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ESC 2019 kurios Roko, Bilal, Leonora: Welcher ESC-Act ist am verrücktesten?

ESC 2019: Kaum aus der Mauser, singt Roko schon Kroatiens Eurovision-Hit. Foto: imago images/Vyacheslav Prokofyev/TASSESC 2019: Kaum aus der Mauser, singt Roko schon Kroatiens Eurovision-Hit. Foto: imago images/Vyacheslav Prokofyev/TASS 

Berlin. Halb Schlagerfest, halb Christopher Street Day: Wer verkörpert den ESC-Geist am besten? Bilal? Roko? Leonora?

Am Samstag geht der ESC 2019 ins Finale. Welche Künstler werden den Anforderungen an ein Fest der musikalischen Extravaganz am besten gerecht? 

Roko: „The Dream“ (Kroatien)



Wer ganz in Weiß gekleidet durchs Leben geht, ist Mediziner, Bäcker oder gerade in einer schwierigen Phase. Für Roko gilt wohl das Dritte. Damit niemand merkt, dass seine Jacke auch noch dem frühen Bohlen huldigt, lenkt er mit einem raffinierten Accessoire von dem Missgriff ab: mannshohen, mal flauschig weißen, mal räudig goldenen Flügeln. Rührenderweise scheint Roko – mit 19 Jahren kaum der ersten Mauser entwachsen– zu glauben, dass er wie ein Engel aussieht. Alle anderen warten während seiner Ballade darauf, dass ein paar halbnackte Victoria’s-Secrent-Models aus der Kulisse springen und sich ihr Markenzeichen zurückzuholen.

Bilal Hassani „Roi“ (Frankreich)



Wegen der Perücke verglichen alle Bilal Hassani mit Conchita Wurst. Dann muss man aber auch den Unterschied rausarbeiten: Als vollbärtige Diva war Conchita eine provokative und perfekte Kunstfigur; der reale Tom Neuwirth verschwand komplett. Bilal Hassani tritt unter echtem Namen auf und bleibt in allem Glitter immer erkennbar – als magerer Jungen mit kantigem Gesicht. Die tiefsitzende Brille mag ein Designer-Stück sein; zum verhangenen Blick und dem halboffenen Mund kennzeichnet sie trotzdem das geistesabwesende Kind, das sich sein Diven-Dasein gerade erträumt. Und genau das singt er ja auch: „Quand je rêve, je suis un roi.“

Leonora singt „Love Is Forever“ (Dänemark)



Schon in den ersten Versen wischt Leonoras Gute-Laune-Lied die Ruinen der Geschichte beiseite. „Nur nicht politisch werden!“, zwitschert sie mitten in Israel und besingt im völkerverbinden Sprachmix die Liebe. In seiner Harmlosigkeit ist der dänische Beitrag ein typischer ESC-Hit. Und doch geht etwas Beunruhigendes davon aus, wie Leonora über dem süßen Lächeln in die Kamera starrt. Tatsächlich verbirgt sie ein Geheimnis, das die Kamera erst spät lüftet: Auf der Bühne steht – ein Stuhl von den Ausmaßen eines Lasters. Und niemand begreift, was er bedeutet. Sollte Leonora eigentlich für das Heimatland Ikeas singen? Hat sie das Möbel mit ihren großen Schneidezähnen selbst aus einem riesigen Holzblock genagt? Hoffen wir das sie siegt und sich endlich erklärt.


Serhat: „Say Na Na Na“ (San Marino)



Vespa-Roller und Cabrios: Das Video von Serhats „Say Na Na Na“ macht das Studio zum Ferienparadies. Der schönste Archetypus ist dabei der Sänger selbst: In Sakko und Drei-Tage-Bart umschmeichelt Serhat als Pauschalreisen-Gigolo die Mauerblümchen von der Hotelbar. Seine Verse stammen direkt aus dem Handbuch der Pick-up-Artists: „Du siehst traurig und einsam aus, stimmt was nicht?“, schnurrt er, reicht verbal seine Telefonnummer rüber, um uns zu jeder Tages- und Nachtzeit die Schönheit des Lebens zu erklären. Würg. Bei der dritten Wiederholung des Refrains greift man unwillkürlich nach dem Schwangerschaftstest – auch als Mann.

