Satiriker im Interview Micky Beisenherz: Twitter banalisiert sich selbst

Knietief im Proletariat, aber mit einem Zeh im Feuilleton: Micky Beisenherz. Foto: Christoph Hardt/imago/Future imageKnietief im Proletariat, aber mit einem Zeh im Feuilleton: Micky Beisenherz. Foto: Christoph Hardt/imago/Future image

Berlin. Sind Zoten nach #MeToo Tabu? Populisten auslachen oder totschweigen? Micky Beisenherz über die Satire der Shitstorm-Ära.

Ob als Dschungelcamp- oder „Stern“-Autor: Micky Beisenherz beherrscht die zugespitzte Pointe. Bedient das in polarisierten Zeiten mehr als die eigene Filterblase? Nutzt Spott den Populisten mehr, als dass er ihnen schadet? Und darf man noch Gags über Jana Pallaskes „Beschlafbarkeit“ machen? Micky Beisenherz, der seine Kolumnen gerade als Buch rausgebracht hat, gibt Antwort.

Herr Beisenherz, Ihr neues Buch steht in der „Spiegel-Bestsellerliste“ ...

Das ist schon mal eine sehr gute erste Frage. Vielen Dank!

Ist das überhaupt ein Sieg? Oder eine Niederlage – solange Stefan Kretzschmars Handball-Memoiren und der Dauerbrenner „Darm mit Charme“ im Ranking vor Ihnen stehen?

Viele meiner Leser haben sowieso das Gefühl, dass ich in der „Stern“-Kolumne regelmäßig meinen Darm entleere. Und ehrlicherweise hat Stefan Kretzschmar schon eine Weltkarriere hinter sich. Mein übersteigertes Ego signalisiert mir ja nur, dass ich noch eine vor mir habe.

Wie viele Bücher muss man für Platz 9 in der Liste verkaufen? Sind Sie schon reich?

Gottlob war ich schon vor dem Buch so unermesslich reich, dass ich nicht auf die Absatzzahlen gucken muss. Tatsächlich weiß ich es nicht. Ich tue vieles dafür, damit das Buch die berechtigte Aufmerksamkeit erhält, versuche aber, mich von Zahlen fernzuhalten.


Vita

Wer ist Micky Beisenherz?
Micky Beisenherz wird am 28. Juni 1977 in Recklinghausen geboren. Sein Studium bricht er zugunsten einer Redakteursausbildung beim Radio ab. Parallel etabliert er sich als Autor für Komiker wie Atze Schröder, Anke Engelke oder Hape Kerkeling. Sein Humor prägt Formate wie die „heute show“, das Dschungelcamp oder den „Kölner Treff“. Mit Oliver Polak dreht er die Reihe „Das Lachen der anderen“. Auch als „Stern“-Kolumnist mischt er sich ins Zeitgeschehen ein. Eine Sammlung der Beiträge ist– um zusätzliche Texte erweitert – gerade als Buch erschienen. Beisenherz ist Vater einer Tochter und lebt in Hamburg.
Micky Beisenherz: „... und zur Apokalypse gibt es Filterkaffee.“ Rowohlt Verlag. 224 Seiten. 14,99 Euro.

Dabei kommen die Kolumnen aus einer Welt der Zahlen: Viele behandeln virale Themen und haben schon auf „Stern.de“ Klicks gesammelt; Sie selbst sind auf Instagram und Facebook aktiv. Als was eigentlich? Als Entertainer? Netz-Intellektueller? Influencer?

Influencer weise ich natürlich weit von mir. Ansonsten weiß ich selbst nicht, wo ich stehe. Ich bin weder Böhmermann noch Pocher. Mit einem Bein stecke ich knietief im Proletariat, mit dem anderen dicken Zeh versuche ich auf die Scholle der Intellektuellen rüberzumachen. Beim Weg in den Elfenbeinturm bin ich auf halber Treppe sitzen geblieben. Das hilft aber auch. Ich weiß immer, wie es um das Nervenkostüm des – in Anführungsstrichen – normalen Menschen bestellt ist. Viele Kolumnisten schreiben wider den eigenen Verstand, um ihrer Kernleserschaft zu gefallen. Jeder hat sein Publikum; irgendwann spielt man dann nur noch die Hits, die alle hören wollen. Ich möchte nicht berechenbar sein. Ich mache ja gern Volksmusik. Nur nicht für das immer gleiche Volk.

