Lang lebe das Fernsehen Das Smartphone wird zum wichtigsten Bildschirmgerät

Von Tilmann P. Gangloff

Das Smartphone löst den Fernseher als wichtigsten Bildschirm ab. Kinder der 60er-Jahre bleiben ihrem Medium jedoch treu. Foto: PixabayDas Smartphone löst den Fernseher als wichtigsten Bildschirm ab. Kinder der 60er-Jahre bleiben ihrem Medium jedoch treu. Foto: Pixabay

Osnabrück. Die Fernsehgeräte im Wohnzimmer werden immer größer, aber das wichtigste Bildschirmgerät der Deutschen ist erstmals das Smartphone. So steht es im „Digitalisierungsbericht Video“ der Landesmedienanstalten.

In der entsprechenden Umfrage entfielen 37 Prozent auf das Smartphone und nur noch 32 Prozent auf den Fernseher. Ein „Lagerfeuer der Nation“ ist das klassische Fernsehen ohnehin nur noch bei wichtigen Spielen der Fußballnationalmannschaft. 

Die jüngsten Zahlen scheinen zu bestätigen, was schon lange prophezeit wird: Das Ende des Mediums ist nahe. Aber Totgesagte leben länger. Auch Gerd Hallenberger glaubt nicht an den Tod des Fernsehens. Nach Ansicht des Marburger Medienwissenschaftlers stimmt die These vom baldigen Ableben nur insofern, als der Begriff „Fernsehen“ im heutigen Sinn irgendwann irreführend sein werde. 

Die Entwicklung zeichne sich bereits ab: „Es gibt schon jetzt viele Formen audiovisueller Angebote, viele Zugangswege und viele Display- oder Monitorformen. Wie die Nutzung der Angebote genannt wird, ist aber erst mal völlig egal. Viel entscheidender ist die Tatsache, dass für unterschiedliche Angebotsformen und Nutzungssituationen entsprechend unterschiedliche Konfigurationen sinnvoll sind.“ 

Fernseher bei Filmen und Serien weiterhin vorn

Was kompliziert klingt, ist im Alltag ganz einfach. Die Deutschen mögen das Smartphone als wichtigstes Bildschirmgerät bezeichnen, aber 63 Prozent der Befragten schauen sich Filme und Serien nach wie vor auf dem Fernsehgerät an. 

Hallenberger geht daher davon aus, dass der klassische Fernsehapparat auch weiterhin eine wichtige Rolle spielen werde. Allerdings müsse sich jede Sendung das Großgerät mit dem voluminösen Raumklang erst mal verdienen. Er verdeutlicht dies am Beispiel des Science-Fiction-Klassikers „2001 – Odyssee im Weltraum“ von Stanley Kubrick: „Es ist völlig sinnlos, sich eine derart monumentale Produktion auf einem Smartphone anzuschauen.“ 

Vorteil für Live-Übertragungen

Ebenfalls gute Chancen auf Zutritt zum Wohnzimmer hätten Übertragungen, „bei denen das Hier und Jetzt wichtig ist“, allen voran Großereignisse aus dem Sportbereich. 

Wichtige Fußballspiele zum Beispiel werden dem linearen Fernsehen nach Hallenbergers Überzeugung „beim Überleben helfen, denn es macht keinen Spaß, sich ein WM-Finale drei Tage später in der Mediathek anzuschauen.“ Bei einem Fernsehfilm oder einer Reportage sei das dagegen kein Problem. 

Bei solchen Sendungen spielten globale virtuelle Gemeinschaften anders als bei Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen keine Rolle: „Jede Form von Inhalt, die solche Gemeinschaften entstehen lässt, begünstigt das klassische lineare Fernsehen, weil die Menschen diese Inhalte ‚live’ erleben wollen.“ 

Gemeinschaften bei Castingshows

Ähnliche Gemeinschaften bilden sich auch auf nationaler Ebene. Das gilt vor allem für Castingshows, bei denen das Publikum mitwirken kann: Wer „Deutschland sucht den Superstar“ einen Tag später anschaut, kann nicht mehr abstimmen. 

Fast noch wichtiger ist allerdings die Möglichkeit, wie beim „Tatort“ der ARD digital mit Freunden oder in entsprechenden Chat-Foren über die Darbietungen zu diskutieren. Der Sonntagskrimi im „Ersten“ sorgt im besten Fall zudem für einen Lagerfeuereffekt und versammelt die Familie im Wohnzimmer. Bei Sendungen, die zum Austausch einladen, spricht Hallenberger gern vom „virtuellen Sofa“, auf dem die jeweilige Fan-Gemeinde gemeinsam Platz nimmt: „ein weiterer Trumpf fürs lineare Fernsehen.“

Dazu zählt auch ein Phänomen, das der Medienwissenschaftler als „Kohorteneffekt“ bezeichnet: „Jede Generation hat eine hohe Affinität zu dem Medien-Ensemble, mit dem es aufgewachsen ist.“ 

Gewohnheit als Überlebensgarantie

Für die entsprechenden Medien ist das so etwas wie eine Überlebensgarantie: Wer von Klein auf daran gewöhnt war, Fernsehsendungen über ein Fernsehgerät zu nutzen, wird von dieser Gewohnheit nicht lassen; ein Umstand, von dem auch die gedruckte Tageszeitung profitiert. 

Deshalb wird das klassische Fernsehen in Deutschland höchstwahrscheinlich mindestens ebenso lange existieren wie die Menschen, die zu den geburtenstarken Jahrgängen ab Mitte der Fünfzigerjahre bis Mitte der Sechziger gehören. Sie stellen die Kerngruppe der „Generation Fernsehen“, die ausschließlich mit ARD und ZDF aufgewachsen ist. 

"Baby-Boomer" mögen es linear

Die Nutzung der Mediatheken ist in den letzten Jahren zwar in allen Altersgruppen deutlich angestiegen, aber die „Baby-Boomer“ bevorzugen Fernsehen nach wie vor linear. 

Es wird daher niemanden überraschen, dass sie auch die öffentlich-rechtliche Kernzielgruppe bilden. Diese Menschen werden dem ihren gelernten Nutzungsgewohnheiten und damit dem klassischen Fernsehen die Treue halten; das macht sie gleichzeitig zur Überlebensgarantie für ARD und ZDF.


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