"Gegen die Angst" am Montag im ZDF Drehbuchautor Robert Hummel: Keine Angst vor den Clans

Redet Klartext: Drehbuchautor Robert Hummel, der auch eine Schauspiel- und eine Kampfsportausbildung hat. Foto: Jens BeckerRedet Klartext: Drehbuchautor Robert Hummel, der auch eine Schauspiel- und eine Kampfsportausbildung hat. Foto: Jens Becker

Osnabrück. Das ZDF zeigt am Montagabend den bärenstarken Film „Gegen die Angst“ um eine Staatsanwältin (Nadja Uhl) im Clinch mit einem arabischstämmigen Clan in Berlin. Robert Hummel (49) hat das Drehbuch geschrieben und findet als Halb-Araber im Interview klare Worte zu Clans, Justiz, Staat und Fernsehen:

Herr Hummel, Sie haben das Drehbuch geschrieben und sind selbst dreimal in der Rolle eines Polizisten im Film zu sehen.

Es ist das erste Mal, dass ich in einem Film nach einem Drehbuch von mir selbst auftrete. Ich habe zum Regisseur Andreas Herzog ein sehr gutes Verhältnis und er weiß, dass ich gelernter Schauspieler bin.


Das Thema von „Gegen die Angst“ kam ausnahmsweise vom Autor und nicht vom Sender.

Ich hab mich vor ein paar Jahren freiwillig als Schöffe am Berliner Landgericht gemeldet. Viele Leute schimpfen über die Justiz, und ich dachte, vielleicht sollte man versuchen, im Rahmen seiner Möglichkeiten etwas zu tun. Ich hatte schon als Zuschauer Prozesse gegen Mitglieder der Organisierten Kriminalität verfolgt – und die Justiz ist eine sehr interessante und faszinierende Welt, von der ich im deutschen Fernsehen zu wenig sehe. Es gibt zwar die Anwaltsserien, in denen der Oma gegen den Miethai geholfen wird, aber die großen Prozesse um schwere Verbrechen der Organisierten Kriminalität finden im Fernsehen kaum statt. Ein zweiter Aspekt ist, dass ich als Halb-Araber festgestellt habe, dass es in der Öffentlichkeit lange Jahre überhaupt kein Bewusstsein für die kriminellen arabischen Clans gab. Das wuchs erst, nachdem der „Stern“ vor ein paar Jahren mal eine Titelstory über Bushido und dessen „Schutzfamilie“ brachte. Mein Vater ist Araber, und die allermeisten hier lebenden Araber sind herzliche und friedliche Menschen - aber die Parallelwelt der kriminellen Clans ist beängstigend.


Gab es reale Prozesssituationen als Inspiration?

Ich habe als Zuschauer OK-Prozesse verfolgt, in denen Zeugen eingeschüchtert und massiv bedroht wurden, in einem Verfahren sollte tatsächlich ein wichtiger Zeuge getötet werden.


Haben die Clans die Berliner Polizei unterwandert?

Für eine gezielte Unterwanderung gibt es keine handfesten Beweise, aber „Mitnahmeeffekte“ gibt es sicher. Bekannt sind Fälle, dass Polizisten mit Migrationshintergrund in einschlägigen Bars sitzen, Tipps geben oder Razzien verraten. Natürlich ist es gut, wenn sich die Diversität der Bevölkerung auch in der Polizei abbildet, aber das kann auch ein Einfallstor für Leute sein, deren Absichten man nicht genau kennt. Dazu kommt, dass die Anforderungen für den Polizeidienst gesenkt wurden und heute Bewerber genommen werden, die es vor zehn Jahren nicht geschafft hätten.


Ein gängiges Mittel der Clans, ihre Ziele durchzusetzen, ist die Drohung. Wer wird von ihnen konkret bedroht?

Zuerst mal Polizisten. In Berlin gibt es Straßenzüge, in die Polizei nur mit mindestens zwei oder drei Wagen fährt, ganz gleich, ob es um häusliche Gewalt, Falschparken oder was auch immer geht. Da kann es binnen Minuten einen Auflauf geben, dann stehen da 50 junge Männer auf der Matte, die gewaltbereit sind. Staatsanwälte werden selten bedroht, viel effektiver ist es, Zeugen zu bedrohen. Es passiert oft, dass Leute, die direkt nach der Tat in der polizeilichen Vernehmung eine Aussage gemacht haben, sich spätestens vor Gericht nicht mehr erinnern können, die Aussage zurückziehen oder sagen, sie hätten sich geirrt.


Muss man sich als Drehbuchautor Sorgen machen, wenn man zum Thema Clans arbeitet?

Ich mach mir da keine Sorgen. Ich bin Halb-Araber, habe Kampfsport gemacht und kann mich meiner Haut wehren. Außerdem sagt ein Bekannter aus dem Sicherheitsbereich immer: Die mächtigste Familie dieser Stadt trägt blaue Uniform und ist binnen fünf Minuten da. Es ist den Clans vermutlich auch gar nicht unrecht, im Fernsehen dargestellt zu werden als gefährliche Verbrecher. Wenn man einen Film über das Organisierte Verbrechen macht, glorifiziert man es ungewollt auch ein Stück – man kennt das vom „Paten“ oder aktuell von „4 Blocks“.