Im Vorwort bezeichnen Sie Ihren Kolumnen-Band als „das Buch, das ich schreiben kann“ – im Unterschied zum Buch, das Sie schreiben müssen, das aber noch in Ihnen steckt. Was haben Sie da in der Schublade?

Ich sollte vielleicht keinen großen Familien- und Gesellschaftsroman ankündigen. Aber es gibt ein großes Thema für einen Roman, das in mir gärt. Ich habe mehrfach angesetzt, aber immer noch nicht den richtigen Dreh gefunden, wie ich es so mache, dass Menschen es gerne lesen – ohne, dass die Menschen, von denen ich erzähle, sich verletzt fühlen. Meine Geschichte und die meiner Familie ist aber mit Sicherheit ein Stoff, in dem sich viele wiederfinden.

Spielen Sie in Ihren Texten eine Rolle?

In den Kolumnen versuche ich, wirklich nah bei mir zu sein. Das bedeutet, dass es nicht nur schwarz oder weiß ist. Einfach nur draufschlagen wäre einfacher, macht auch Spaß und schafft die höhere Leserbindung. Ich habe aber selten eine klar einseitige Meinung. Selbst bei Annegret Kramp-Karrenbauers Karnevalspointe über das dritte Geschlecht muss ich als Humorist ja erst mal das Recht verteidigen, jeden Witz machen zu dürfen. Aber natürlich ist es etwas anderes, ob Mario Barth einen Witz auf Kosten von Intersexuellen macht oder die Vertreterin einer Volkspartei, eine Frau, die auch sonst Politik zulasten dieser Minderheit macht. Und dann wieder: Es ist nur Karneval, nicht die UN-Vollversammlung. Alles ist sehr kompliziert.


Sie schreiben ohnehin gern gegen den Mainstream. Wenn alle Til Schweiger für seinen Hollywood-Flop auslachen, kritisieren Sie nicht ihn, sondern die Häme. Früher betrieb die Satire den Spott – jetzt nimmt sie die Verspotteten in Schutz. Dreht sich da was?

Vielleicht ist das wirklich so. Wenn ich mich auch über Schweigers Misserfolg lustig gemacht hätte, wäre ich vermutlich dreimal so oft gelesen worden. Die Wellen der Empörten stoßen mich zurzeit aber oft mehr ab als die Objekte der Empörung. Alle drei Tage geht irgendeine Wutwelle über uns weg. Gerade bei Twitter merkt man das: Alles wird in derselben Lautstärke abgehandelt. Das Medium banalisiert sich selbst. Diese extreme Empörungsbereitschaft stößt mich ab; wer sich über Nichtigkeiten echauffiert, muss nicht jammern, wenn relevante Anliegen nicht mehr gehört werden. Wäre noch zwei Tage über Kramp-Karrenbauer geschimpft worden, hätte ich sie am Ende in Schutz nehmen müssen, und das wäre wirklich das Letzte, was ich will.

Trotzdem sehe ich all diese Aufreger-Themen immer wieder zuerst auf Ihrem Instagram-Account – und muss dann googeln, weil ich oft gar nicht begreife, worum es geht.

Rein beruflich habe ich sicher keinen Druck, bei jedem Thema dabei zu sein. Und es ist nur gesund, ein Thema wie #Steltergate an sich vorbeiziehen zu lassen. Aber natürlich gibt es Sachen, die mich triggern. An Bernd Stelters Witzen über Doppelnamen hat mich vor allem die Dummheit geärgert, Karnevalsgags überhaupt einer größeren Debatte zu unterziehen – was dummerweise dazu geführt hat, dass ich mich dann auch daran beteiligt habe. Der Selbstwiderspruch ist aber sowieso eine Kerntugend meines Buches.

Manche Shitstorms sind heute absichtlich inszeniert.

Stimmt.

Sie verdächtigen sogar Dieter Bohlen, sein Beileid zu Daniel Küblböcks Sprung vom Schiff nicht aus Versehen, sondern bewusst in einem Pulli eingesprochen zu haben, auf dem stand: „Be one with the ocean“. Glauben Sie das wirklich?

Einem Menschen, der seit 15 Jahren DSDS macht, tut man sicher nicht unrecht, wenn man ihm Zynismus unterstellt. Der kalkulierte Lapsus würde zumindest zu einem Menschen passen, der in allem auf die Vermehrung von Geld oder Instagram-Followern setzt. Aber A: Wir werden es nie beweisen können. B: Auch Dieter Bohlen ist nach allem, was ich weiß, nicht der Satan. Und C: Es ist kein Geheimnis, dass ich kein Fan von ihm bin; natürlich liegt meinem Verdacht ein gewisses Vorurteil zugrunde. Aber es ist ja nicht nur Bohlen: Die absichtsvolle Fehlleistung ist inzwischen eine Form des Marketings. „Ja, wenn IHR da so Böses hineininterpretiert!“ Es gibt ja ganze Parteien, die so für sich werben. AKK hat es gerade ebenfalls vorgemacht.

View this post on Instagram

#moderntalking

A post shared by Micky Beisenherz (@mickybeisenherzoffiziell) on Mar 12, 2019 at 12:25am PDT


Was macht man also mit „missverständlichen“ AfD-Zitaten oder mit Trumps Twitter-Pannen, die von Steuergeschenken für Superreiche oder den Mueller-Ermittlungen ablenken?

Grundsätzlich halte ich es für richtig, solchen kalkulierten Aufregern keine Bühne zu geben. Manche Ausreißer kann man aber auch nicht unkommentiert lassen. Wenn Gauland den Nationalsozialismus zum Vogelschiss erklärt und sich niemand empört, wird es womöglich als Billigung ausgelegt. Natürlich geht es der AfD um Raumgewinn durch Provokation, um die Pose, nichts mehr sagen zu dürfen – und es ist wirklich schwierig, damit gut umzugehen.

In Ihrem Buch denken Sie einmal über Jana Pallaskes Verlust ihrer „unbedingten Beschlafbarkeit“ nach. Legen Sie es selbst auf den Shitstorm an, oder ist die Passage einfach nur lange vor #MeToo entstanden?

Das ist natürlich ein lupenreiner Sexismus, der aus dem tiefsten Es eines männlichen Autors kommt. Es war definitiv vor #MeToo, und ich glaube, heute würde ich es nicht mehr schreiben. Andererseits ist Sexualität natürlich auch etwas, das uns als Gesellschaft zusammenhält. Ein bisschen Biologie gönn ich mir. Und natürlich steht Jana Pallaske in keinerlei beruflichen Abhängigkeit zu mir. Darum geht es ja vornehmlich bei #MeToo. Augenhöhe. Macht. Das war eine Hemdsärmeligkeit, mit der ein primitiver Beobachter zum Ausdruck bringen wollte, dass er sie attraktiver fand, bevor sie Bäume umarmte.

Behutsam das eigene Begehren zu thematisieren ist ja nicht verkehrt, solange es nicht zu so einer ruppigen Wertung wird. „Beschlafbarkeit“ würde man sicher nicht mehr schreiben.

Wahrscheinlich ist das so; wobei ich das auch schade finde. Ich habe beim Wiederlesen darüber nachgedacht und es bewusst dringelassen – weil ich darauf vertraue, dass die Leser es einordnen können. Man erkennt in meinem Buch ja, was für ein Verhältnis ich zu Frauen habe. Es gibt einen Kontext, und der bewahrt mich hoffentlich vor entsetzten Lesern, die mich Schwein sofort anzeigen wollen. Als Tweet würde ich es nicht in die Welt schicken.

Haben Satiriker heute ein Filterblasen-Problem? Ist der Zeitgeist so polarisiert, dass Witze sowieso nur noch die Geschlossenheit des Gegners stärken?

