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Die 15 Minuten im Video Joko und Klaas machen Pro7 zum Polit-TV

Klaas Heufer-Umlauf und Joko Winterscheidt. Foto: Willi Weber/ProSiebenKlaas Heufer-Umlauf und Joko Winterscheidt. Foto: Willi Weber/ProSieben

Berlin. Nach ihrem Show-Sieg über ProSieben durften Joko und Klaas 15 Minuten senden, was sie wollten – und überraschten alle.

"Hoffen wir das Beste!" Diese Worte blendete ProSieben als Texttafel ein, bevor Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf 15 Minuten lang der Sender gehörte. Nach ihrem Sieg in der Show "Joko & Klaas gegen ProSieben" hatten die Entertainer ein Freispiel von einer Viertelstunde gewonnen – 15 Minuten, in denen sie senden durften, was immer sie wollten. Der Sender hatte sich schon vorab von allem distanziert.


Die ersten 15 Minuten

Zunächst begann auch alles so, wie man es von den HalliGalli-Helden erwartet: Nach einem meisterlich schlechten Vorspann im Stil der frühen Homevideo-Ära begrüßte Joko das Publikum mit den Worten: "Buona sera, ihr Pissnelken." Klaas zückte eine Liste mit Ideen für den Abend: Blumen gießen, stand drauf, Frischhaltefolie essen, Heroin verkosten. All das würden sie im Fall von weiteren Siegen über ProSieben noch machen, sagte er. Vorerst aber gehöre ihr Studio "Menschen, die mehr zu sagen haben als wir."

Dann verschwanden sie von der Bildfläche und machten das Gegenteil von dem Spaßgewitter, dass die meisten nun erwartet haben dürften. Im Studio stand nur noch ein lerer Stuhl, den die Kamera kontinuierlich umkreiste. Nacheinander nahmen eine Flüchtlingsretterin Platz, ein Obdachlosenhelfer und eine Aktivistin, die den Neonazis trotzt. Jeder erzählte seine Geschichte. Dann ging die Sendung ins Black und "Grey's Anatomy" fing an, als sei nichts geschehen. Hut ab, vor diesem Überraschungscoup!

Gegen Rechts, für Obdachlose

In nüchternen Worten lieferten die Gäste von Joko und Klaas harte Realitäten. Die Künstlerin Birgit Lohmeyer beschloss die 15 Minuten TV-Aktivismus mit einem Bericht von ihrem Leben auf dem Forsthof Jamel. Mit ihrem Mann, berichtet sie, war sie vor Jahren ins Mecklenburgische gezogen, wo ihr fortan Neonazis das Leben zur Hölle machten – von Pöbeleien über Drohungen bis hin zur Brandstiftung. Lohmeyer ließ sich nicht einschüchtern, gewann Unterstützer und veranstaltet in ihrem Dorf seit Jahren das Musikfestival "Jamel rockt den Förster".

Vor Lohmeyer hatte Dieter Puhl von der Berliner Bahnhofsmission das Wort. Er erzählte von Obdachlosen, die er bis zu ihrem Tod betreut hat, von Klaus zum Beispiel, der mit 38 Jahren starb – "an Heroin und Glühwein", von einem 63-Jährigen, dem regelmäßig der eigene Kot vom Körper gewaschen werden musste. Er berichtete von der niedrigen Lebenserwartung auf der Straße und nahm die Fans von Joko und Klaas in die Pflicht: "Wenn ihr die Möglichkeit habt. auf Obdachlose Menschen zuzugehen – macht es bitte. Blendet sie nicht aus in eurer Wahrnehmung. Geht nach Möglichkeit respektvoll auf sie zu", sagte er. "Die Champions League in der ganzen Sache ist, wenn man sich traut, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen."

Das tote Kind im Eisschrank der Flüchtlingsretterin

Die grausamste Geschichte hatten Joko und Klaas gleich zu Beginn erzählen lassen. Als erste sprach Pia Klemp, die als Kapitänin Einsätze zur Flüchtlingsrettung begleitet hat, auf der Iuventa etwa und auf der Seawatch 3. "Tagelang fuhr ich mit einem toten zweijährigen Jungen in der Tiefkühltruhe in internationalen Gewässern auf und ab", berichtet sie, "weil kein europäisches Land ihn retten wollte, als es noch möglich war, und sie uns dann einen sicheren Hafen verwehrt haben. Seine Mutter war auch bei uns an Bord. Lebendig. Was sage ich einer traumatisierten Frau, deren Kind da in meinem Tiefkühler liegt über den Friedensnobelpreisträger EU?", fragte sie und gab dann ihre eigene Schlussfolgerung zu Protokoll: "Die Europäische Union setzt seit Jahren auf Migrationsabwehr. Sie lässt Menschen wissentlich ertrinken, macht Flüchtende und Migrantinnen zu Illegalen, blockiert die zivile Seenotrettung und finanziert stattdessen libysche Milizen, die in unserem Namen Menschen in ein Bürgerkriegsland verschleppen, wo ihnen Vergewaltigung, Folter und der Tod drohen."

Das passende Programm zum Berlusconi-Deal

15 Minuten live und ohne Absprachen: Das muss man ProSieben lassen – der Sender hat Mut zum Experiment. Wie gut es bei der Premiere aufgehen würde, konnten wohl nicht mal Joko und Klaas selbst ahnen. Am Abend ihres Siegs bei "Joko & Klaas gegen ProSieben" hatten sie noch Witze gemacht: Ihr Freispiel würden den Aktienkurs von ProSiebenSat.1 einbrechen lassen. Am Tag danach war der Medienkonzern tatsächlich in den Börsennachrichten – weil Silvio Berlusconi 9,6 Prozent der Anteile gekauft hatte. Sein Unternehmen Mediaset schätze die Führungsmannschaft von ProSiebenSat.1, wurde er zitiert. Man darf gespannt sein, wie ihm nun das Plädoyer gegen Rechts und für die Flüchtlingshilfe und die Schwächsten der Gesellschaft gefällt, in dem nun auch seine Millionen stecken.

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