Dokumente wider das Vergessen Heute zeigt Arte die wahre Geschichte des Warschauer Ghettos

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Alles musste geheim ablaufen: Um die wahren Zustände im Warschauer Ghetto zu dokumentieren, wurde ein Geheimarchiv gegründet. Foto: Arte/Anna WlochAlles musste geheim ablaufen: Um die wahren Zustände im Warschauer Ghetto zu dokumentieren, wurde ein Geheimarchiv gegründet. Foto: Arte/Anna Wloch

Osnabrück. Im Doku-Drama "Das Geheimarchiv im Warschauer Ghetto erinnerte Arte an jüdisches Leid im Zweiten Weltkrieg.

Tod und Vernichtung waren jederzeit spürbar. Auf den Bürgersteigen starben Menschen an Hunger, ihre Leichen lagen auf dem Trottoir. Während des Zweiten Weltkriegs gab es viele Orte der Hölle auf Erden. Das von den Nazis im Herbst 1940 gegründete Warschauer Ghetto gehörte zweifellos dazu. Dort wurden auf engsten Raum Juden eingepfercht. Sie waren rechtlos und der Willkür der deutschen Besatzer ausgeliefert. Tausende wurden von dort aus in die Vernichtungslager geschickt.

Filmaufnahmen aus der Zeit zeigen beispielsweise, wie deutsche Besatzer höhnisch die Bärte von Männern abschneiden. Oder wie die Menschen in Lumpen wandeln. Doch gerade solche Filmdokumente, die den Deutschen beweisen sollten, dass Juden „Untermenschen“ seien, veranlassten den ehemaligen Geschichtslehrer und Erforscher des Jiddischen, Emanuel Ringelblum, zu einer Gegenreaktion. Er organisierte ein Geheimarchiv über den Alltag im Ghetto. Der Name: „Oneg Schabbat“ („Freude am Schabbat“). Seine Aufgabe: Authentische Erfahrungsberichte von ganz normalen Menschen über den schwierigen Überlebenskampf in Ghetto zusammenzutragen. Das Ziel: Zukünftige Historiker sollten ein anderes, wahrheitsgetreueres Bild als das der deutschen Propaganda erhalten.

Die gesammelten Erfahrungsberichte erschüttern: Frauen wurden etwa gezwungen mit ihrer Unterwäsche die Straße zu säubern und danach wieder anzuziehen. Wehrmachtsangehörige prügelten Menschen zu Tode, nur weil diese nicht ordnungsgemäß grüßten. Kinder, die Lebensmittel in das „Judenviertel“ schmuggelten, wurden erschossen.

Zusammen kamen etwa 30.000 Seiten Papier, die Emanuel Ringelblum und seine Mitstreiter, darunter auch der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, sammelten. Darunter befanden sich neben biographischen Erfahrungsberichten auch Zeitungen, deutsche Erlasse und Programmzettel zu Theateraufführungen.

„Woran liegt es, dass der eine überlegt und der andere nicht?“ - das war eine Frage, die sich Ringelblum immer wieder stellte. 1944 dann wurde der 43-Jährige wie auch seine Frau und sein Sohn erschossen. Überlebt hat jedoch ein großer Teil des Archivs. Versteckt in Kisten und Milchkannen , wurden sie an verschiedenen Stellen versteckt. Erst nach dem Krieg wurde der größte Teil aus den Schuttbergen des völlig zerstörten Warschaus geborgen. Seit 1999 gehören die Papiere zum Weltkulturerbe des UNESCO. Ihre Bedeutung ist einmalig, und ähnlich bedeutsam wie das „Tagebuch der Anne Frank“.

Der Dokumentarfilm der US-Regisseurin Roberta Grossman („500 Nations“) nimmt dabei in Spielfilmszenen stets die Perspektive der Opfer ein. Als Erzählerin tritt hier meist Rachel Auerbach auf, eine von nur drei Überlebenden der zuvor 60 Mitstreiter Ringelblums. Flankiert wird das beeindruckende Werk von weiteren Dokumentationen zum Thema. Etwa dem Zweiteiler „Als die Nazis an die Macht kamen“ im Anschluss um 21.45 Uhr – mit Augenzeugen-Berichten vieler Emigranten, die ab 1933 Deutschland verließen. Tags darauf sendet Arte um 23.15 Uhr ein Gespräch mit der Auschwitz-Überlebenden und Regisseurin Marceline Loridan-Ivens, die das Filmemachen stets als Therapie empfand.

Und in einigen Dritten Programmen läuft die in den 70ern für Furore sorgende US-Serie „Holocaust“ (1978), die erstmals viele Deutsche dazu brachte, sich mit der „jüngsten Vergangenheit“ auseinanderzusetzen. Auch läuft Steven Spielbergs mit sieben Oscars ausgezeichnetes, erschütterndes Drama um den Judenretter Oskar Schindler, "Schindlers Liste"  nach 25 Jahren wieder in die Kinos - einmalig am 27. Januar, dem Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. 

In einer Zeit, in der Rechtspopulisten die NS-Zeit als „Vogelschiss der Geschichte“ verharmlosen und Anitisemitismus vielerorts sein Haupt erneut erhebt, sind solche Filme leider anscheinend wichtiger denn je. Auch über 70 Jahre nachdem sie stattfanden.   

Arte, Dienstag, 15. Januar 2019; 20.15 Uhr: „Das Geheimarchiv im Warschauer Ghetto“


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