Kaum Musik im Fernsehen Deutscher Musikrat: Mehr Rock und Pop statt Klassik im Radio

Von Joachim Göres

Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten mit ihren Orchestern, hier das NDR Sinfonieorchester,   sind  zusammen der weltweit größte Musikproduzent.  Foto: dpa/Bodo MarksDie öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten mit ihren Orchestern, hier das NDR Sinfonieorchester, sind zusammen der weltweit größte Musikproduzent. Foto: dpa/Bodo Marks

Bonn. Musik dominiert das Radioprogramm, im Fernsehen besitzt sie dagegen nur eine untergeordnete Rolle – das ist eine der Aussagen der kürzlich vom Deutschen Musikrat und dem Deutschen Musikinformationszentrum vorgelegten Dokumentation „Musikleben in Deutschland“.

 Bei den Rundfunksendern liegt der Musikanteil im Schnitt bei 70 Prozent. Dabei spielen die privaten Sender deutlich mehr Musik als die öffentlich-rechtlichen, wo der Anteil zwischen 40 Prozent (Deutschlandradio) und 75 Prozent (Radio Bremen) liegt. Bei den ARD-Sendern entfällt fast die Hälfte auf Pop und Rock, etwa ein Viertel auf Unterhaltungsmusik wie Schlager, Evergreens, Volksmusik und Operette sowie ein Fünftel auf klassische Musik. Die Anteile haben sich in den letzten Jahren durch die Verbreitung digitaler Programme verändert: Klassische Musik taucht auf den digitalen Wellen öffentlich-rechtlicher Sender kaum auf. Gleichzeitig nimmt die Bedeutung von Pop- und Rockmusik stark zu – nur beim Mitteldeutschen Rundfunk wird insgesamt deutlich mehr Unterhaltungsmusik gespielt.

Die Hälfte der privaten Radiosender konzentriert sich bei ihrer Musikmischung auf die Zielgruppe der 14-49-Jährigen und bringt meist melodiöse Rock- und Pophits der letzten 30 Jahre. 15 Prozent der Privatradios hat die 14-29-Jährigen im Auge, sie spielen vor allem die aktuellen Hits aus den Top-40-Charts. Mit der Verbreitung des Internetradios konzentrieren sich zudem viele private Anbieter auf ganz spezielle Musikrichtungen. Unter den 1624 deutschen Online-Only-Webradios gab es 2017 alleine 267 Angebote mit dem Schwerpunkt Dance, gefolgt von Schlager/Volksmusik (255), Rock (164), Weltmusik (72) und Black Music (42).

Im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ist der Musikanteil mit unter einem Prozent sehr gering – Ausnahmen bilden Arte (6,3 Prozent) und 3sat (3,4 Prozent). Dabei erfassen die Sender allerdings nur die reinen Musikübertragungen und berücksichtigen weder Quizshows noch Tanzwettbewerbe. Die eigenen Spartensender dominieren – so entfällt mehr als ein Drittel der Gesamtsendezeit von Musiksendungen der ARD-Sender auf ARD alpha. Bis heute erfreuen sich Übertragungen vom Eurovision Song Contest oder Sendungen wie die „Feste der Volksmusik“ und „Deutschland sucht den Superstar“ bei einem Stammpublikum großer Popularität.

Private Musiksender mit ihren Musikvideoclips haben ihre Stellung bei jungen Leuten angesichts der mobilen Streamingwelt verloren. MTV Germany stellte 2011 den herkömmlichen Betrieb ein und war bis Ende 2017 nur noch im Pay-TV zu empfangen. Inzwischen ist das Programm wieder im Free-TV vertreten sowie als Livestream über die Homepage und eine eigene App zugänglich. Für VIVA kam nach 25 Jahren Sendebetrieb Ende vergangenen Jahres das Aus. Bis heute hält sich Deluxe Music TV.

Für die Musikwelt sind die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten von besonderer Bedeutung: Mit ihren elf Orchestern, vier Big Bands und sieben Rundfunkchören sind sie laut Bericht der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages der weltweit größte Musikproduzent. Sie engagieren sich bei der Musikvermittlung in Schulen, organisieren Festivals wie das vom Hessischen Rundfunk seit 1953 veranstaltete Deutsche Jazzfestival und sorgen für jährlich mehr als 500 Konzerte. So ist alleine im Mai die NDR Bigband bei drei Jazzkonzerten in Hamburg und Rostock zu sehen und zu hören, der NDR Chor singt bei fünf Auftritten in Hamburg und Göttingen, das NDR Elbphilharmonie Orchester spielt bei 14 Konzerten in Hamburg, Wismar und Lübeck und die NDR Radiophilharmonie stellt sich bei 15 Gastspielen unter anderem in Hannover und Bremen vor. Sie tragen dazu bei, dass die Werke alter und neuer Komponisten einem interessierten Publikum live und im Radio näher gebracht werden. Die damit verbundenen Kosten in Höhe von jährlich rund 170 Millionen Euro für die 22 ARD-Klangkörper entsprechen einem Anteil von 41 Cent des monatlichen Rundfunkbeitrages.


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