Zala Kralj & Gašper Šantl: „Sebi“ (Slowenien)



Mit hohlen Augen und einer Pilotenmütze auf dem Kopf fläzt Zala Kralj sich in ein Sportflugzeug. „Wenn Deine Last schwer ist, findest du bei mir Zuflucht“, seufzt sie mehr, als dass sie es singt. Wer die Einladung annimmt, gerät in den somnambulen Sog depressiver Metaphern. Von der Endlichkeit des Planeten geht’s Nonstop zur universalen Sinnlosigkeit. „Ich bin wie eine Schneeflocke, die darauf wartet, dass der Frühling kommt“, heißt es am Ende. Würden Sie bei einer Fluglinie einchecken, die mit diesem Motto wirbt? Eben.

Kate Miller-Heidke: „Zero Gravity“ (Australien)



Seit 1974 lieben die Australier den ESC; mitmachen dürfen sie erst seit vier Jahren. Kate Miller-Heidke versprüht die aufgestaute Begeisterung aus jeder Pore. „Zero Gravity“ bietet alles, was man sich vom ESC erhofft: Kostüme vom Gerüstbauer, eine Bühnenshow mit extremer Verletzungsgefahr und Töne ohne Rücksicht auf Verluste. In ihrem turmhohen Raureifrock sieht die Opern-Sängerin aus wie Disneys Eiskönigin auf ihrer eigenen Hochzeitstorte. Um sie herum schwingt eine Tänzerin auf einem der Masten, auf denen sich eben noch die „Mad Max“- Gladiatoren die Schädel gespalten haben. Womöglich geht das Halbfinale ähnlich aus: Eine falsche Bewegung, und Kates Eiszapfen-Diadem durchbohrt den Leib der Tänzerin.

Hatari: „Hatrið mun sigra“ (Island)



Der isländische Beitrag ist erst zu hören, wenn keine Kinder mehr zugucken. Eine weise Entscheidung. Im Video lässt ein Fantasie-Diktator sich von blutigen Schergen aus dem Eis in einen schwülen Fetisch-Club tragen. Und wenn er „Der Hass wird siegen“ bellt, brechen auch erwachsenen ESC-Liebhaber vor Schreck noch in Tränen aus. Oder in Gelächter. Es hat ja auch was Lustiges, dass ausgerechnet beim ESC ein Vers wie „Europa wird zusammenbrechen“ gegröhlt wird. Gemeint ist das alles – schreibt „Eurovision.de“– als Plädoyer gegen den Kapitalismus. Als Israel-kritisch versteht die Band von der Kunsthochschule sich auch. Womit ihr erotischer Fascho-Look vielleicht doch zur problematischen Kleiderwahl wird.

Lake Malawi: „Friend Of A Friend“ (Tschechische Republik)



Das Video des tschechischen Beitrags tut so, als wäre es der Instagram-Account des Sängers. Albert Černý tanzt durch die Timeline, zieht seine süße Nase kraus und albert mit Mädchen rum. Irgendwann fragt man sich, wann der singende Influencer endlich seine Nonsens-Produkte mit 20 Rabatt und Link in der Bio in die Kamera hält. Bis man begreift: Lake Malawi verkauft einfach nur sich selbst – und die frohe Botschaft, wonach in der vernetzten Welt über drei Ecken jeder mit jedem befreundet ist. Nahost-Konflikt gelöst.

Conan Osíris: „Telemóveis“ (Portugal)



Er wartet auf eine SMS vom Leben, hat beim Telefonat mit dem Himmel aber sein Handy beschädigt. Davon singt, mal ganz kurz zusammengefasst, Conan Osíris im ESC-Kracher „Telemóveis“. Der Beitrag ist einer der rätselhaftesten des Wettbewerbs. Schon jetzt bitten wir ESC-Kommentator Peter Urban um Antworten auf die drängendsten Fragen: Welche Muppets haben für Conans Puppenpelz ihr Leben gelassen? Ist das die Gesichtsmaske, mit der Blaszczykowski nach seinem Nasenbeinbruch für Dortmund gespielt hat? Hat das Lied schon angefangen? Und würde das Telefon vielleicht doch funktionieren, wenn Conan beim Tippen die Penisfutterale von den Fingern nähme? Unbegreiflicher Weise ist dieser Höhepunkt des Irrsinns schon im Habfinale ausgeschieden.

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