Es besteht also die Gefahr einer Glorifizierung?

Die Gefahr besteht – aber es kommt auch darauf an, wie man die Verbrecher darstellt. Musikvideos, die die Klischees von dicken Autos, Frauen, Koks und Waffen abfeiern, glorifizieren in meinem Augen viel stärker als Fernsehfilme, die sich kritisch mit dem Thema auseinandersetzen.


War der Rechtsstaat zu lange zu schwach, um angemessen auf diese Clans zu reagieren?

Ja. Es gab lange nicht den politischen Willen, entschlossen gegen die Organisierte Kriminalität vorzugehen. In Berlin wurden sogar Ermittlungsgruppen aufgelöst, obwohl sie relativ erfolgreich waren. Polizei und Justiz wurden kaputtgespart. Das geht von zu wenig Räumen für Staatsanwälte über fehlende Schießstände bis hin zu veralteten Dienstwaffen. Dazu gibt es in meinen Augen in Deutschland eine gewisse Naivität gegenüber diesen Kriminellen. Das deutsche Rechtssystem orientiert sich an Resozialisierung und zweiter Chance – das ist eine sehr gute Sache. Aber Leute, die anders sozialisiert sind, für die nur das Recht des Stärkeren gilt, die vorsätzlich und systematisch Verbrechen begehen, werden durch diese Weichheit ermutigt, weiterhin Verbrechen zu begehen. Da dauert es zu lange, bis es eine Anklage gibt, da wird auch bei der x-ten Verurteilung noch mal eine Bewährungsstrafe verhängt, weil man an das Gute im Menschen glauben will. Eine große Mehrheit der Deutschen tut sich schwer, autoritär zu sein – das ist gut und angenehm im Alltag. Aber wenn man die Organisierte Kriminalität bekämpfen will, muss man autoritär, stark und kompromisslos auftreten.


Kann man das Organisierte Verbrechen denn in die Schranken weisen, indem man Shisha-Bars daraufhin kontrolliert, ob der Tabak vorschriftsmäßig versteuert wurde?

Es gibt ja die Broken Windows-Theorie, wonach man bei kleinen Delikten, also den zerbrochenen Fensterscheiben, hinschauen und klar reagieren muss. Damit Leute, die kleine Delikte begehen, nicht zu großen Verbrechern heranwachsen. Deshalb ist diese Politik der konsequenten Kontrolle richtig. Genauso wichtig ist es natürlich, den politischen Willen und ausreichend Personal und Geld zur Verfügung zu stellen. Oder die Gesetzgebung: In Italien zum Beispiel muss ein Verdächtiger beweisen, dass sein vieles Geld aus legaler Tätigkeit stammt. In Deutschland müssen die Ermittler beweisen, dass gefundenes zum Beispiel aus Drogengeschäften stammt. Das ist schwierig bis unmöglich.


Warum erzählt „Gegen die Angst“ auch die Liebesgeschichte zwischen einer Staatsanwältin und einem Polizisten? Ist es dem Sendeplatz um 20.15 Uhr geschuldet?

Nein, gar nicht. Es war auch nicht der Wunsch von irgendwem, da müsse noch Liebe rein. Aber für mich ist es ein interessanter menschlicher Konflikt: Dass die Staatsanwältin den Geschädigten kennt und liebt, verstärkt ihren Antrieb, manche Dinge zu tun, die juristisch fragwürdig sind. Figuren, die alles immer richtig machen, sind langweilig. Wir wollen Figuren sehen, die aus persönlichen Gründen zu weit gehen, Fehler machen, emotional reagieren und sich fragen, ob es überhaupt richtig ist, was sie tun. Wir wollen Menschen sehen, keine Vorbildfiguren aus dem Märchenbuch.


Ist Nadja Uhl die richtige Besetzung für die Rolle der Staatsanwältin?

Die beste Besetzung, die ich mir vorstellen kann. Völlig unabhängig von dieser Rolle ist Nadja eine großartige Schauspielerin, das fand ich immer schon. Sie kann absolut glaubwürdig Ermittlerfiguren spielen und hat gleichzeitig die faszinierende Fähigkeit, die Emotionen einer Figur zu zeigen, ohne sie überdeutlich auszuspielen – man sieht alles in ihrem Gesicht. Sie kann hart sein und durchsetzungsfähig - und gleichzeitig sehe ich ihre Verletzlichkeit. Das ist großartig.


Haben der Stoff und die Figuren das Zeug zu einer Reihe?

Auf jeden Fall. Realistische und spannende Geschichten in der Justiz, den Kampf gegen die Organisierte Kriminalität, die in Deutschland immer mehr zum Thema wird, und dann auch noch mit Nadja Uhl in der Hauptrolle - ich bin sicher, das wollen die Leute sehen.


Gegen die Angst, ZDF, Montag, 25. März 2019, 20.15 Uhr.


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