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Heute Abend im ARD-Programm Tatort heute aus dem Schwarzwald: „Für immer und dich“ ist stark

Was verbindet den Mann und das Mädchen (Meira Durand und Andreas Lust), die da Kilometer um Kilometer durch den Schwarzwald fahren? Foto: SWR/Benoit LinderWas verbindet den Mann und das Mädchen (Meira Durand und Andreas Lust), die da Kilometer um Kilometer durch den Schwarzwald fahren? Foto: SWR/Benoit Linder

Osnabrück. Der vierte Schwarzwald-Tatort „Für immer und dich“ greift heute Abend den wahren Fall um das in Freiburg vermisste Mädchen „Maria H.“ auf. „Für immer und dich“ überzeugt auf der ganzen Linie: Story, Umsetzung und Darsteller sind so beklemmend wie großartig. Allen voran Meira Durand und Andreas Lust.

Es war der Mai 2013, als das Mädchen aus Freiburg verschwand. Spurlos, für mehr als fünf Jahre. Als „Der Fall Maria H.“ sorgte die Geschichte für Schlagzeilen in den Medien und Wirbel in den sozialen Netzwerken. Bis Maria im Sommer 2018 völlig unerwartet ihren Vater aus Mailand anrief und abgeholt werden wollte.

Das Mädchen war gerade mal 13, als es verschwand, um mit einem fast 40 Jahre älteren Mann eine ausgedehnte Odyssee durch Osteuropa anzutreten und sich dann auf Sizilien für zwei Jahre eine Wohnung zu mieten. Kurz nach dem Anruf wurde der damals 57-jährige Bernhard H. auf Sizilien verhaftet und nach Deutschland ausgeliefert. In diesem Jahr soll ihm in Freiburg der Prozess wegen Kindesentzugs gemacht werden.  (Der Fall Maria H.) 


Das Namensschild der damals verschwundenen Maria H. hängt an ihrer Zimmertür in der Wohnung ihrer Mutter. Foto: dpa/Patrick Seeger


In einem Fernsehinterview erzählte Maria H. nach ihrer Heimkehr über das Kennenlernen: „Als ich zwölf war, habe ich in ihm etwas Anderes gesehen als er in mir.“ Er habe sie verstanden, mit ihm habe sie über ihre Probleme sprechen können. Im Nachhinein, so zitierte sie die „Badische Zeitung“, fühle sie sich als Opfer, das nichts hinterfragt habe. Er habe gedroht, dass er bei einer Rückkehr ins Gefängnis komme und sie ins Heim.

Regisseurin Julia von Heinz hatte ihren Tatort „Für immer und dich“ nach dem Drehbuch von Magnus Vattrodt gerade abgedreht, als Maria H. nach Hause zurückkehrte. In ihrem Film heißt das Mädchen Emily, ist mit 13 aus Freiburg verschwunden und heute 15. Der etwa 40-jährige Mann, mit dem Emily seit 18 Monaten in Europa unterwegs ist, heißt Martin. Auf den ersten Blick ganz sympathisch, auf den zweiten Blick unheimlich. Der Film ist nah dran am wirklichen Fall, aber natürlich keine Dokumentation.  


Emily (Meira Durand) liebt den Hund Luno, der für sie auch eine Verbindung zur Heimat ist. Foto: SWR/Benoit Linder


Warme Sommerluft weht ins Auto und zerzaust Emilys Haar, sie schminkt sich, isst ein Eis, er schleckt einen auf ihren Oberschenkel gefallenen Tropfen. Sie verfüttert den Rest ihres Eises an Hund Luno, trinkt ein Schnäpschen, raucht eine Zigarette. Julia von Heinz unterlegt diese Szene mit dem Hit „Sign of the Times“ von Harry Styles. Und lässt bei aller vordergründig sommerlichen Unbeschwertheit etwas Bedrohliches mitschwingen. Leise, aber spürbar.

