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Sonntagabend im ARD-Programm Tatort aus Dortmund: „Inferno“ hat den Stoff für neuen Zoff

Ist der Kommissar irre? Peter Faber (Jörg Hartmann) hat der Kollegin Martina Bönisch (Anna Schudt) eine Tüte über den Kopf gestülpt und zugezogen. Er will wissen, wie der Mörder gemordet hat. Foto: WDR/Thomas KostIst der Kommissar irre? Peter Faber (Jörg Hartmann) hat der Kollegin Martina Bönisch (Anna Schudt) eine Tüte über den Kopf gestülpt und zugezogen. Er will wissen, wie der Mörder gemordet hat. Foto: WDR/Thomas Kost

Osnabrück. Nach dem letzten Dortmunder Tatort „Zorn“ platzte Dortmunds Oberbürgermeister Ullrich Sierau der Kragen – am Sonntagabend gibt’s die erste Folge nach dem Eklat. Kann „Inferno“ die Wogen glätten? Oder gibt's den nächsten Zoff? Hauptdarsteller Jörg Hartmann plädiert für ein "lecker Pilsken".

Dieses erste Bild, diese erste Einstellung. Eigentlich gar nicht so besonders. Aber dennoch ziemlich brisant. Denn sie bestätigen so ziemlich alles, was den OB im Januar auf die Palme gebracht und veranlasst hatte, einen Brandbrief an WDR-Intendant Tom Buhrow zu schreiben.

In dem beklagte der SPD-Politiker ein „fortwährendes Mobbing gegenüber einer Stadt, einer Region sowie den dort lebenden Menschen“ und formulierte die Aufforderung: „Ich persönlich hätte nichts dagegen, wenn Sie den Dortmund-Tatort einstellen und Kommissar Faber und sein Team in den vorzeitigen Ruhestand schicken würden“.  


Foto: dpa/Bernd Thissen


Was war geschehen? Am 20. Januar gab‘s im ARD-Programm den Dortmund-Tatort „Zorn“. Und was Sierau schon länger, aber jetzt erst recht als „maximal lächerlich“ empfand, war die Sicht auf seine Stadt. Er geißelte deren „plumpe Darstellung ohne jedwede regionale Kenntnisse“ und forderte, auch ein Krimi-Drehbuch müsse „ein Mindestmaß an Bezug zur Realität vorweisen“.

Stattdessen gäben „die Macher dieser Folge die Menschen einer Region der Lächerlichkeit preis, indem sie diese Bier trinkend in Trainingsanzügen vor heruntergekommenen Häusern herumstehen lassen“. Der Strukturwandel hingegen werde ausgeblendet, außerdem habe der WDR die Folge in Duisburg und nicht in Dortmund gedreht.

Und nun dieses erste Bild, diese erste Einstellung: Ruhrpott-Klischee pur. Besagter Kommissar Faber (Jörg Hartmann) kommt an einer versifften, zugemüllten und mit Graffitis übersäten Unterführung die Treppe runter. Geht vorbei an einem ausgebrannten Auto, blickt einem komplett fertigen Obdachlosen in die leeren Augen und stößt auf einen Autoknacker, der sich gerade mit einem geklauten Lenkrad aus dem Staub machen will.


Foto: WDR/Thomas Kost


Dortmund mal wieder von seiner hässlichsten Seite, wo der Strukturwandel so fern scheint wie der Mars. Um im Bild zu bleiben: Eigentlich müsste der der OB nach diesem Vorspann wutschnaubend eine Bierflasche in den Fernseher schmeißen.

Wenn er aber ganz entspannt sitzen bleibt, wird er Menschen sehen, die ein anderes Dortmund-Bild vermitteln als Trinker und Autoknacker. Menschen, die konzentriert ihrer Arbeit nachgehen und sich ganz in den Dienst der Sache stellen – nämlich anderen Menschen das Leben zu retten. Denn große Teile dieses Tatorts spielen in der Notaufnahme eines Krankenhauses.  


Foto: WDR/Thomas Kost


Hier, wo Hektik und Stress den Rhythmus vorgeben, ist ausgerechnet im Ruheraum eine Internistin tot aufgefunden worden. Mit einer Plastiktüte über dem Kopf. Hinter einer Tür, die von außen verschlossen wurde. Die Indizien sprechen für ein Gewaltverbrechen. Doch keiner der hier beschäftigten Ärzte und Pfleger kann sich vorstellen, dass es einer von ihnen gewesen sein soll.

Für Schockstarre bleibt ihnen keine Zeit. Eine Notaufnahme muss funktionieren, ganz gleich was passiert ist. Es gehört zu den Stärken des Krimis von Markus Busch (Drehbuch) und Richard Huber (Regie), wie realistisch er den Alltag in dieser Klinik abbildet. Den Zeitdruck, den Stress, die Verantwortung, die hier jeder Einzelne trägt. Meistens ohne angemessen dafür bezahlt zu werden.

Aber zurück zur Forderung des Oberbürgermeisters, Kommissar Faber in den vorzeitigen Ruhestand zu schicken. Diese kann man eigentlich nur unterstützen – wenn auch nicht auskommunaler, sondern aus medizinischer Sicht. Denn in einem derart desolaten Zustand wie Faber durch diesen Krimi geistert, würde man wohl kaum einen Polizeibeamten auf die Menschheit, auch nicht auf die Dortmunder, loslassen.


Foto: WDR/Thomas Kost


Das titelgebende „Inferno“ scheint sich vor allem in seinem Kopf abzuspielen: Der Mann hört die Stimme seines toten Kindes, wird in den wenigen Augenblicken, in denen er zur Ruhe kommt, von Alpträumen geplagt, steht kurz vor dem totalen Nervenzusammenbruch und ist sogar bereit, eine LSD-Pille zu schlucken, um sein Dämonen zu bekämpfen. Kurz gesagt: Der Kommissar ist so was von reif für den gelben Schein, reifer geht’s kaum.

Vielleicht aber hilft auch ein „lecker Pilsken“. Das wolle er gern mal mit OB Sierau trinken, hatte Darsteller Jörg Hartmann angeboten. „Um ein wenig „Dampf aus dem Kessel zu nehmen“.


Foto: WDR/Thomas Kost


Die Chancen dafür stehen gut, denn der Oberbürgermeister sei nicht abgeneigt, versichert ein Sprecher auf Anfrage unserer Redaktion: „Hier herrscht kein Unmut gegenüber dem Tatort-Team“. Zum aktuellen Krimi aber könne man noch nichts sagen: Wir wissen auch erst am Montag, ob der OB überhaupt geguckt hat“.


Tatort: Inferno. Das Erste, Sonntag, 14. April 2019, 20.15 Uhr.

Wertung: 4 von 6 Sternen


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