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Heute Abend im ARD-Programm Tatort „Borowski und das Glück der anderen“: Ein grotesker Krimi

Was für ein Auftakt: Peggy (Katrin Wichmann) gehen die Nerven durch - also macht sie mit einem Rasenmäher Kleinholz aus ihrem Wohnzimmer. Foto: NDR/Christine SchroederWas für ein Auftakt: Peggy (Katrin Wichmann) gehen die Nerven durch - also macht sie mit einem Rasenmäher Kleinholz aus ihrem Wohnzimmer. Foto: NDR/Christine Schroeder

Osnabrück. Drehbuchautor Sascha Arango hat für Axel Milberg einige der besten und spannendsten Kieler Tatort-Folgen geschrieben. „Borowski und das Glück der anderen“ heute Abend aber zeichnet sich weniger durch Spannung als groteske Szenen aus. Von denen eine dank Katrin Wichmann ganz besonders schräg ist.

Wer zu spät kommt, den bestraft der Tatort. An diesem Sonntag gilt das gleich im doppelten Sinne. Zum einen, weil Drehbuchautor Sascha Arango, dem wir einige der besten und spannendsten Borowski-Tatorte verdanken, dafür bekannt ist, dass er den Täter meist gleich zu Beginn verrät. (Arangos letzter Klasse-Tatort aus Kiel)

Vor allem aber wegen der unglaublichen zweiten Minute dieses Krimis: Da macht die Supermarktkassiererin Peggy Stresemann (Katrin Wichmann) zu den Klängen von Pink Floyds „Breathe“ einem Wohnzimmer mit dem Rasenmäher den Garaus. Flaschen klirren, Federn fliegen und die Frau schreit wie am Spieß. Allein dafür lohnt es sich, pünktlich um 20.15 Uhr vor dem Fernseher zu sitzen.  


Zweiter gemeinsamer Auftritt als Ermittler in Kiel: Almila Bagriacik (Mila Sahin) und Axel Milberg (Klaus Borowski). Foto: NDR/Christine Schroeder


Die furiose Furie prägt den Auftakt zu „Borowski und das Glück der Anderen“. Und ist wohl nicht nur für Regisseur Andreas Kleinert ein Höhepunkt des Films: „Das war eine der größten Kraftaktgeschichten in dem ganzen Tatort“, berichtet er im Info. „Wir haben an dieser einen Filmminute zwei Tage lang gedreht, viele Tricks und Special Effects eingesetzt. Wir wollten eine Frau zeigen, die völlig außer sich ist. Jedem Menschen kann jederzeit etwas Furchtbares passieren, und wenn sich die Grundkoordinaten des Lebens komplett verändern, kann jeder so extrem reagieren.“

Seinen Film lässt er nach diesem Einstieg auf „wenige Tage davor“ zurückspringen. Und drosselt das Tempo spürbar. Dieselbe Frau im selben Wohnzimmer. Im Fernseher moderiert Jörg Pilawa seine gefühlt 48.964. Quizsendung, die Frau saugt und wischt. Bei der Ziehung der Lottozahlen blickt sie durchs Fenster hinüber zu den Nachbarn – die sich bei Bekanntgabe der Superzahl für den 14-Millionen-Jackpot überglücklich in die Arme fallen.  


Vom Neid zerfressen: Supermarktkassiererin Peggy (Katrin Wichmann) gönnt Nachbarin Victoria ihr vermeintliches Glück nicht. Zumal die nicht mal Treuepunkte sammelt. Foto: NDR/Christine Schroeder


Hat sie da gerade mitbekommen, wie zwei Menschen zu Lottomillionären wurden? Ausgerechnet ihre neuen Nachbarn sollen jetzt „schweinescheißreich“ sein? Ausgerechnet die Frau, die ihr an der Supermarktkasse beim Bezahlen des Champagners sagt, dass sie keine Treuepunkte sammelt?

Als Peggy Stresemann erfährt, dass sich der Millionengewinner noch nicht gemeldet hat, brennen ihre Sicherungen durch. Sie bricht ins Haus der Nachbarn ein, nippt am Champagner vom Vorabend und durchwühlt auf der Suche nach der Lottoquittung die Schubladen – findet aber nur die Pistole des Nachbarn. Als plötzlich der Hausherr in der Tür, die Kassiererin erst zur Rede stellt und dann verhöhnt, drückt Peggy ab. Einmal, zweimal, dreimal. Und nochmal, nochmal, nochmal, nochmal.  


Keine Gnade für vermeintliche Lottogewinner: Peggy Stresemann (Katrin Wichmann) hat ihren Nachbar erschossen. Foto: NDR/Christine Schroeder


Alles muss raus in diesem Moment. Der Frust, an der Kasse zu sitzen und arroganten Kunden Treuepunkte feilzubieten. Das Minderwertigkeitsgefühl („Die meisten denken, ich bin doof“). Der Neid auf die Wohlhabenden. Die Enttäuschung über ihren Dosenbier trinkenden Micha (Aljoscha Stadelmann), der mit seinem Klempnerdasein zufrieden ist und sich Unterhosen im Zehnerpack kauft. Dieses ganze Leben, das dem Vergleich mit den anderen in ihren Augen nicht standhält.

Sascha Arango hat sich diesmal etwas Zeit gelassen. 24 Minuten sind vergangen, bis man weiß, wer wen getötet hat. Und einen Thriller hat er auch nicht geschrieben, eher eine bittersüße Groteske, die Andreas Kleinert als eigenwilligen Stilmix aus Sozialdrama und Situationskomik inszeniert. Die Hochspannung, sonst Markenkern der Arango-Krimis, fehlt allerdings diesmal.  


Ein bisschen kauzig ist er schon: Borowski (Axel Milberg) hat einen Verdacht. Foto: NDR/Christine Schroeder


Und dann ist da noch Mila Sahin (Almila Bagriacik), die neue junge Partnerin des zunehmend altersmilden Ermittlers. Wie schon bei ihrem ersten Auftritt ist sie auch diesmal kaum mehr als eine Randerscheinung. Fast eine Stunde rätseln Borowski und ihr gemeinsamer Chef Schladitz (Thomas Kügel) über Sahins blaues Auge – dabei gehörte es schon beim Debüt zum Rollenprofil der arg jungen Kommissarin, dass sie boxt.  (So war Almila Bagriaciks erster Auftritt im Kieler Tatort)


Mitleid? Nichts liegt Peggy (Katrin Wichmann) ferner! (mit Sarah Hostettler, rechts). Foto: NDR/Christine Schroeder


Ansonsten verfolgt sie eine falsche Fährte und sucht nach einer Wohnung – wie jemand, der noch nicht richtig angekommen ist. Das muss wohl ein anderer Drehbuchautor erledigen.  (Hier gibt's ein ausführliches Interview mit Almila Bagriacik über ihre Rolle im Kieler Tatort)


Borowski und das Glück der anderen. Das Erste, Sonntag, 3. März 2019, 20.15 Uhr.

Wertung: 3 von 6 Sternen


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