Emily und Martin sind wieder in Deutschland. Nicht ganz freiwillig. Martin ist abgebrannt, will seine Mutter in Freiburg um ihre Ersparnisse erleichtern. Emily flirtet auf einer Raststätte mit rumänischen Truckern und antwortet auf deren Frage, woher sie komme: „Von überall“. Martin missfällt diese Szene. Die Beziehung, das Vertrauen zwischen den beiden wird ganz langsam brüchiger.  


Jetzt, wo es endlich eine echte Spur von ihrer verschwundenen Tochter gibt, kann Michaela Arnold (Kim Riedle) nicht ertragen, dass Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner) und Franziska Tobler (Eva Löbau) sie um Geduld und Zurückhaltung bitten. Foto: SWR/Benoit Linder


Als das ungleiche Paar im Schwarzwald einen abendlichen Zwischenstopp einlegt, um mit dem Hund Gassi zu gehen, eskaliert die Situation. Zwei Jugendliche kommen auf ihren Mopeds am Wagen der beiden vorbei, schlagen das Seitenfenster ein und klauen Martins Laptop. Er verfolgt die beiden mit dem Auto über eine kurvige Schwarzwaldstraße, irgendwann knallt einer der beiden auf seine Windschutzscheibe. Martin sammelt den Laptop ein, kümmert sich nicht weiter um den Jugendlichen. Am nächsten Morgen liegt er tot an einer Böschung. Kein Mord, aber Unfallflucht.

Es dauert, bis in diesem Tatort die Ermittler ins Spiel kommen. Und dann eher mit einem privaten Aspekt: Franziska Tobler (Eva Löbau) schwebt nach einem positiven Schwangerschaftstest im siebten Himmel. Es ist der wohl überflüssigste Nebenhandlungsstrang in diesem Krimi, denn er gewinnt nie eine Anbindung an das eigentliche Thema und wird am Ende wieder erstickt.


Wieder ein Team: Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner) hat nicht mehr damit gerechnet, dass das verschwundene Mädchen nochmal auftaucht. Aber jetzt haben er und Franziska Tobler (Eva Löbau) tatsächlich Spuren von ihr gefunden. Foto: SWR/Benoit Linder


Ansonsten aber geben Löbau und der nach krankheitsbedingtem Ausfall zurückgekehrte Hans-Jochen Wagner als Friedemann Berg eine wohltuend unaufgeregte Vorstellung. Man sieht zwei Ermittlern bei der Arbeit zu, die weder dauerwitzig noch ständig auf Krawall gebürstet sind. Auch mal schön, solche Normalität.  (So war der letzte Schwarzwald-Tatort ohne Hans-Jochen Wagner)

Erinnern aber wird man sich an die gerade mal 18-jährige Meira Durand, die ihre Figur der Emily glaubwürdig als Mischung aus frühreifem Kind und unsicherer junger Frau ausfüllt. Frei und doch total gefangen. Mit sechs war Meira schon Mitglied des Kinderensembles der Komischen Oper in Berlin, mit zehn spielte sie im Kinofilm „Hier kommt Lola“ ihre erste Hauptrolle. Dieser Tatort aber ist der vorläufige Höhepunkt einer vielversprechenden Karriere.  


Starker Auftritt für Andreas Lust und Meira Durand als ungleiches Paar. Foto: SWR/Benoit Linder


Und man wird sich erinnern an Andreas Lust, der Emilys viel zu erwachsenen Freund grandios anlegt – nicht als derben Kinderschänder, sondern als einen Mann, der nach beruflichem Versagen einem viel zu jungen Mädchen zeigen will, was für ein toller Kerl in ihm steckt. Und mit fortschreitender Spielzeit immer tiefere Abgründe offenbart.


Tatort: Für immer und dich. Das Erste, Sonntag, 10. März 2019, 20.15 Uhr.

Wertung: 5 von 6 Sternen


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