Naturfilmer im Interview Dirk Steffens: Sein Weg vom Bauernhof zum Artenschutz

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Berlin. Von der Kindheit auf dem Bauernhof zum Kampf gegen das Artensterben: Irgendwann hatte Naturfilmer Dirk Steffens (51) das Gefühl, ein Krisenberichterstatter zu sein. In einem Berliner Hotel beschreibt er, was seine Liebe zur Natur auslöste und warum er das Artensterben als ebenso bedrohlich ansieht wie den Klimawandel.

Herr Steffens, Sie wussten schon mit sechs, dass Sie Naturfilmer werden wollen. Wer oder was hat das ausgelöst?

Bernhard Grzimek. Ich hab seine Filme früher auf unserem alten Schwarz-Weiß-Fernseher gesehen und gedacht: Mein Gott, ist das großartig. Meine Eltern hatten einen Obsthof als landwirtschaftlichen Nebenerwerb, da bin ich mit Tieren aufgewachsen. Mein bester Freund war unser Hund. Ich hatte Schildkröten und Katzen, habe Frösche eingesammelt und Nistkästen gebaut. Das Klischee vom angehenden Tierfilmer vielleicht – aber es war halt so. 

Gehörten Sie etwa auch zu den Kindern, die etwas unappetitliche Doktorspiele mit Fliegen, Spinnen und Schnecken gemacht haben?

Auch mit größeren Tieren, ich bin schließlich in einem Bauerndorf groß geworden. Ich habe unsere Tiere, also Gänse, Hühner und sogar meine eigenen Kaninchen, selbst geschlachtet, ihnen das Fell abgezogen und sie ausgenommen. Das kann ich bis heute noch. Obwohl ich Vegetarier geworden bin.

Sie haben Kaninchen geschlachtet, denen sie selbst einen Namen gegeben hatten?

Ja klar. So war das auf dem Land. In so einem Bauerndorf hatte man in den Siebzigerjahren eine sehr unsentimentale, rustikale Umgehensweise mit Natur. Die Umwelt war aufgeteilt in Schädlinge und Nützlinge, und die Schädlinge wurden gnadenlos gekillt. Bei uns in Asselermoor war Entwässerung ein großes Thema, deshalb waren die Bisamratten Schädlinge. Da gab es Prämien, und wir sind auf die Jagd gegangen. Ich komme nicht aus der Fraktion Prenzlauer Berg, anthropomorphisierende sentimentale Tierliebe ohne Realitätshaftung. Wenn wir auf einer Expedition auf ein verletztes Tier stoßen, bin ich bis heute derjenige, der dieses Tier erlöst.

Wären Sie damals als 14-Jähriger zu „Fridays for Future“ gegangen?

Mit 14 noch nicht. Das Dorf, aus dem ich komme, war zu klein, als dass ich an so großen Weltläufen hätte teilnehmen können. Das wäre heute vielleicht in Zeiten des Internets und der sozialen Medien anders, aber damals war das noch ein relativ stimulanzfreier Raum. Deshalb bin ich ja auch mit 16 weg, um in Hamburg diese komische Berufsausbildung zum Fernmeldetechniker zu machen. Der einzige Grund war: Ich wollte raus aus dem Dorf. Die Post, damals noch ein Staatsbetrieb, hat Kost und Logis bezahlt, das hieß, ich konnte als 16-Jähriger zusammen mit zwei gleichaltrigen Kumpels mitten in Hamburg wohnen. Die Ausbildung hat mich nicht eine Sekunde interessiert, aber wir hatten drei lustige Jahre.

Was fanden Sie als Jugendlicher so toll an Grzimek?

Woran wir uns alle erinnern und was ich auch zuerst gesehen habe, war seine Sendung „Ein Platz für wilde Tiere“. Aber sein erster großer Film von 1956 hieß „Kein Platz für wilde Tiere“. Das war eine Dokumentation über Afrika, ein wütender, anprangernder Film, der sich auseinandersetzte mit Trophäenjagd, Naturzerstörung, Massentourismus und Überbevölkerung. 1959 kam dann „Serengeti darf nicht sterben“, ein Film, der wirklich etwas bewegt hat. Als ich angefangen habe mit meinem Job, gab es in der Serengeti tatsächlich mehr wilde Tiere als zu der Zeit, als Grzimek seinen Film drehte. Der Impact, den ein Naturfilm haben kann, wenn er mit ein bisschen Haltung gepaart ist, der ist erheblich.

Mittlerweile sagen Sie von sich, Sie seien Naturreporter gewesen und hätten sich zum Krisenberichterstatter gewandelt.

Ich mache kein Hehl daraus, dass meine Anfänge im Job eher spaßorientiert waren. Ich hatte coole Kollegen, wir sind um die Welt gefahren und haben Abenteuer erlebt. Das war ein unheimlich freies, selbstbestimmtes Leben, das sehr meinem Wesen entspricht. Als Jugendlicher und junger Erwachsener hatte ich ziemlich ernsthafte Probleme damit, mich in Systeme und Strukturen einzupassen, ich bin von der Schule geflogen, hatte die „falschen“ Freunde und regelmäßig irgendwelchen Ärger. Aber bitte nicht falsch verstehen, das war keine lässige Rocker-Außenseiter-Geschichte, ich war alles andere als cool, das war eher eine triste Phase der Orientierungslosigkeit. Der Beruf „Weltreisender“ ist dann zu meinem Ausweg aus dem Frust geworden.


Foto: dpa/Henning Kaiser


In welchem Moment hatten Sie das Gefühl, dass es kippt und Sie vom Naturreporter zum Krisenberichterstatter werden?

Ich reise seit über einem Vierteljahrhundert um die Welt, da gibt es natürlich Länder, in denen ich schon ganz häufig war, weil sie für Naturreporter besonders interessant sind, Südafrika oder Australien zum Beispiel. Und dann kommt man an einen Ort zurück, von dem man bei ersten Mal vollständig in den Bann geschlagen war, weil es so atemberaubend schön war. Fünf Jahre später kommt man wieder hin, und es ist alles im Eimer. Da steht dann ein Hotel, oder der Strand wurde zubetoniert, oder es ist eine Müllkippe entstanden.

Was hat Sie besonders schockiert?

In Palau habe ich bei meinem ersten Besuch die wunderschönsten Korallenriffe entdeckt, die ich in meinem ganzen Leben gesehen habe. Zwei, drei Jahre später war die Korallenbleiche da, es gab keine Fische mehr, stattdessen überall Sedimente auf den Korallen. Die Mangrovenwälder an den Küsten waren abgeholzt, um Hotels zu bauen. So etwas habe ich nicht einmal erlebt und nicht fünfmal, sondern 50-mal. Irgendwann begreift dann auch der stumpfeste Mensch: Wenn ich das überall beobachte, dann ist das möglicherweise ein globales Problem.

Wie lange ist das her?

20 Jahre. Und ich konnte gar nicht glauben, dass es ein Problem globalen Ausmaßes gibt, über das öffentlich gar nicht geredet wird. Ich habe mich tatsächlich gefragt, ob ich nicht alle Tassen im Schrank und eine Fehlwahrnehmung habe, denn eigentlich müsste die ganze Welt jeden Tag ganz aufgeregt darüber reden, weil alles kaputtgeht.

Sehen Sie es vielleicht zu dramatisch?

Bei den Filmexpeditionen bin ich fast immer mit Feldforschern unterwegs. Das heißt, ich arbeite jedes Jahr mit Dutzenden Wissenschaftlern zusammen, im Laufe meines Berufslebens waren es bestimmt schon Hunderte. Und die erzählen mir alle das Gleiche: Wir nähern uns dem Point of no Return. Diese globale Ökokrise war irgendwann nicht mehr zu ignorieren.

Sie haben mittlerweile eine Stiftung zur Bekämpfung des Artensterbens gegründet.

Der Stiftungszweck, den man bei jeder Gründung benennen muss, ist Wissenstransfer. Es gibt unglaublich viele Erkenntnisse aus der Biodiversitätsforschung, von denen die Öffentlichkeit nichts weiß. Der Klimawandel ist schon Ende des 19. Jahrhunderts physikalisch verstanden worden, aber dann hat es über 100 Jahre gedauert, bis daraus politisches Handeln erwachsen ist. Beim Artensterben haben wir leider nicht so viel Zeit. Wenn wir so lange warten, geht Homo sapiens mit über die Wupper. Die Wissenschaft hat schon längst geliefert, die Fakten liegen auf dem Tisch, wir wissen alles, was wir wissen müssen. Wir haben kein Erkenntnisproblem, sondern ausschließlich ein Handlungsproblem.

Sie sagen, Artensterben sei bedrohlicher als Klimawandel.

Das war plakativ. Es macht, wissenschaftlich betrachtet, natürlich keinen Sinn, verschiedene Katastrophenszenarien in ein Ranking zu packen. Wenn man es differenziert ausdrückt, muss man von einer globalen Ökokrise reden, die Klimakatastrophe ist nur ein Teil davon, das Artensterben ein weiterer, allerdings ein besonders großer. Die Wissenschaft hat neun Geosysteme definiert, die notwendig sind, damit die menschliche Zivilisation dauerhaft überleben kann. Von diesen neun sind drei im roten Bereich: der Klimawandel, mehr noch der chemische Kreislauf und am weitesten das Artensterben. Diese Geosysteme stellen uns die sogenannten Ökosystemleistungen zur Verfügung, die unsere Lebensgrundlagen sind. Atemluft, Trinkwasser, fruchtbare Böden und so weiter. Kurz gesagt: Funktionieren diese Geosysteme dauerhaft nicht, gehen wir unter.

Welches sind die konkreten Auswirkungen des Artensterbens auf Sie und mich?

Das ist regional unterschiedlich. Im Amazonas ist die Abholzung ein größeres Problem als bei uns, in Deutschland sollte man zuerst über das Insektensterben reden. Die Landwirtschaft ist dabei das größte Problem, zu viele Pestizide, Herbizide, Monokulturen. Das ist schlecht für Fluginsekten – und die sind die Bestäuber. Davon gibt es mittlerweile viel weniger als früher. In der weltbekannten „Krefelder Studie“ kamen die Forscher auf ein Minus von 75 Prozent.

Was jeder auf seiner Windschutzscheibe sehen kann.

Richtig. Und dann überlegen Sie mal, wie Landwirtschaft funktioniert. Jede Pflanze, die Sie auf den Feldern blühen sehen, macht das nicht aus Jux und Tollerei, sondern weil sie damit Insekten für die Bestäubung anlocken will. Wenn aber schon drei Viertel dieser Insekten weg sind und wir nicht aufhören, mit Monokulturen und Pestiziden die Zahl weiter zu reduzieren, bricht der Ertrag unserer Landwirtschaft ein. Das könnte so massiv werden, dass es zunächst unseren Landwirten die Existenzgrundlage entzieht und Sie irgendwann in den Supermarkt gehen und da nicht mehr so viele Äpfel finden wie jetzt noch. Das heißt: Wir kriegen eine Nahrungsmittelkrise.

In China werden mittlerweile Apfelbäume von Hand bestäubt. Zeigt das nicht, dass der Mensch immer in der Lage ist, am Ende doch ein Gegenmittel zu finden?

In einer kleinen Provinz als Ausnahme. In China ist Arbeitskraft auch so billig, dass man das vielleicht kann, aber bei uns? Ich kenne niemanden, der das für ein ernsthaftes Konzept hält. Sie müssen sich das Biosystem wie ein Netz vorstellen. Da können Sie natürlich einzelne Fäden rausziehen, und das Netz ist immer noch stabil. Aber es gibt immer einen sogenannten Kipppunkt. Irgendwann hat man eine Art zu viel aus diesem Netz gezogen, und dann macht es rumms. Das ist keine Theorie, sondern der Erde schon fünfmal passiert. Fünf Massenaussterben. Das bisher letzte hat das Zeitalter der Dinosaurier beendet.

Und die Erde gibt’s immer noch.

Klar, der Erde ist es natürlich wumpe. Aber uns ja nicht. Zur Zeit der Dinosaurier gab’s noch keine Menschen. Und natürlich war es auch schon mal heiß auf der Erde. Aber da gab’s auch noch keine Menschen, die sich darüber hätten Sorgen machen müssen oder darunter gelitten hätten.

Womit tragen Sie und ich zum Artensterben bei?

Bei mir ist es vor allem das Fliegen, das ich versuche zu kompensieren, indem ich für jeden geflogenen Kilometer eine Abgabe zusätzlich zum Flugpreis zahle, von der Klimaschutzprojekte finanziert werden. Aber das ist nur die drittbeste Möglichkeit. Besser ist es, nicht zu fliegen oder andere Verkehrsmittel zu benutzen. Unser Fleischkonsum trägt dazu bei, der Überkonsum und die Überbevölkerung. Wir verbrauchen zurzeit etwa so viele Ressourcen, wie 1,6 Planeten Erde produzieren können. Wir können noch mehr verbrauchen, als die Erde produziert, weil viele Ressourcen, etwa Öl, Kohle, Gas, schon da waren, als der Mensch das Licht der Welt erblickte. Von diesem Sparbuch der Erde leben wir im Moment. Wenn wir aber ständig mehr abheben als einzahlen, ist irgendwann Schluss. Das kann Ihnen jeder Sparkassenmitarbeiter bestätigen. Nachhaltigkeit bedeutet: immer nur so viel abheben, wie eingezahlt wird. Eigentlich logisch.

Von welchen Arten sprechen wir, wenn wir übers Artensterben reden? Eisbären, Bienen und Elefanten?

Von allen. Einzelarten sind nicht relevant. Wenn die Eisbären aussterben, ist das erst mal völlig egal. Wenn die morgen weg sind – was würde sich in Ihrem Leben ändern? Nichts. Null. Sie brauchen das Fell nicht, und Sie essen auch keine Eisbären. Der Eisbär ist nicht systemrelevant. Aber Sie brauchen die Vielfalt, damit das System funktioniert. Erde ist lebendige Materie. Und die ist nur lebendig, weil Tausende Arten – Bakterien, Mikroben, kleine Würmer und Käfer – zusammenwirken, um aus leblosem Staub lebendige Erde zu machen, auf der unser Essen wächst.

Wie viele Arten sind denn überhaupt bedroht?

Wir haben zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit ein Wissen, das uns erlaubt hat, einen Weltartenschutzbericht zu erstellen. Da steht drin, dass von weltweit acht Millionen Arten eine Million bedroht sind, also jede achte. Eine Katastrophenmeldung! Ungefähr so, als würde die Nasa vermelden, dass wir demnächst von Außerirdischen angegriffen werden. Oder dass ein riesiger Meteorit direkt auf die Erde zurast. Und das für mich Unfassbare ist: Die Nachricht ist da – und es tut sich nichts. Das macht mich absolut fassungslos.

Sie fordern mit Ihrer Stiftung, den Artenschutz ins Grundgesetz aufzunehmen. Was würde das ändern?

Unser Grundgesetz ist dafür da, das Grundsätzliche zu regeln, also die wirklich wichtigen Sachen. Wenn wir glauben, dass Freiheit, Demokratie und Menschenrechte da reingehören, dann müssen wir uns auch fragen: Sind diese Dinge überhaupt möglich ohne eine Umwelt, auf deren Funktionsfähigkeit diese menschliche Zivilisation basiert? Armut, eine vergiftete Umwelt und Umweltkrankheiten gehören doch zu den schlimmsten Formen von Unfreiheit und Menschenrechtsverletzungen, die man sich vorstellen kann. Und deshalb ist es absurd, dass wir das wichtigste Thema von allen nicht im Grundgesetz regeln.

Braucht der Artenschutz eine Greta?

Eine Greta ist immer gut. Aber da gibt es auch eine Fehlwahrnehmung: Greta ist global nicht so groß, wie sie in Deutschland gesehen wird. In den USA und Lateinamerika gibt es andere Galionsfiguren. Aber wir brauchen ganz viele Gretas, überall und auf jedem Kontinent. Andererseits konnte Greta nur möglich werden, weil unsere Generation die Erkenntnisse und das Bewusstsein dafür geschaffen hat, was bei „Fridays for Future“ eine neue Ausdrucksform findet. „Fridays for Future“ hat ja keine einzige neue Erkenntnis zu bieten, nur eine neue Form und eine neue Nachdrücklichkeit in der Artikulation. Die aber ist sensationell.

Was kann denn jeder Einzelne tun, um sich für mehr Artenschutz einzusetzen?

Da muss ich erst mal eine frustrierende Antwort geben: Verhaltensveränderungen von einzelnen Menschen reichen nicht mehr aus. Der Punkt, an dem man damit die Welt hätte retten können, liegt hinter uns. Inzwischen ist die Lage so dramatisch, dass wir disruptive Veränderungen brauchen. Unser Verbraucherverhalten muss sich verändern, gleichzeitig muss sich das Verhalten von Handel und Industrie ändern, die Politik muss sich ändern und auch die Form der internationalen Zusammenarbeit.


Foto: Hannibal Hanschke/Reuters Pool/dpa


Da würde ich mal sagen: Die Wahrscheinlichkeit geht gegen null.

Nein, die Wahrscheinlichkeit geht gegen 100 Prozent. Die Frage ist nur: Passiert es dieses Jahr oder in zehn Jahren? Wenn wir in den Supermarkt gehen und können dort keine Nahrungsmittel mehr kaufen – was meinen Sie, wie groß der Handlungsdruck dann ist? Sie sehen doch jetzt schon, dass ein paar Zehntausend demonstrierende Schüler auf der Straße so viel Druck machen, dass die Politik anfängt, sich zu bewegen, wenn auch immer noch zögerlich, unbefriedigend und inkonsequent.

Was erwarten Sie?

Der Leidensdruck wird mit jedem Jahr größer werden, das ist unvermeidlich. Und je höher der Leidensdruck, desto größer der Druck auf die Politik. Wenn es mal so weit ist, dass unsere Atemluftprobleme noch gravierender werden, sind Eltern, deren Kind einen Tumor in der Lunge hat, wenig kompromissbereit bei Umweltschutzbestimmungen. Das sieht man an China, wo sich gerade einiges ändert. Das Land hat extrem strenge Klimaziele für die kommenden Jahre und Jahrzehnte. Die Chinesen sind teilweise jetzt schon weiter als wir, und unsere alte Sichtweise „Das da sind die Umweltschweine“ funktioniert nicht mehr.

Also erwarten Sie einen radikalen Wandel?

Die Welt wird sich verändern, und die Menschheit wird eine ökologisch nachhaltige Form global entwickeln – die Frage ist nur: Wann? Der Fachbegriff dafür lautet ökosoziale Transformation. Wenn wir die jetzt einleiten, können wir vielleicht weiterhin ein angenehmes, vergleichsweise luxuriöses Leben führen. Vielleicht essen wir ein bisschen weniger Fleisch, fahren andere Autos, haben andere Dämmungen an unseren Wohnungen und beziehen den Strom aus anderen Quellen. Aber im Prinzip könnten wir unser Leben so fortsetzen, wie wir es kennen. Wenn wir aber noch 20 Jahre warten, reden wir über eine globale Katastrophe mit Verteilungskriegen, Rohstoffmangel, Hungersnöten und Flüchtlingsströmen. Das ist wie bei einer Krankheit: Gehen Sie früh zum Arzt, reicht vielleicht eine Pille – gehen Sie sehr viel später, brauchen Sie womöglich eine Amputation.

Die Menschheit gibt Milliarden aus, um in den Weltraum zu fliegen – und hier geht ihr die Erde kaputt. Läuft da was verkehrt?

Als Wissenschaftsjournalist bin ich erst mal ein Freund jedes großen Forschungsvorhabens. Wenn die Menschheit zu neuen Erkenntnissen aufbricht, bin ich immer mit dabei. Fast alle Astronauten, die im Weltraum waren und die Erde von außen gesehen haben, kommen als Umweltschützer zurück.

Warum?

Weil sie nicht nur – naturwissenschaftlich gebildet – wissen, dass die Erde ein kleiner, verletzlicher blauer Murmelball im unendlichen Universum ist, sondern es dann auch emotional verinnerlicht haben. Sie haben es gesehen. Außerdem sind viele Dinge, die wir im modernen Umweltschutz einsetzen, von Technologien wie GPS und Erdbeobachtung abhängig. Versuchen Sie mal, mit einem Metermaß die Gletscherschmelze zu untersuchen – viel Spaß dabei! Das sind Satellitenbeobachtungen. Ohne Weltraumforschung ist moderner Umweltschutz gar nicht mehr möglich. Wir müssen also unbedingt weiter in den Weltraum. Denn mehr Wissen ist grundsätzlich immer gut.

Foto: imago images APress


Dirk Steffens

wird am 5. Dezember 1967 als Sohn einer Buchhalterin und eines Standesbeamten im niedersächsischen Stade geboren und wächst zusammen mit zwei älteren Schwestern im nahe gelegenen Asselermoor auf. Um dem Dorfleben zu entfliehen, absolviert er in Hamburg eine dreijährige Ausbildung zum Fernmeldemechaniker und studiert nach dem Abitur Geschichte und Politik.

Seinen beruflichen Werdegang startet er mit einem Volontariat an der Kölner Journalistenschule, bevor er für ein Jahr als Politik- und Nachrichtenredakteur zum Deutschlandfunk geht. Wirklich reizvoll aber findet Steffens diese Aufgabe nicht, also entscheidet er sich, als freier Naturfilmer, Moderator und Produzent für verschiedene TV-Anstalten zu arbeiten. Er präsentiert zunächst eine Tierfilmreihe bei Vox und anschließend die Dokureihe „Terra X“ und andere Formate für das ZDF, was ihm zahlreiche Preise wie die Goldene Kamera einbringt.

Neben seiner beruflichen Tätigkeit engagiert sich Steffens stark für den Naturschutz: Er wird Deutschland-Botschafter der Umweltorganisation WWF, Leiter des Naturfilmfestivals „Green Screen“ und gründet 2017 mit seiner Ehefrau Ingrid die Stiftung „Biodiversity Foundation“ zur Bekämpfung des Artensterbens. Zudem vertritt er von 2008 bis 2018 die mikronesische Inselrepublik Palau als ehrenamtlicher Honorarkonsul in Deutschland.

Dirk Steffens ist kinderlos verheiratet und lebt mit seiner Frau in Hamburg.


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