zuletzt aktualisiert vor

Heute Abend im ARD-Programm „Murot und das Murmeltier“ - ist das noch Tatort?

Der Mann für die außergewöhnlichsten Krimis im Ersten: LKA-Ermittler Felix Murot (Ulrich Tukur). Foto: HR/Bettina MüllerDer Mann für die außergewöhnlichsten Krimis im Ersten: LKA-Ermittler Felix Murot (Ulrich Tukur). Foto: HR/Bettina Müller

Osnabrück. Mit „Murot und das Murmeltier“ gibt’s im ARD-Programm heute Abend den wohl außergewöhnlichsten und schrägsten Tatort des Jahres. Kritiker sind vor allem von Hauptdarsteller Ulrich Tukur begeistert – ob sich das Publikum dem anschließend, muss sich allerdings zeigen.

Es gibt einen Leser dieser Zeitung, der vor geraumer Zeit seiner Wut über den Sonntagskrimi im Ersten und eine eher wohlwollende Kritik in unserem Blatt freien Lauf ließ und eine unmissverständliche Mail formulierte: „Einen Tukur-Tatort kann man nicht gut finden.“ Im nächsten Satz drohte er mit der Kündigung seines Zeitungs-Abos – womit auch sonst? Die Rundfunkgebühren kann er ja nicht kündigen.

Nun wissen wir nicht, ob dieser Leser seiner Drohung hat Taten folgen lassen. Fest steht: Den Tukur-Tatort gibt es immer noch. Obwohl man zwischenzeitlich durchaus hätte annehmen können, dass die ARD ihn klammheimlich aus dem Programm entfernt hat – die letzte Folge „Es lebe der Tod“ lief im November 2016.  (So stark war der Tatort "Es lebe der Tod") 


Nach über zwei Jahren mal wieder zu sehen: LKA-Ermittler Felix Murot (Ulrich Tukur) und seine Kollegin Magda Wächter (Barbara Philipp). Foto: HR/Bettina Müller


Fest steht auch: Wenn Tukur auf dem Tatort draufsteht, ist eine Wundertüte drin. Ganz so, als ob Ulrich Tukur als Darsteller des Wiesbadener LKA-Ermittlers Felix Murot dem federführenden Hessischen Rundfunk (HR) gesagt hätte: Einen gewöhnlichen Krimi kann man nicht gut finden. „Murot und das Murmeltier“ macht da keine Ausnahme, im Gegenteil – und dem Zeitungsleser mit der Tukur-Phobie sei dringend angeraten, am Sonntagabend zwischen 20.15 Uhr und 21.45 Uhr das ARD-Programm zu meiden. Es sei denn, er regt sich gerne auf.

Natürlich kann man sich aufregen über diesen Tatort. Zum Beispiel gleich zu Beginn, als Murot frühmorgens offenbar „Tatort“ träumt, dann von einem Anruf seiner Assistentin Magda Wächter (Barbara Philipp) aus dem Schlaf gerissen wird und von ihr erfährt: „Wir haben hier gerade eine Geiselnahme in einer Bank.“ Murot rollt sich aus dem Bett, nachdem er ein kurzes „Bin gleich da“ genuschelt hat. Welche Bank in welcher Stadt? Muss er offenbar nicht wissen. Ist ja gleich da.  


Sein siebter Auftritt bringt LKA-Ermittler Felix Murot (Ulrich Tukur, links) in die aberwitzigsten Situationen. Foto: HR/Bettina Müller


Aber dann kommt’s: Murot findet zielsicher die Bank, Wächter und SEK warten schon auf ihn, und das Superhirn weiß gleich alles: „Geiselnehmer – kennste einen, kennste alle. Der will einen Fluchtwagen und viel Geld in kleinen Scheinen.“ Natürlich geht er selbst rein in die Bank. Überredet eine Täterin zur Aufgabe und überwältigt ihren Komplizen. Alles höchst sonderbar und unwirklich. Bis die junge Frau ihm die Waffe entwendet und den Komplizen ebenso erschießt wie Murot.

In der nächsten Szene wacht der Kommissar schreiend auf, das Telefon klingelt, Wächter meldet sich und berichtet von einer Geiselnahme in einer Bank. „Ich komme,“ sagt Murot. Und als Zuschauer weiß man plötzlich, wie das Murmeltier in den Titel dieses Tatorts kam. Zumindest wenn man 1993 oder irgendwann danach die US-Komödie „Und täglich grüßt das Murmeltier“ mit Bill Murray gesehen hat. Alles wiederholt sich und wiederholt sich und wiederholt sich…   


Immer wieder taucht LKA-Ermittler Felix Murot (Ulrich Tukur) vor der Bank auf und instruiert seine Kollegin Magda Wächter (Barbara Philipp), Polizistin Schreiner (Monika Anna Wojtyllo), Polizist Dreher (Tom Lass), Polizist Brendel (Jörg Bundschuh) und SEK-Mann Backhaus (Felix Schönfuss). Foto: HR/Bettina Müller


Murot wacht also auf aus seinem Alptraum, fährt zur Bank, wird erschossen – wacht auf, fährt los und stirbt – wacht auf, fährt los und stirbt. Spätestens nach dem dritten Gruß des Murmeltiers sollte man sich als Zuschauer entscheiden, ob man sich veräppelt fühlen will und abschaltet oder ob man das Bedürfnis hat, dem ganz sicher schrägsten Tatort des Jahres weiter zusehen zu wollen.

Die von Dietrich Brüggemann geschriebene und inszenierte Wiederholungsschleife wird von Minuten zu Minute skurriler und verlangt vom Zuschauer schon eine ziemliche spezielle Art von Humor. Sicher – die Ideen, mit denen Brüggemann seinen Kommissar mehr als zehnmal vom Leben zum Tode befördert, sind spleenig, teilweise schreiend komisch, aber zwischenzeitlich auch: ermüdend. Etwa gegen 21 Uhr wird man so manchen drangebliebenen Zuschauer fragen dürfen: Guckst Du noch oder schläfst Du schon?   


Tödliche Begegnung: LKA-Ermittler Felix Murot (Ulrich Tukur) und Geiselnehmerin Nadja Eschenbach (Nadine Dubois). Foto: HR/Bettina Müller


Irgendwann mault ein Rettungssanitäter vor der Bank: „Tatort, Polizeiruf, Soko, Der Alte, der Junge – das ist immer dasselbe.“ „Immer dasselbe,“ bestätigt seine Kollegin. Genau das wollte Dietrich Brüggemann, der auch in diesem Film wieder seine Schwester Anna in einer kleinen Rolle unterbrachte, aufs Korn nehmen: „Als Filmemacher schaut man sich viele Demobänder von Schauspielern an, und man sieht immer dasselbe: Verhöre, Kommissare, Geständnisse. Es ist immer dasselbe, und es ist niederschmetternd.“

Schon einmal hatte Ulrich Tukur mit einem Tatort-Auftritt sämtliche Genregrenzen gesprengt: 2014 sorgte die Folge „Im Schmerz geboren“ nicht nur für eine Rekordzahl an Leichen, sondern sammelte auch jede Menge Preise und höchstes Kritikerlob – während die Publikumsreaktionen eher gemischt ausfielen.  (War "Im Schmerz geboren" der beste Tatort des Jahrzehnts?)  


Nur gemeinsam können LKA-Ermittler Felix Murot (Ulrich Tukur, rechts) und Geiselnehmer Stefan Gieseking (Christian Ehrich) den Weg aus der Wiederholungsschleife finden. Foto: HR/Bettina Müller


Ähnlich könnte es nun auch „Murot und das Murmeltier“ ergehen. Beim Festival des deutschen Films in Ludwigshafen gab’s im September schon mal den Filmkunstpreis – erstmals überhaupt für einen Krimi. Und auch erste Kritiken feiern das Werk: „So genial“ urteilt „Focus online“ und das Internetportal „Tittelbach TV“ sah „eine herrlich verspielte Reflexion über das Fernsehen, das selbst eine Art Zeitschleife ist“. Krimi-Puristen aber werden sich winden und nicht zum ersten Mal die Frage stellen: „Kann man einen Tukur-Tatort gut finden?“

Mit dem Abspann ist dann zwar dieser Krimi vorüber, wohl kaum aber die Diskussion um Tatort-Experimente. Ende 2017 hatte die ARD quasi zum vermeintlichen Abschluss der "Babbeldasch"-Diskussion verkündet, künftig werde es nur noch zwei experimentelle Tatort-Folgen pro Jahr geben. Dietrich Brüggemann, der mit "Murot und das Murmeltier" ganz sicher eines dieser beiden Experimente für sich beanspruchen kann, fordert nun aber das exakte Gegenteil. (So war der umstrittene Tatort "Babbeldasch")

Gegenüber dem Evangelischen Pressedienst (epd) forderte Brüggemann diese Woche mehr Experimentierfreude im deutschen Fernsehen. Im Fernsehen werde zu stark auf die Quote gestarrt und zu wenig ausprobiert: „Neue Entwicklungen und Fortschritt gibt es doch nur deshalb, weil gute Ideen umgesetzt werden, auch wenn die breite Masse sie erst mal nicht will."

Das öffentlich-rechtliche Fernsehen stehe heute unter einem „riesigen Rechtfertigungsdruck", sagte der Regisseur: „Die Rechtspopulisten nehmen öffentlich-rechtliche Systeme in ganz Europa unter Beschuss." Doch wenn das Fernsehen alles der Quote unterordne, „dann manövriert es sich mit Pauken und Trompeten in die Irrelevanz". Er sei überzeugt, dass Kultur nie allein dem Markt unterworfen sein dürfe. Momentan neige das System aber sehr zur Verfestigung der beharrenden Kräfte: „Das ergibt dann so eine Art DDR, in der die Apparatschiks und Regelbewahrer die Oberhand gewinnen." 

Brüggemann hatte zuletzt im September 2017 mit ebenfalls ziemlich experimentellen Stuttgarter Tatort "Stau" für Aufsehen gesorgt. (So war der Tatort "Stau")


Tatort: Murot und das Murmeltier. Das Erste, Sonntag, 17. Februar 2019, 20.15 Uhr.

Wertung: 4 von 6 Sternen


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN