Im Bermudadreieck des Fernsehens Studie: Frauen haben vor und hinter der Kamera wenig zu sagen

Von Tilmann P. Gangloff

Eine der wenigen Ausnahmen: Die Figur der Dana Scully (Gillian Anderson) aus der Serie „Akte X“ inspirierte in den USA viele junge Frauen dazu, Naturwissenschaften zu studieren. Immer an Scullys Seite: Ihr Partner FBI-Agent Fox Mulder (David Duchovny). Foto: dpa/Tele 5Eine der wenigen Ausnahmen: Die Figur der Dana Scully (Gillian Anderson) aus der Serie „Akte X“ inspirierte in den USA viele junge Frauen dazu, Naturwissenschaften zu studieren. Immer an Scullys Seite: Ihr Partner FBI-Agent Fox Mulder (David Duchovny). Foto: dpa/Tele 5

Osnabrück. Seit Jahrzehnten hat sich in der Film- und Fernsehbranche nichts an der stereotypischen Rollenverteilung von Männern und Frauen geändert. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die Schauspielerin Maria Furtwängler mit ihrer Stiftung finanziert hat. Demzufolge seien starke Frauenrollen, wie die der Dana Scully in der Serie "Akte X", eine absolute Seltenheit.

„Männer handeln, Frauen treten auf“: Das war das Fazit einer Studie, die 1975 die Rollenverteilung im Fernsehen untersucht hat. Eine aktuelle Analyse kommt zu einem niederschmetternden Ergebnis: Seither hat sich im Grunde nichts geändert. Frauen haben im Fernsehen und im Kinofilm nicht viel zu sagen, weder vor noch hinter der Kamera.

Wie wichtig es jedoch wäre, Mädchen mit Vorbildern zu versorgen, zeigt das Beispiel „Akte X“. Weibliche Hauptfigur der populären Serie war die FBI-Agentin Dana Scully. Die forensische Medizinerin hat in den USA viele junge Frauen dazu animiert, ein MINT-Fach (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) zu studieren.

Aufwendige Untersuchung

Um die Geschlechterdarstellung in den Medien erforschen zu lassen, haben die Schauspielerin Maria Furtwängler und ihre Tochter Elisabeth über ihre Stiftung „MaLisa“ eine aufwendige Untersuchung finanziert. Elizabeth Prommer und Christine Linke (Institut für Medienforschung an der Uni Rostock) haben 3500 Stunden deutsches TV-Material analysiert. Dabei wurden alle sichtbaren Personen sowie die wichtigsten Verantwortlichen (Regie, Drehbuch, Kamera, Redaktion, Produktion) erfasst. Das wichtigste Ergebnis: Männer sind im deutschen Fernsehen insgesamt doppelt so oft vertreten wie Frauen. Die wiederum werden mit zunehmendem Alter „unsichtbar“: Ab 30 verschwinden sie sukzessive vom Bildschirm; das gelte für „alle Sender über alle Formate und Genres hinweg“. 

 Als Beispiel führen die Autorinnen die ARD-Krimireihe „Donna Leon“ an: Kaum jemand stört sich daran, dass Hauptdarsteller Uwe Kockisch mit 75 im Grunde viel zu alt für die Rolle von Commissario Brunetti ist; Filmpartnerin Julia Jäger, die Brunettis etwa gleichaltrige Ehefrau Paola spielt, ist Ende vierzig.

"Veraltetes Bild von Lebenswelten"

Der Fantasie, resümieren die Wissenschaftlerinnen, „scheint in Bezug auf Männer keine Grenze gesetzt zu sein, bei Frauen jedoch schon“. Die Gäste von Informationssendungen, in denen Experten ein bestimmtes Fachgebiet repräsentieren, sind ebenfalls eher männlich als weiblich. Gerade hier, monieren Prommer und Linke, könnten Frauen in Führungsrollen Berufs- und Lebenserfahrung einbringen, aber das werde ihnen selbst in Berufsfeldern verwehrt, in denen sie – wie etwa im Bereich Bildung – in der Wirklichkeit die Mehrheit stellen. Auf diese Weise werde „ein veraltetes Bild von Lebenswelten und ein verzerrtes Bilder unserer gesellschaftlichen Realität“ gezeigt. Mit einer Mischung aus Verwunderung und Resignation stellen die Forscherinnen fest: „Es scheint ein Bermudadreieck des Fernsehens zu geben, in dem Frauen ab Mitte 30 ganz offensichtlich ausgeblendet werden.“  

Die Misere beginnt bereits im Kinderfernsehen. Hier liegt der Anteil männlicher Protagonisten bei 72 Prozent. Wenn jemand etwa in einem Wissensmagazin die Welt erklärt, dann ist das wie in den Informationssendungen für Erwachsene eher ein Mann als eine Frau. Auf diese Weise werde von Kindesbeinen an ein bestimmtes Weltbild vermittelt: Die „Unsichtbarkeit von Mädchen“ führe zu „eingeschränkten Vorstellungsräumen“ der jungen Zuschauerinnen. Das geschlechtliche Missverhältnis kann nach Ansicht der Autorinnen die Ursache dafür sein, dass auch in der Wirklichkeit „so wenig in Fragen der Geschlechtergerechtigkeit“ passiere: Die Medien lieferten kein Spiegelbild der Gesellschaft, sondern produzierten und zementierten bestimmte Rollen- und Geschlechterbilder.

Missverhältnis auch hinter der Kamera

Die Frage, ob es einen „Mechanismus des Ausblendens“ gebe, führt zwangsläufig hinter die Kamera, wo ein ganz ähnliches Missverhältnis herrscht. Beim Kinderfernsehen wird das besonders deutlich: In 90 Prozent der Produktionen sitzt auf dem Regiestuhl ein Mann. Auch beim Kinospielfilm sind Frauen in den kreativen Schlüsselpositionen Regie (20 Prozent) und Drehbuch (17 Prozent) deutlich in der Unterzahl. Bei Fernsehfilmen und Serien gab es zum Zeitpunkt der Untersuchung sogar noch weniger Regisseurinnen (14 Prozent).

Wie wichtig die Besetzung der Posten Buch, Regie und Produktion ist, zeigt ein Quervergleich: Sind sie in Männerhand, sind Haupt- und wichtige Nebenrollen ebenfalls eher männlich. Andersrum rücken Frauen stärker in den Vordergrund, je mehr Frauen hinter der Kamera in Leitungsfunktion agieren. Da Männer also offenbar eher Geschichten über Männer erzählen, scheint die Erklärung für die Misere vor der Kamera auf der Hand zu liegen. Über die Gründe für das Ungleichgewicht hinter der Kamera lässt sich dagegen nur mutmaßen.

Für eine Branche, die sich selbst als künstlerisch und kreativ bezeichne, finden die Forscherinnen „die herrschenden Geschlechterbilder erschreckend stereotyp, traditionell und wenig fortschrittlich“.

Ausgeblendet. Frauen im deutschen Film und Fernsehen: von Elizabeth Prommer und Christine Linke. Herbert von Halem Verlag, Köln. 184 Seiten, 21 Euro.


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