Natürlich kommen mir viele Dinge aus Richtung der AfD lächerlich und dumm vor; aber zuletzt habe ich es mir fast komplett verkniffen, mich drüber lustig zu machen – um die AfD nicht auch noch humoristisch in ihrer Opferrolle zu bestätigen. Das hat ja überhaupt erst dazu geführt, dass sie so viele Prozente holen. Ich bin aber hilflos. Vielleicht mache ich es schon morgen ganz anders. Grundvoraussetzung ist natürlich, dass man über alle Parteien lacht. Ein größeres Problem ist sicher, dass viele Menschen nicht nur uns Humoristen, sondern auch den Journalismus für voreingenommen halten; teilweise sicher zu Recht. Schon die Informationsvermittlung beginnt ja nicht bei null, sondern kommt aus einer Haltung heraus. Es ist sicher ein Fehler, bestimmte Informationen unter den Tisch fallen zu lassen, weil der Journalist meint, das geht das Publikum nichts an.

Beispiele, bitte.

Wenn „Aktenzeichen XY“ über einen Fall nicht berichtet, weil der Täter dunkelhäutig ist – aus Angst, eine feindselige Stimmung so zu befeuern–, dann kann das nur nach hinten losgehen. Weil es irgendwann rauskommt und die „Lügenpresse“-Fraktion dann auch noch im Verdacht gegen parteiliche Medien bestätigt. Die gefälschten Relotius-Reportagen hatten unter anderem ja auch mit einem vorgefertigten Bild von Amerika und Trump zu tun. Wenn einem in der Fake-News-Debatte solche Dingen um die Ohren fliegen, ist das einfach bitter für den Journalismus und tolle Kollegen wie Lucas Vogelsang, die sich für ihre Reportagen den Arsch aufreißen. Natürlich gibt es große Häuser, die eher links geprägt sind, und große Häuser, die eher rechts schreiben. Es wäre viel getan, wenn hier viel stärker Unabhängigkeit bewiesen würde.

View this post on Instagram

#relotius - es wird wirklich immer härter...

A post shared by Micky Beisenherz (@mickybeisenherzoffiziell) on Dec 22, 2018 at 1:27pm PST


Ein anderes Problem von Medien kommt mit dem Internet, in dem nicht mehr nur der Boulevard um Aufmerksamkeit kämpft – sondern sich alle über die Google-Headline verkaufen müssen. Setzen wir zu sehr auf Erregungsthemen?

„Spiegel online“ unterscheidet sich doch nur noch in einem von „Bild.de“: Beim „Spiegel“ heißt es in den Kommentaren „Sie Arsch“, bei der „Bild“ schreiben sie „Du Arsch“. Ansonsten ist alles dasselbe. Natürlich sind alle davon abhängig, möglichst schnell und möglichst wortstark zu berichten. Und natürlich geht das auf Kosten von Fakten. Das ist bei uns, die wir auf Twitter über die Medien schimpfen, ja nicht anders. Wer sich Zeit lässt, ist im Hintertreffen. Über kurz oder lang wird Qualität sich durchsetzen, auch wenn das wohl leider noch ein paar Jahre dauert. Im Moment gibt es einen Boom an blasenorientierter Fakten-Lieferung; niemand weiß mehr, von wem was kommt. Irgendwann sind die Leute dann so verunsichert, dass das System kollabiert.

Und dann?

Ich glaube, dass die Leute sich irgendwann das zurückwünschen, wofür sie im Moment nichts mehr bezahlen wollen: Informationen von Menschen, die gelernt haben, was eine Nachricht ist. Heute will das niemand mehr haben. Den Journalisten wird misstraut; da holt man sich lieber seine Wahrheit von irgendeinem rechten Blogger. Oder von einem linken. In zehn Jahren wird die Verunsicherung so groß sein, dass es einen gesetzlichen Rahmen für Journalismus gibt, ein Zertifikat dafür, was überhaupt Nachricht genannt werden darf. Man braucht ja auch einen Hundeführerschein, warum ist Journalismus da kein geschützter Begriff? Irgendwann gibt es wahrscheinlich einen Faktenführerschein. Womöglich zahlen die Leute dann sogar 9,99 Euro für ein Abo, weil sie begreifen, dass sie mit zertifiziertem Journalismus mehr wissen als der doofe Nachbar, der immer noch diese Gratis-Texte liest.

Mehr zum Thema



Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN