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Heute Abend im ARD-Programm „Kindeswohl“: Ein erstklassiger Polizeiruf 110 aus Rostock

Gute Stimmung sieht anders aus: Katrin König (Anneke Kim Sarnau) und Alexander Bukow (Charly Hübner) reden Klartext der unfreundlichen Art miteinander. Foto: NDR/Christine SchroederGute Stimmung sieht anders aus: Katrin König (Anneke Kim Sarnau) und Alexander Bukow (Charly Hübner) reden Klartext der unfreundlichen Art miteinander. Foto: NDR/Christine Schroeder

Osnabrück. So kennt man ihn: Der Polizeiruf 110 aus Rostock bietet auch heute Abend wieder gewohnt hochwertige Krimikost. Bukows Sohn gerät auf die schiefe Bahn und der junge Schauspieler Junis Marlon setzt der Folge „Kindeswohl“ die Glanzlichter auf.

Keno ist ein richtig schlimmer Finger. Mit fünf beging er seinen ersten Ladendiebstahl, mit sechs die erste Körperverletzung, mit sieben den ersten Raubüberfall. Seine Mutter ist psychisch krank, der Vater über alle Berge. Jetzt lebt Keno in der Rostocker Wohngruppe „Heimathafen“ für schwer bis gar nicht erziehbare Jugendliche - und ist immer noch extrem aggressiv, gewalttätig und beratungsresistent. Sein bester Kumpel ist ausgerechnet ein „Bullensohn“, wie Keno ihn nennt: Samuel Bukow, Sprössling des auch nicht unbedingt zartbesaiteten Kommissars Alexander „Sascha“ Bukow (Charly Hübner).

Der Heimleiter versucht es bei Keno auf die harte Tour – er streicht eine Vergünstigung nach der anderen und sperrt ihn in seinem Zimmer ein. Betreuerin Valli (Christina Große) sieht darin den falschen Ansatz – und schließt wieder auf. Es kommt wie es im Krimi kommen muss: Keno büxt aus, nimmt seinen Kumpel Samuel mit, trifft nach wenigen Metern auf den vom Joggen heimkehrenden Heimleiter – und erschießt ihn. Zusammen mit dem „Bullensohn“ macht er sich auf die Flucht. Richtung Polen, wo ein ebenfalls schwer erziehbarer Freund im Auftrag des Jugendamts bei einem in Armut darbenden Bauernpaar untergebracht ist.  

Auf der Flucht: Bukows Sohn Samuel (Jack Owen Berglund, rechts) geht es zusehends schlechter. Keno (Junis Marlon) hält die Stellung. Foto: NDR/Christine Schroeder

Warum wir das alles schon erzählen? Weil Regisseur Lars Jessen, der zusammen mit Christina Sothmann auch das Drehbuch zu „Kindeswohl“ schrieb, dies auch schon nach 13 Minuten seines Rostocker Polizeirufs erzählt hat. Und die eigentliche Geschichte dann erst ihren Lauf nimmt. Letzten Sonntag beim Kölner Tatort wussten die Zuschauer immer nur so viel wie die Kommissare, diesmal wissen sie nach einer knappen Viertelstunde eigentlich alles. Zumindest deutlich mehr als die Ermittler Bukow und König (Anneke Kim Sarnau).

Es gehe in seinem Film „an keiner Stelle darum zu raten, wer der Mörder ist“, sagt Lars Jessen im Senderinfo zum Polizeiruf. Solche sogenannten „Whodunits“ langweilten ihn meistens. Dreimal schon hat der Regisseur den Münster-Tatort inszeniert – diesmal beweist er eindrucksvoll, dass er auch spannend kann.

Sorgen sich um den gemeinsamen Sohn: Vivian Bukow (Fanny Staffa) berät sich mit ihrem Ex (Charly Hübner). Foto: NDR/Christine Schroeder

Und sozialkritisch zugleich. So kommt sein Film daher wie ein „Tschick“ mit umgekehrten Vorzeichen – es ist nicht lauer Sommer, sondern eisiger Winter, statt Herzenswärme strahlt „Kindeswohl“ eine sich unangenehm verstärkende Kälte aus. Dazu passt es, dass auch König und der vom Verhalten seines Sohnes schockierte Bukow miteinander Klartext der unfreundlichen Art reden.

Seine Frau arbeite viel in sozialen Einrichtungen, berichtet Jessen. „Durch ihre Erzählungen bin ich darauf aufmerksam geworden, dass die Arbeit im sozialen Bereich zunehmend privatisiert wird und was das eigentlich bedeutet: Wenn die Betreuung von Kindern und Jugendlichen abhängig gemacht ist von ökonomischen Rahmenbedingungen, werden diese Kinder und ihre Probleme zu einem Gut, mit dem die Menschen handeln. „Kindeswohl“ wirft ein Schlaglicht auf die Jugendhilfe in Deutschland, die mit ihren personellen und finanziellen Ressourcen von der steigenden Zahl sogenannter Inobhutnahmen zunehmend überfordert ist.  

Keine Hemmungen: Keno (Junis Marlon) beklaut sogar seine Oma (Brigitte Böttrich). Foto: NDR/Christine Schroeder

Mit Folgen, die Lars Jessen in seinem Film zeigt: „Wir möchten vor allem auf den Rückzug des Staates aufmerksam machen, der solche Probleme erst provoziert. Das Allheilmittel Privatisierung, das bereits in anderen gesellschaftlichen Feldern zu großen Problemen führt, wird jetzt auch noch in der sozialen Arbeit durchexekutiert, und das ein Stück weit vorbei an der Öffentlichkeit“. Dabei gehe es ihm nicht darum, Leute in sozialen Berufen zu diskreditieren oder Jugendämter pauschal zu verurteilen, betont der Regisseur.

Großartig wie eigentlich immer agieren auch diesmal Anneke Kim Sarnau und Charly Hübner – das Glanzlicht aber setzt dem Film Junis Marlon in der Rolle des Keno auf. Geradezu bedrückend spielt er den völlig aus der Bahn geworfenen Jugendlichen. Regisseur Jessen bezeichnet den 19-Jährigen als „das Herz“ seines Films: „Er war extrem gut vorbereitet und hatte sich mit all diesen Dingen nicht nur gut beschäftigt, sondern auch emotional voll aufgeladen. Das mitzuerleben, war schon Wahnsinn.“   

Niedergeschlagen: Keno (Junis Marlon, rechts) Und Samuel (Jack Owen Berglund). Foto: NDR/Christine Schroeder

Für einen 19-Jährigen bringt Junis Marlon eine beeindruckende Filmerfahrung mit, die er vor allem in Krimis sammelte: Bei diversen Tatort-Folgen war er dabei, als Kind spielte er schon in „Notruf Hafenkante“, „Bella Block“ und „Einsatz in Hamburg“, später kamen noch „Nachtschicht“ und „Unter anderen Umständen“ hinzu. Dieser Polizeiruf aber ist sein Meisterstück.


Polizeiruf 110: Kindeswohl. Das Erste, Sonntag, 7. April 2019, 20.15 Uhr

Wertung: 6 von 6 Sternen


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