Sonntagabend im ZDF-Programm Annette Frier überzeugt als Asperger-Autistin in "Ella Schön"

Akribisch: Ella Schön (Annette Frier) bereitet sich unter den kritischen Augen ihres Chefs Kollkamp (Rainer Reiners) auf einen Fall vor. Foto: ZDF/Marc VorwerkAkribisch: Ella Schön (Annette Frier) bereitet sich unter den kritischen Augen ihres Chefs Kollkamp (Rainer Reiners) auf einen Fall vor. Foto: ZDF/Marc Vorwerk

Osnabrück. Autismus boomt. Die Medien berichten zunehmend über das Thema, Prominente wie Greta Thunberg stehen öffentlich zu ihrer Behinderung, und auch in Spielfilmen hält Autismus Einzug. So wie in der gelungenen ZDF-Serie „Ella Schön“.

Osnabrück Sie ist anders: Ella Schön (Annette Frier) redet roboterartig, versteht keine Witze, vermeidet Augenkontakt und hat strikte Rituale. „Sie ist nicht irre, sie ist ’ne Asperger“, erklärt Ben, der Sohn von Ellas Freundin Christina, gleich zu Beginn der Folge „Sturmgeschwister“ seinen Mitschülern. Die Anwaltsreferendarin in der gleichnamigen ZDF-Serie „eckt an“, sagt Frier im Gespräch mit unserer Zeitung. Denn die Welt sei voll von der Sehnsucht nach Lob. Jeder wolle immer Bestätigung. Doch das werde man bei Ella nicht finden.

Das liegt an ihrer Behinderung. „Alle Autisten können die nonverbale Kommunikation, also das Zwischenmenschliche, nicht oder nur eingeschränkt wahrnehmen“, erklärt Peter Schmidt, selbst Asperger-Autist. So fällt es Ella schwer, Redewendungen oder Witze zu verstehen. Ihr Chef sagt ihr beispielsweise, dass sie mit Kanonen auf Spatzen schieße. „Welche Spatzen?“, fragt Ella trocken und verständnislos. 

Annette Frier und Peter Schmidt am Rande der Dreharbeiten für "Ella Schön". Foto: ZDF/Peter Schmidt

Seit der dritten Folge arbeitet Schmidt als Berater für die Serie. Für Frier ist die Zusammenarbeit „absolut bereichernd“. Gerade Alltagsbeispiele seien für sie wichtig. „Die kann ich nebenbei einflechten, das ist Gold für mich“, so die Schauspielerin. Denn die Rolle ist „in jeder Hinsicht eine super Herausforderung“. Das Spektrum der Asperger-Autisten sei sehr breit. „In diesem Chaos eine Schnittmenge zu finden, was ich für meine Figur verwende, war eine tolle Erfahrung“, sagt Frier. Vor allem die Recherche für diese Rolle sei sehr interessant gewesen. 

Autismus ist modern

Ob sie Ähnlichkeiten zwischen sich und Ella sehe? „Ella Schön ist sehr ökonomisch, es gibt keine Aufregung, und nichts wird hysterisiert“, beschreibt Frier ihre Rolle. Stattdessen sei Ella immer auf der Suche nach einer analytischen, schnellen Lösung. „Das bin ich gar nicht. Deshalb finde ich das auch so faszinierend“, gibt Frier zu. Dass Ella immer die Wahrheit sagt, sei zwar anstrengend, hat aber auch seine Vorteile. „Es hat etwas sehr befreiendes, wenn ich Ella spiele, weil ich mich überhaupt nicht mehr um gesellschaftliche Konventionen schere“, berichtet Frier.

Autismus ist laut der 45-Jährigen modern geworden. „Komischerweise wollen viele Leute Autist sein, das ist wie die Aufnahme in einen Club“, berichtet auch Schmidt. Es gebe schon eine „Autismus-Diagnose-Inflation“. Mittlerweile würden immer mehr Menschen die Diagnose erhalten, die einfach nur anders sind. 

