat fällt nach hinten, weiß jeder sofort, was gemeint ist. Das ist die entscheidende Szene dieses Werbespots. Und den hätten sie fast nicht durchgekriegt. Solche Diskussionen zu führen, das wäre mir zu müßig.“

Keine Zukunftsangst

Tim Koschwitz ist zweifacher Familienvater, das dritte Kind ist unterwegs. Die Lügenpresse-Hysterie, die Debatte über die Notwendigkeit von Journalismus, die bedrohlichen Spardebatten und -beschlüsse beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Macht sich der Radiomoderator da keine Sorgen um seine berufliche Zukunft? Nein, sagt Koschwitz, als freier Moderator fürchte er nicht um seine Existenz. „Was soll denn schon passieren?“ Er weiß, dass er nicht möglichst viele Klicks generieren, dass er beim RBB wie in der ARD keinen Sensationsjournalismus produzieren muss. Der Hörer ist für ihn Kunde, der für seinen monatlichen Rundfunkbeitrag seriöse und sauber recherchierte Meldungen, Berichte und Reportagen hören will. Dafür gebe es auch in seiner Redaktion genügend Controlling auf mehreren Ebenen, damit sein Radio-Raumschiff nicht abstürzt in den unendlichen Weiten der digitalen fake-news und Falschbehauptungen.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN