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Heute Abend im ARD-Programm Schön schräg: „Allmen und das Geheimnis der Dahlien“ im Ersten

Foto: ARD Degeto/Julie VrábelováFoto: ARD Degeto/Julie Vrábelová

Osnabrück. Feine Überraschung: Mitten im Sommerloch hat die ARD heute Abend nicht nur eine Erstausstrahlung, sondern auch ein Juwel schräger Unterhaltung ins TV-Programm gehoben: „Allmen und das Geheimnis der Dahlien“ mit Heino Ferch und Samuel Finzi in wahren Paraderollen. Eine Mischung aus "Die 2" und "Miami Vice".

Da sitzt er in seinem weißen Mantel, mit der Miene eines Snobs und einer Haartolle, die ihn aussehen lässt wie den jüngeren Bruder von Brian Ferry. Das Boot rast über einen See und obwohl die Schweizer Flagge am Heck flattert, hat es was von „Miami Vice“. Als die Frau an seiner Seite es wagt, einen Blick in ihr Smartphone zu werfen, greift er danach, wirft es über Bord und reicht ihr ein Glas Champagner. „Johann, wie originell“, beklagt sie sich halbherzig.

Da ist er wieder: Johann Friedrich von Allmen. Der Lebemann. Der Hochstapler. Der Großkotz. Der Filou, Dandy, Snob. Die Hauptfigur der Romanreihe des Schweizer Bestsellerautors Martin Suter, die als Verfilmung erst das gewisse Extra hat. Zwei Folgen hat das Erste bereits ausgestrahlt, nun folgt die dritte mitten im Sommerloch. Als sei man sich in der ARD-Programmdirektion nicht sicher, ob man da ein kleines Filmjuwel oder aber einen teuren Flop produziert hat, der jetzt möglichst unauffällig versendet werden muss.

Dabei waren sich die Kritiker eigentlich einig ob der Außergewöhnlichkeit dieses Formats. Die FAZ sah „Entspannungsfernsehen pur, am besten aus der Badewanne heraus zu genießen und wirkungsvoller als jede Harfenmusik-Meditations-CD“, „Spiegel online“ freute sich über „die beste Runde Bullshitbingo seit Langem“, der „Welt“-Kritiker entdeckte gar sein „Gefühl für die Sinnhaftigkeit von Fernsehgebühren“ wieder und die „Süddeutsche Zeitung“ attestierte den Filmen zu Suters Allmen-Reihe, dass sie besser seien als ihre Vorlagen.

Glanzrolle für Heino Ferch

Johann Friedrich von Allmen ist eine Schweizer Hochnase aus dem Bilderbuch. Ein Millionenerbe hat er durchgebracht, das Wort Arbeit kann er womöglich nicht mal buchstabieren, auf Wohlstand und Dünkel mag er aber nicht verzichten, und erst recht nicht auf seinen guatemaltekischen Butler Carlos. Eine Rolle, die auf den ersten Eindruck wahrlich nicht nach einem Schauspieler wie Heino Ferch schreit und doch von keinem anderen besser umgesetzt werden könnte.

Die Geschichte von „Allmen und das Geheimnis der Dahlien“ ist so dünn, dass sie als nebensächlich empfunden werden darf. Gangster, die im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen gehen, rauben aus der Privatsuite eines Zürcher Nobelhotels der Besitzerin Dahlia Gutbauer (Erni Mangold) ein kostbares Dahlien-Gemälde. 

Foto: ARD Degeto/Julie Vrábelová


Den gerade eingecheckten und selbsternannten Kunstdetektiv Allmen und seine „Allmen International Inquiries“ beauftragt sie mit der Wiederbeschaffung und übt dabei massiven Druck aus. Schnell stellt sich heraus, dass der mutmaßliche Drahtzieher Tino Rebler (Mehdi Nebbou) auch eine Gespielin (Katharina Schüttler) hat, die auf den Namen Dalia hört.

Die Umsetzung von Drehbuchautor Martin Rauhaus und Regisseur Thomas Berger aber ist schräg-schöne Unterhaltung, die Komponenten aus „Miami Vice“, „Graf Yoster“, James Bond und der legendären Serie „Die 2“ mit Roger Moore und Tony Curtis aufs Amüsanteste miteinander verknüpft. Denn eigentlich ist auch Allmen „Die 2“ – ohne seinen Diener Carlos, köstlich dargestellt vom „best sidekick ever“ Samuel Finzi wäre dieses Großmaul ein Nichts.

Foto: ARD Degeto/Julie Vrábelová


So sagt es zumindest Heino Ferch, dem der Kollege richtig ans Herz gewachsen ist: „Das ist eine wunderbare Männerfreundschaft, fast eine ideale Ehe, die die beiden miteinander führen“, sagt er im Gespräch mit unserer Redaktion. „Der eine passt auf den anderen auf, sie ergänzen sich perfekt. Und sie sind höflich miteinander, haben sehr viel Respekt. Das sind alles Attitüden, die wahnsinnig wertvoll sind und die umzusetzen mir sehr viel Spaß macht.“ (Hier gibt es das komplette Interview mit Heino Ferch)

Kennengelernt hatten sich die beiden, als sie zusammen einen Schwarzweiß-Film über Fritz Lang drehten. „Wir haben uns sofort verstanden,“ berichtet Ferch. „Samuel ist ein toller Typ, ein bescheidener, liebevoller, liebenswerter, humorvoller, zurückhaltender Mensch. Wir sind wirklich Freunde geworden, das geschieht auch nicht so oft.“

Er selbst empfinde die Allmen-Rolle wie Urlaub von sich selbst, sagt Ferch: „Ich weiß es auch zu schätzen, wenn man sich dem Anlass entsprechend kleidet, ein vorzügliches Glas Wein trinkt, gut essen kann und die Dame des Herzens dabei ist. Aber wo darf man das leben, was Suter geschrieben hat? Nirgends. Das ist Eleganz, Luft unter die Flügel, Zucker auf die Seele und Creme brullet ins Gesicht. Der entschuldigt sich nicht dauernd, sondern bestellt Champagner, wann er möchte und fragt nicht ständig ,O Gott, was sagen jetzt die anderen?‘. Die Selbstverständlichkeit, mit der dieser Mann durchs Leben geht, ist total erfrischend.“

Foto: ARD Degeto/Julie Vrábelová


Dazu gehört auch der massive Verbrauch von Genussgiften. „Kein Bier vor vier“ wäre so ziemlich der letzte Spruch, der Allmen über die Lippen käme – zum einen dürfte er für derart proletarisches Gesöff nur ein abfälliges Zucken der Mundwinkel übrighaben, zum anderen schaut er nicht auf die Uhr, wenn er sich einen einschenkt. Und greift zu nahezu jeder Tageszeit zum Champagnerglas oder Cognacschwenker.

Ähnlich verhält es sich mit seinem Zigarettenkonsum – Allmens Schlagzahl ist so hoch wie man es im Fernsehen wohl zuletzt in Talkshows der 70er Jahre gesehen hat. Was für den eingefleischten Nichtraucher Ferch nicht unbedingt ein Vergnügen ist: „Als Allmen rauche ich Kräuterzigaretten, die riechen ein bisschen wie Haschisch, und wenn ich für eine Szene viel rauchen muss, weiß ich genau, dass das erste Glas Wein am Abend nicht schmeckt, da kann ich genauso gut Kamillentee trinken.“

Salz im Sekt

Oder vielleicht noch ein Gläschen des Film-Champagners, der vor der Kamera durch seine Kehle rinnt: „Das ist alkoholfreier Sekt, der wird mit einer Prise Salz noch optimiert, damit es aussieht und perlt wie prickelnder Champagner. Wie das schmeckt, muss ich Ihnen wohl nicht weiter ausführen,“ sagt Ferch und lacht. „Das ist nicht wirklich sexy.“

Apropos sexy – die Produzenten wollten in jedem Film ein oder zwei Allmen-Girls haben, berichtet Ferch weiter: „Diesmal haben wir sogar ein 91-jähriges Allmen-Girl, die wunderbare Erni Mangold, die aus Wien angereist ist.“ Es sei ein Erlebnis gewesen, die alte Dame mit ihrer Vitalität und Frechheit zu erleben: „Sie war vier Tage am Set und hat in den Drehpausen von ihrer Zeit als 16-jähriges Mädchen bei Gründgens am Schauspielhaus erzählt. Zum Knutschen, dieses Allmen-Girl.“


Allmen und das Geheimnis der Dahlien. Das Erste Samstag, 13. Juli 2019, 20.15 Uhr.


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