Auch dank Direktor Kosslick Starke Frauen überall - nicht nur bei der Berlinale

Von Klaus Grimberg

Im Rampenlicht: Frauen auf der Berlinale, hier Geraldine Chaplin. Foto: AFP/Tobias SchwarzIm Rampenlicht: Frauen auf der Berlinale, hier Geraldine Chaplin. Foto: AFP/Tobias Schwarz

Berlin. Mit Charlotte Rampling wird eine Schauspielerin mit dem Goldenen Bären für das Lebenswerk geehrt, die wie wenige andere für das Selbstbewusstsein von Frauen im Filmgeschäft steht.

Auf der Zielgeraden der 69. Filmfestspiele von Berlin verneigt sich das Festival in Bewunderung und Ehrfurcht vor einigen prägenden Frauen des europäischen Kinos. Allen voran Charlotte Rampling, die heute mit dem Goldenen Ehrenbären für ihr Lebenswerk ausgezeichnet wird. 

Damit wird eine Schauspielerin geehrt, die wie kaum eine Zweite sowohl in ihrem Heimatland England wie auch in ihrer Wahlheimat Frankreich und sogar im fernen Hollywood gleichermaßen Erfolge feierte. Seit Mitte der 1960er-Jahre hat Rampling bei ihrer Rollenwahl immer wieder großen Mut bewiesen, oft hat sie zwiespältige, scheinbar kühle Figuren verkörpert, deren Innenwelten sie mit ihrem Spiel behutsam offenbarte. 

In "Swimming Pool" (2003) des französischen Regisseurs François Ozon spielte Charlotte Rampling (vorne) die britische Krimiautorin Sarah Morton. Foto: Constantin Film/dpa

Besonders in Erinnerung geblieben sind ihr Part in „Swimming Pool“ (2003) von François Ozon oder in „45 Years“ von Andrew Haigh, der ihr bei der Berlinale 2015 bereits den Silbernen Bären als beste Darstellerin einbrachte. Den von ihr selbst formulierten Anspruch an die „Wahrhaftigkeit der Gefühle“ hat Rampling auch in ihrem Alterswerk immer wieder eindrucksvoll eingelöst. Mit dem Ehrenbär würdigen die Filmfestspiele von Berlin auch die langjährige Verbundenheit der Schauspielerin zum Festival, beim dem sie oft zu Gast und dessen Jury-Präsidentin sie 2006 war. 

Mit Catherine Deneuve hat eine andere Grande Dame des französischen Films und enge Freundin der Berlinale ihren jüngsten Film „L’Adieu à la Nuit“ im Wettbewerb außer Konkurrenz vorgestellt. In der abermaligen Zusammenarbeit mit Regisseur André Téchiné versucht eine Großmutter ihren radikalisierten Enkel davon abzuhalten, als Gotteskämpfer in den Krieg nach Syrien zu ziehen. 

Regisseurin Agnès Varda erhielt bei der Premiere des außer Konkurrenz laufenden Films "Varda par Agnès" die Berlinale-Kamera. Foto: dpa/Britta Pedersen

Und schließlich ist auch die „Großmutter der Nouvelle Vague“, die mittlerweile 90-jährige Agnès Varda, in Berlin vertreten. In „Varda par Agnès“ gibt sie eine künstlerische Selbstauskunft über ihr Leben und Schaffen, die voll von Anekdoten und Einsichten über das europäische Filmgeschäft der vergangenen Jahrzehnte steckt. 

Mit Fug und Recht können diese drei Frauen zu den Wegbereiterinnen einer veränderten Wahrnehmung von Frauen im internationalen Filmbusiness gezählt werden. Lange vor der hyperventilierenden #MeeToo-Debatte im letzten Jahr haben sie sich für eigenständige künstlerische Positionen und einen anderen Blick auf Frauen eingesetzt – durch ihre selbstbewusste Präsenz und ihre nachdrücklichen Arbeiten. 

Sieben von sechzehn Filmen sind von Frauen

So haben sie dazu beigetragen, dass es junge Regisseurinnen heute ungleich leichter haben, eigene Filme zu realisieren, als noch vor zwanzig oder dreißig Jahren. Im Rennen um die Bären der Berlinale sind von sechzehn Filmen sieben von Frauen, im Gesamtprogramm der Berlinale stammen 39 Prozent der Filme von Frauen. An ähnliche Prozentzahlen war noch bis vor wenigen Jahren kaum zu denken. (Weiterlesen: Berlinale-Kinder in Not: Missbrauch, Trauma, Jugendamt)

Daran erinnert auch die diesjährige Retrospektive „selbstbestimmt“, die anhand von Arbeiten von Filmemacherinnen aus Ost- und Westdeutschland zwischen 1968 und 1999 veranschaulicht, wie schwer es Regisseurinnen lange Zeit fiel, sich mit ihren Perspektiven und Themen durchzusetzen und Gehör und Publikum zu finden.

Der scheidende Berlinale-Direktor Dieter Kosslick hat sich nicht erst beim Filmfestival für Frauen eingesetzt. Foto: AFP/Tobias Schwarz

Ein großer Pluspunkt im Resümee der Amtszeit von Festivaldirektor Dieter Kosslick ist sein großer Einsatz für die Filme von Frauen, die er über 18 Jahre lange prominent im Wettbewerb platziert hat. Als Vermächtnis hat er seinen Nachfolgern die Unterschrift unter der 50/50-Charta hinterlassen, mit der bis 2020 eine ausgewogenes Verhältnis von Filmen von Männern und Frauen auf der Berlinale erreicht werden soll. (Weiterlesen: Berlinale 2019: Netflix-Premiere und Gratis-Karten für die AfD)

Die vom Schwedischen Filminstitut angestoßene Initiative fordert ein, was Frauen wie Rampling, Deneuve und Varda vor Jahrzehnten angestoßen haben: gleiche Chancen für Frauen und Männer im Filmgeschäft.


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