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Am Sonntagabend im ARD-Programm „Das Nest“ aus Dresden - Der spannendste Tatort des Jahres

Foto: MDR/Wiedemann&Berg/Daniela IncoronatoFoto: MDR/Wiedemann&Berg/Daniela Incoronato

Osnabrück. Der Tatort kommt am Sonntagabend aus Dresden und bringt Spannung pur: „Das Nest“ markiert das Debüt von Cornelia Gröschel als Nachfolgerin von Alwara Höfels. Nicht politisch, aber extrem großartig gruselig.

„Scheiß dich nicht ein“, sagt die junge Frau zu sich selbst und es klingt wie das berühmte Rufen im Walde. Mühsam versucht sie, ihr flatterndes Nervenkostüm in den Griff zu bekommen. Aber auch so mancher Zuschauer dürfte sich von ihren Worten angesprochen fühlen. Dafür sorgt allein schon der bedrohliche Klangteppich unter den ersten Bildern.

Kurz zuvor hat sich Maja Peters mit ihrem Wagen auf einer Landstraße vor den Toren Dresdens überschlagen. Mitten in der Nacht. Nahezu unverletzt ist sie aus dem Wrack gekrochen, mit dem Handy hat sie keine Verbindung bekommen. Also hat sie sich zu Fuß auf den Weg gemacht. Nun steht sie in der Eingangshalle eines leerstehenden Hotels. (So war der letzte Tatort aus Dresden)

Irgendwo in dieser unheimlichen Herberge am gefühlten Ende der Welt brennt Licht. Irgendwo dudelt Neil Youngs „Harvest Moon“ aus einem betagten Kassettenrekorder. Selten klang ein Liebeslied bedrohlicher. „Scheiß dich nicht ein“, es ist der Auftakt zum bislang spannendsten Tatort des Jahres: „Das Nest“.

Maja Peters folgt dem Licht in die ehemalige Hotelküche. Und da liegt er. Unter einer Plastikplane. Der Mann atmet noch, aber er ist offenbar nicht in der Lage, sich zu bewegen. Aus seinen Augen funkelt Panik, als ein zweiter Mann den Raum betritt. Bekleidet mit einem Hygieneoverall, einer Plastikschürze und Handschuhen greift er zum medizinischen Besteck – und lässt sein Opfer ausbluten. Voller Panik ergreift die junge Frau die Flucht. Gerade mal fünf Minuten sind da vergangen und als Zuschauer ist man bereits komplett gefesselt.


Foto: MDR/Wiedemann&Berg/Daniela Incoronato


Mit dieser Episode schließt der Dresdner Tatort seine Wandlung ab. Als er vor drei Jahren mit „Auf einen Schlag“ startete, lag der Schwerpunkt auf der humorigen Seite, dafür stand allein schon der Name von Drehbuchautor Ralf Husmann. Längst ist er nicht mehr an Bord und nach der sechsten Folge quittierte auch Alwara Höfels ihren Dienst als Kommissarin Henni Sieland. Sie hätte in Dresden lieber politischere, gesellschaftlich relevantere Themen behandelt.  (Interview mit Alwara Höfels zu ihrem Tatort-Aus)


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Neu an der Seite von Karin Gorniak (Karin Hanczewski) und deren Chef Peter-Michael Schnabel (Martin Brambach) ist nun Cornelia Gröschel in der Rolle der Leonie „Leo“ Winkler. Ihr Debüt gerät zu einem echten Pulsbeschleuniger, und das ist vor allem zwei Männern zu verdanken: Erol Yesilkaya ist der aktuell wohl beste Tatort-Drehbuchautor, zuletzt legte er zusammen mit Regisseur Sebastian Marka die brillante Franken-Folge „Ein Tag wie jeder andere“ vor. Auf dem Regiestuhl nahm diesmal allerdings nicht Marka Platz, sondern ein weiterer Debütant: Alex Eslam. Der 36-Jährige beweist mit „Das Nest“ ein ausgeprägtes Gespür für Licht, Schnitt und Musik. Für Spannung. Seine Handschrift tut Deutschlands ältester Krimireihe spürbar gut.  (So stark sind die Drehbücher von Erol Yesilkaya)

Der jungen Frau gelingt die Flucht aus dem Horrorhotel. Und die Polizei macht in zwei geheimen Räumen eine noch gruseligere Entdeckung: Dort sitzen ausgeblutete und präparierte Leichen an einer Kaffeetafel und einem Wohnzimmertisch. Ein Ensemble des Grauens. Und dann macht die Neue auch noch einen schwerwiegenden Fehler.

Beim Drehen ist Cornelia Gröschel gar nicht aufgefallen, wie extrem spannend dieser Film werden würde. Wohl aber, als sie ihn dann zum ersten Mal sah: „Ich hab mich an manchen Stellen selbst erschrocken, obwohl ich die Story kannte“, sagt sie im Gespräch mit unserer Redaktion. „Ich wusste genau, was passiert, und bin trotzdem zusammengezuckt“.  (Hier gibt's das vollständige Interview mit Cornelia Gröschel)


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Sehr zufrieden sei sie mit dem Film: „Dramaturgisch, von der Bildsprache und Musik her finde ich ihn wirklich gelungen. Die Einführung meiner Figur, das Zusammenspiel mit Karin Hanczewski, die Verflechtung unserer Geschichten – das hat alles gepasst“.

Für die neue Kommissarin ist dieser Tatort also ein Traumstart, zumal in ihrer Heimatstadt Dresden. Was Cornelia Gröschel aber nicht daran hindert, einen Verbesserungsvorschlag zu formulieren: „Ich würde schon gerne einen Hauch mehr Dresden-Bezug erzählen. Produktion, Regie, Drehbuchautor – es gibt niemanden, der Dresden kennt oder von dort kommt“.


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Neulich habe sie sich mit einem Drehbuchautor unterhalten, der noch nie in Dresden war, aber einen Dresden-Tatort schreibt: „Das heißt nicht, dass ich die Rolle auf Sächsisch spielen möchte, aber es darf durchaus mal Szenen geben, in die ein bisschen Dialekt reinrutscht. Das ist mir in den ersten beiden Folgen noch nicht gelungen. Wobei natürlich die Frage ist: Was ist eigentlich typisch für Dresden außer Frauenkirche, Semperoper und Pegida?“

Womit wir wieder bei Alwara Höfels und ihrer Kritik am MDR wären, der Ausländerfeindlichkeit und Pegida in seinen Tatorten offenbar nicht thematisieren will. Cornelia Gröschel denkt da wie ihre Vorgängerin etwas anders: „Man könnte sich schon dazu verhalten. Das passiert natürlich nicht, wenn man überhaupt nicht darauf eingeht. Es gab ja sogar eine Folge, in dem Pegida-nahe Anhänger dargestellt werden sollten, und das wurde dann heraus retouchiert.“


Tatort: Das Nest. Das Erste, Sonntag, 28. April 2019, 20.15 Uhr.

Wertung: Sechs von sechs Sternen


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