Ein Aus-der-Norm-Fallen wird gleichgesetzt mit Autismus.Peter Schmidt

Ella Schön hilft mit ihrer einzigartigen Art den Dorfbewohnern und wird dadurch anerkannt. Trotzdem hat sie das Gefühl, nicht richtig dazuzugehören. Als sie Jannis, mit dem sie bereits ein Date hatte, mit seiner neuen Freundin Birte sieht, wirkt sie unglücklich. „Bist du eifersüchtig?“ fragt sie Christina. Ellas Blick schweift von rechts nach links, typisch, wenn sie unsicher ist. „Ja. Auf Birte. Ich wäre manchmal auch gerne so ... normal“, gibt sie zu. Sie zieht sich ein T-Shirt von Christina über, knotet es über dem Bauch und übt vor dem Spiegel wie Birte zu sein. 

Das Auftauchen von Jannis' (Josef Heynert) alter Schulfreundin Birthe (Karolina Lodyga, Mitte) beunruhigt Ella (Annette Frier). Foto: ZDF/Marc Vorwerk

Schmidt vergleicht das Verhalten – abgeschottet und gleichzeitig dazugehören zu wollen – mit einem Kaktus. „Kakteen stehen allein, aber nicht einsam, sondern in Gesellschaft.“ Das trifft auch auf ihn und Ella Schön als Asperger-Autisten zu: „Ich möchte allein sein, aber nicht einsam.“ Zudem würden Kakteen seine Andersartigkeit symbolisieren, denn sie unterscheiden sich deutlich von anderen Blumen. „Ich möchte gerne auf der Fensterbank dabeistehen, aber nicht den allgemeinen Gießregeln unterworfen werden“, sagt Schmidt. Neben den Schwächen bei der nonverbalen Kommunikation haben Autisten seinen Angaben zufolge Probleme im Sozialverhalten und zeichnen sich durch klare Rituale und Strukturen aus. 

Gegenseitige Empathie fehlt

„Es heißt, Autisten hätten keine Empathie“, sagt Schmidt. Das sei aber nur die halbe Wahrheit. „Denn Empathie ist keine Einbahnstraße.“ Die Gefühle seien auch bei Autisten durchaus da, sie empfinden sie nur anders. „Ein abweichendes Sozialverhalten entsteht dadurch, dass ein Autist die Gefühle anderer nicht erkennen und die emotionalen Vorgänge nicht nachfühlen kann.“ Das wiederum verstehe der normale Mensch nicht. „Es fehlt die gegenseitige Empathie“, so Schmidt. So hat Christina beispielsweise kein Verständnis dafür, dass Ella die Liebesbriefe ihres verstorbenen Mannes, der auch Christinas Lebensgefährte war, in den Müll schmeißt. Da sie die Texte aber auswendig kann, haben die Briefe für sie keine Bedeutung mehr.

Die Briefe des verstorbenen gemeinsamen Mannes sorgen zwischen Ella (Annette Frier, rechts) und Christina für Spannungen. Foto: ZDF/Marc Vorwerk

„In den Filmen wird gut dargestellt, dass Ella eklatante Schwächen bei der nonverbalen Kommunikation hat, ein bizarres Sozialverhalten und klare Rituale und Strukturen hat“, resümiert Schmidt. Deshalb werde das autistische Muster im Großen und Ganzen treffend repräsentiert. „Aber Ella Schön kann natürlich nur einen Asperger darstellen und nicht das gesamte Spektrum des Autismus“, betont der 53-Jährige. Im Detail hätte Schmidt auch von vornherein einiges anders gemacht, wie zum Beispiel das roboterartige Sprechen von Ella Schön. Bei ihm hätte die Protagonistin auch mehr gelächelt. Das wird sich dann vielleicht in den nächsten Folgen zeigen. 


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