TV-Programm am Montag Gut gemeint, schlecht gemacht: Zehn Jahre Inklusion in Deutschland

Amelie (Mitte) besucht erfolgreich eine integrative Gesamtschule in Bremen. Später mal Fotografin oder Tierwirtin zu werden, könnte ein Traum bleiben. Foto: Radio BremenAmelie (Mitte) besucht erfolgreich eine integrative Gesamtschule in Bremen. Später mal Fotografin oder Tierwirtin zu werden, könnte ein Traum bleiben. Foto: Radio Bremen

Osnabrück. 2009 verpflichtete sich Deutschland, Menschen mit Behinderung volle Inklusion zu garantieren. Gemeinsames Lernen statt Sonderschule, gemeinsames Arbeiten statt Behindertenwerkstatt. Heute, nach zehn Jahren, ist die Bilanz ernüchternd.

Manchmal ist es der ganz normale familiäre Alltag, der Journalisten auf die besten Themen bringt. „In die Grundschulklasse meines Sohnes ging auch ein Mädchen mit Down-Syndrom; die war eines Tages weg“, erzählt Hanna Möllers. Als sie einige Zeit später zufällig die Mutter des Mädchens traf und sich nach ihr erkundigte, hörte sie: „Weißt du das nicht? Das hat nicht geklappt in der Klasse. Nike geht jetzt auf eine Förderschule.“

Hanna Möllers habe dieses Schicksal „so berührt“, sagt sie, dass sie das Thema beruflich angegangen ist. Dabei habe sie gemerkt, dass es bei Inklusion längst nicht nur um die Schule geht, sondern auch um Freizeitgestaltung und um das Arbeitsleben. „Ich habe dann zuerst eine Wochenserie für das Bremer Regionalmagazin „buten un binnen“ gemacht“, sagt sie. Und jetzt, pünktlich zum zehnjährigen Beitritt Deutschlands zur Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen, eine „Story im Ersten“. Eine ihrer Hauptpersonen: Nike (10), die ehemalige Mitschülerin ihres Sohnes und deren Mutter. „Es hat einiges an Überzeugungsarbeit gebraucht, bis sie mitmachen wollte“, sagt Hanna Möllers. Verständlich: Wer ist schon gerne das negative Beispiel. „Aber ich habe gesagt: Wenn man nicht erzählt, wo die Probleme liegen, dann ändert sich auch nichts.“

Manchmal klappt es, oft klappt es nicht

Der Film von Hanna Möllers ist eine gute Mischung aus positiven und negativen Beispielen. Bei Nike hat es nicht funktioniert mit der Inklusion. Die Kinder haben es nicht geschafft, Nike bei sich aufzunehmen und die Schule war personell wie räumlich überfordert. „In einer Förderschule kümmern sich zwei Lehrer um acht oder zehn Kinder“, sagt ein Lehrer einer anderen Schule, der anonym bleiben wollte. „Und ich stehe da alleine mit 30 Kindern, von denen fünf besonderen Förderbedarf haben – das funktioniert einfach nicht.“

Bei Amelie (14) funktioniert es dagegen. Auch sie hat das Down-Syndrom und ist glücklich in ihrer achten Klasse einer Bremer Gesamtschule, die schon lange Erfahrung mit Inklusionskindern hat. Klassischen Frontalunterricht gäbe es nicht mehr, sagt eine Lehrerin. „Inklusion stellt Schule auf den Kopf“, meint sie, aber das sei auch gut so. Denn auch die anderen Kinder würden in verschiedenem Tempo lernen. Darauf sei die Gesamtschule eingestellt.

Das ganze Schulsystem müsste sich ändern

Womit schon ein wunder Punkt benannt ist. „Der Erziehungswissenschaftler, mit dem ich in dem Film spreche, hat es klar gesagt“, sagt Hanna Möllers. „Unser dreigliedriges Schulsystem, das schon früh nach Leistungsfähigkeit differenziert, und die Idee der Inklusion – das ist einfach ein Widerspruch in sich.“ Und der wird auch nicht überwunden, wenn Eltern für geistig beeinträchtigte Kinder einen Platz im Gymnasium einklagen. „Das ist keine Inklusion, das ist bestenfalls ein Nebeneinander“, so Möllers.

Lukas war auf einer inklusiven Schule und landet am Ende wohl doch in einer Behindertenwerkstatt. Im Arbeitsleben findet Inklusion kaum statt. Foto: Radio Bremen


Dabei ist in der Schule vieles noch machbar. „Nach der zehnten Klasse ist aber Schluss mit Inklusion“, sagt Hanna Möllers. Lukas (18) ist dafür ein Beispiel. Nach der Regelschule kam er in die „Werkstufe“, die junge Leute auf die Arbeit in der Behindertenwerkstatt vorbereiten soll. Von Inklusion im sogenannten „ersten Arbeitsmarkt“ ist dort keine Rede mehr. 4,9 Prozent beträgt der Anteil der Menschen mit Beeinträchtigung dort – fast alle haben körperliche Einschränkungen. „Die Quote von Menschen mit geistiger Beeinträchtigung ist nicht messbar“, sagt Möllers. Und so muss der Eisenbahn-Fan Lukas weiter von einem Job bei der Bahn träumen – und in der Praxis Polizeiautos reinigen. „Er ist dort unterfordert“, sagt seine Mutter.

Dass es auch anders geht, zeigt Hanna Möllers ebenso: Ein Modellprojekt in Nordrhein-Westfalen vermittelt Menschen aus den Werkstätten in normale Betriebe. Ja, die Anlernzeit ist oft lang; ja, sie macht Mühe. Aber sie wird vom Staat finanziell gefördert und am Ende sind alle zufrieden: die Firma, die Kollegen, der Mitarbeiter.

Auch Minister und Arbeitgeber kommen zu Wort

Hanna Möllers ist ein gut recherchierter und vielfältiger Film gelungen, der viele Seiten in den Blick nimmt. Auch der Arbeitgeberverband äußert sich, dessen Mitgliedern oft vorgeworfen wird, lieber Strafen zu bezahlen, als die vorgeschriebene Schwerbehindertenquote von fünf Prozent zu erfüllen. Der Arbeits- und Sozialminister Hubertus Heil kommt zu Wort. Und neben den betroffenen Jugendlichen und ihren Familien auch Raul Krauthausen, ein deutschlandweit bekannter Aktivist für Behindertenrechte.

Unterm Strich wird aber eines klar, sagt Hanna Möllers: „Auch zehn Jahre nach Beitritt zur UN-Konvention ist Inklusion in Deutschland noch ein Märchen.“ Das sei einerseits frustrierend für die Betroffenen, sagt sie, aber es könne sich „in den nächsten zehn Jahren noch viel verändern“. Das aber müsse einerseits hohen finanziellen und personellen Einsatz des Staates erfordern und andererseits eine Bewusstseinsänderung der Gesellschaft. „Solange wir eine Leistungsgesellschaft sind und sein wollen, in der nur das Bessere und Schnellere zählt, habe ich Zweifel, dass Inklusion gelingen kann“, sagt Hanna Möllers. Dann blieben Nike, Amelie, Lukas und alle anderen Bremser, die allenfalls als soziale Tat mitgezogen werden. Die Gespräche mit ihnen im Film zeigen aber, dass sie viel, viel mehr sind. Sie sind eine Bereicherung.

Die Story im Ersten: Das Märchen von der Inklusion. Eine Bilanz nach 10 Jahren. Am Montag, 21. Januar 2019, um 22.45 Uhr im Ersten


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