zuletzt aktualisiert vor

Montagabend im ZDF Den Falschen getötet: Uwe Kockisch in „So weit das Meer“

Alte Freunde: Sven Gratmann (Paul Faßnacht, links) und Wolf Harms (Uwe Kockisch) arbeiten zusammen am Boot. Foto: ZDF/Christine SchroederAlte Freunde: Sven Gratmann (Paul Faßnacht, links) und Wolf Harms (Uwe Kockisch) arbeiten zusammen am Boot. Foto: ZDF/Christine Schroeder

Osnabrück. Wieder einmal sorgt das ZDF mit seinem Montagsfilm für das TV-Highlight des Abends. Im erstklassigen Drama „So weit das Meer“ spielt Uwe Kockisch heute Abend einen Mann, der nach 15 Jahren aus der Haft entlassen wird – eine Erfahrung, die der Schauspieler im wirklichen Leben auch schon gemacht hat.

Grauer Anzug, weißes Hemd. Wie ein Verbrecher sieht er eigentlich nicht aus. Doch Wolf Harms hat getötet. Den vermeintlichen Vergewaltiger seiner Tochter Jette (Katharina Schüttler). Und dafür gebüßt. Denn er war bereit, die Konsequenzen für sein Handeln zu tragen. Und glaubt bis jetzt, dass es richtig war, so zu handeln. Als er den Knast verlässt, wartet draußen seine Frau Agnes (Imogen Kogge): „Hallo, alles in Ordnung?“ Eine Umarmung. Trügerische Nähe. In 15 Jahren entfernt man sich voneinander.

Uwe Kockisch spielt diesen Wolf Harms. Im Gespräch mit unserer Redaktion zeigt der 75-Jährige ein gewisses Verständnis für seine Figur: „Stellen Sie sich vor, Sie werden geholt und da liegt Ihre Tochter in Form eines blutenden Stücks Fleisch. Sie ist nicht angefahren, sondern überfahren worden, wurde dann in den Wald gezerrt, liegengelassen und ist eigentlich schon fast tot. Und dann wird sie vergewaltigt. Das muss man erst mal in den Kopf reinkriegen. Das überhaupt psychisch und physisch zu erleben, ist schon heftig. Und dann erfahren Sie, dass die Polizei und Staatsanwaltschaft an den Täter nicht rankommen. Wie soll man damit umgehen?“  (Hier gibt es das komplette Interview mit Uwe Kockisch)

Familie Harms wohnt an der Küste, gedreht wurde „So weit das Meer“ auf Fehmarn und an der Ostseeküste. Wolfs altes Boot liegt noch an derselben Stelle, an der er es vor 15 Jahren zurückgelassen hat. Doch die Heimkehr in die Familie fällt ihm schwer. Ganz besonders zu Jettes Sohn Nils (dargestellt von Junis Marlon, der zuletzt im Rostocker Polizeiruf 110 glänzte) kann er keine Beziehung aufbauen. Der Junge war bei der Vergewaltigung gezeugt worden. Er ist aufgewachsen, während sein Großvater im Knast saß. (So stark war Junis Marlon im Polizeiruf aus Rostock)

Die eigentliche Katastrophe aber wartet noch auf Harms: Kaum ist er aus der Haft entlassen, muss er erkennen, dass er damals einen Unschuldigen erschossen hat. Dass der wahre Täter noch frei herumläuft. Das bringt ihn aus der Fassung, Uwe Kockisch formuliert es so: „Wolf Harms ist kurz davor, dass etwas in ihm implodiert.“  

Foto: ZDF/Christine Schroeder

Der Schauspieler weiß, wie es ist, aus dem Knast zu kommen. Als Jugendlicher versuchte er, zusammen mit Kumpels in einem Kutter über die Ostsee aus der DDR zu fliehen. Sie flogen auf und landeten hinter Gittern, für mehr als ein halbes Jahr. Das könne man nicht mit 15 Jahren Haft vergleichen, sagt Kockisch: „Anfangs wusste ich nicht, wie ich die Dinge einschätzen sollte und wie man reagiert. Aber ich habe schnell gemerkt, dass ich zwei Möglichkeiten habe: Entweder sehe ich mich als Opfer, mache mein Leben selbst kaputt oder aber ich befreie mich daraus, drehe es um und begreife es als Erfahrung.“

Die Erfahrung des Wolf Harms ist ungleich bitterer. 15 Jahre hat er gesessen für den Todesschuss auf einen Unschuldigen. In seiner Welt bleibt ihm keine andere Wahl, als sich erneut auf die Suche nach dem Vergewaltiger zu machen.  

Foto: ZDF/Christine Schroeder

Regisseur Axel Bart hat aus dem Buch von Paul J. Milbers und Sabine Radebold ein starkes Drama um Schuld und Sühne gemacht, und Uwe Kockisch erneut belegt, dass er weit mehr kann als den ewigen Commissari Brunetti (als solcher wieder zu sehen am Donnerstag in der 25. Donna Leon-Verfilmung „Ewige Jugend“). Neben dem 75-Jährigen überzeugen aber auch Suzanne von Borsody und Katharina Schüttler in starken Frauenrollen.


So weit das Meer. ZDF, Montag, 15. April 2019, 20.15 Uhr.

Wertung: 5 von 6 Sternen


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN