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Sonntagabend im „Tatort“ als Geiselnehmer zu sehen Deichkind-Musiker Ferris MC: „Ich war immer der Freak“

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Lässt auf der Bühne die Rampensau raus, ist aber privat ein ganz normaler Zeitgenosse: Ferris MC, Mitglied der Band Deichkind.

            

              Foto: dapdLässt auf der Bühne die Rampensau raus, ist aber privat ein ganz normaler Zeitgenosse: Ferris MC, Mitglied der Band Deichkind. Foto: dapd

Hamburg. Ausgeschlafen, fit und gut gelaunt erscheint Deichkind-Mitglied Ferris MC alias Sascha Reimann pünktlich um elf Uhr morgens zum Interviewtermin unserer Zeitung im Café der Hamburger Kulturfabrik Kampnagel. Der 38-jährige Musiker trägt eine klotzige Professoren-Brille, bestellt sich ein stilles Wasser und erzählt offen und freimütig über sein Leben.

Hi Ferris, coole Brille. Trägst du die auch auf der Bühne?

Nein, eigentlich nur beim Autofahren. Bei unseren wilden Konzerten trage ich keine echte Brille, die könnte ja kaputtgehen.

Stehst du auf XXL?

(lacht) Das hier war einfach ein günstiges Auslaufmodell.

Wofür ist die Brille nötig?

Ich habe eine Hornhautverkrümmung. Ich sehe dich zwar, auch scharf, aber alles ein bisschen breiter und in der Ferne ein bisschen verschwommen. Ich habe vier, fünf Jahre ohne Brille Auto gefahren, bis ich merkte, dass es mit Brille sicherer ist.

Fährst du eine Rapper-Karre?

Nein. Vor Kurzem habe ich mir meinen ersten Neuwagen geholt, den ich finanziere: ein Mini Cooper S Coupé. Wenn ein Audi TT und ein normaler Mini Sex gehabt hätten, wäre dieses Coupé dabei herausgekommen. Mein Mini ist genauso teuer wie so ein Angeber-Benz, weil der alle Extras hat: die beste Anlage, feinste Ledersitze, Sitzheizung, Bluetooth-Schnittstelle, Navi, heftige Felgen – das habe ich mir mal gegönnt.

Ich dachte, einer wie du braucht einen dicken Chevi...

Ich bin nicht so ein Klischee-Rapper, sondern war immer der Freak, sogar eher eine Art Anti-Ami. Es ist mir wichtig, meinen eigenen Stil durchzusetzen, ich habe nicht auf die US-Rapper geachtet und wollte nie Timbaland oder Jay-Z kopieren. Auf diese Weise habe ich natürlich polarisiert: Die einen fanden das gut, die anderen haben mich gedisst, wo sie nur konnten.

Was heißt das konkret?

Optik, Texte oder Verhalten – etwas wurde immer attackiert. Es gab immer jemanden, der meinte, seinen Senf dazugeben zu müssen. Gerade im Internet geht das voll ab, da traut sich jeder, sich auszukotzen. Aber deswegen hat das ja auch so wenig Wert.

Du warst mal Kfz-Mechaniker. Schraubst du noch gern?

Null. Das war ein Horror, diese dreieinhalb Jahre durchzuhalten. Ich habe mit einem Schnitt von 4,4 abgeschlossen, also kurz vorm Durchfallen. Ein paar Gesellen, die im Prüfungsausschuss saßen, haben bestimmt daran gedreht, dass ich nicht die Fünf bekomme. Im Schriftlichen war ich auf drei, aber praktisch ging nicht viel.

Die Lehre hast du ohne Führerschein gemacht. Wie geht das?

Viel kiffen und Fantasie (lacht). Den Lappen habe ich erst 2007 gemacht, nachdem ich aufgehört hatte zu kiffen. Andere Drogen hatte ich schon Jahre vorher nicht mehr genommen.

Bist du ohne fremde Hilfe von den Drogen losgekommen?

Ja. Die Drogen haben irgendwann meine Psyche angegriffen. Ich war vor Kurzem in Amsterdam und habe vom mildesten Hasch nur zwei Züge genommen. Da war der Tag für mich gelaufen. Ich konnte nicht mehr gut drauf sein. Also, ich bin endgültig raus aus der Sache und kann mir nicht mehr vorstellen, wie ich es geschafft habe, 50 Gramm in der Woche zu verkiffen.

Was waren die schlimmsten Auswirkungen?

Wenn dein Kopf nicht mehr richtig funktioniert, wirkt es sich auch auf den Körper aus, ich hatte mit vielen Horror-Symptomen zu kämpfen: Panikgefühle, keine Luft mehr kriegen, die eigene innere Stimme redet mit dir. Da hatte ich irgendwann keinen Nerv mehr drauf. Ich hatte zwei-, dreimal ganz extreme Geschichten mit 25 und 26 Jahren. Nachdem ich die überwunden hatte, habe ich wieder da angefangen, wo ich aufgehört hatte. Gerade für Kokain war ich sehr anfällig, aber auch für die halluzinogene Amphetaminpille MDA. Als ich mit dem harten Zeug aufhörte, sagte ich mir: Okay, kiffen ist die einzige Sünde, die mir noch bleibt, weil ich Alkohol eh nie viel getrunken habe. Mit 32 Jahren habe ich dieselbe Psychogeschichte mit dem Kiffen erlebt, also auch Angst und Beklemmungsgefühle.

Das alles passt zum Song „Zur Erinnerung“, in dem du beschreibst, wie Drogen deinen Kumpel zerstört haben.

Genau. Im Endeffekt war ich kurz davor, selbst so kaputtzugehen. Du musst dich irgendwann entscheiden: Entweder du lebst damit und drehst irgendwann völlig durch. Oder sagst dir wie in meinem Fall mit 32, es ist Zeit, erwachsen zu werden.

Waren Drogen dein größter Fehler im Leben?

Sie gehörten zu meinem Leben dazu. Ich werde diese Erfahrung nicht missen. Es war eine geile Zeit, typisch Rock ’n’ Roll eben, die ich dennoch nicht wiederholen würde. Aber dieses Drogen-Image, dieser Ruf hängt mir noch ganz schön nach. Viele Leute denken, dass man sich im Leben nicht weiterentwickelt. Aber du kannst nicht Menschen mit 18 und 32 vergleichen. Um die Leute zu überzeugen, kann ich nur gegenlenken durch Leistung, Qualität und professionelle Arbeit.

Konntest du immer von deiner Musik leben?

Ja. Der Übergang war fließend. Nach der Lehre gab es schon die ersten Rap-Erfolge. Das Geld von meinem ersten Plattenvertrag habe ich mir so eingeteilt, dass ich ungefähr 1000 Mark zum Leben hatte. Dazu kam noch das Arbeitslosengeld und die von Vater Staat bezahlte Wohnung, sodass ich im Schnitt auf 2500 Mark kam. Das war schon mal nicht so schlecht. Ich habe zu dem Zeitpunkt aber überhaupt nicht darüber nachgedacht, dass man mit Musik wirklich viel Geld verdienen könnte. Ich hatte von dem Business null Ahnung.

Wann änderte sich das?

Ab 1999 kam das Geld haufenweise rein. Es wurde nur noch gefeiert, man fühlte sich wie King und Gott, über Steuern und Finanzamt hat keiner nachgedacht.

Auch kein Manager?

Im Gegenteil: Mein damaliger Manager Jackie Eldorado, der erste Punk Deutschlands, der Iggy Pop beim Auftritt ins Bein gebissen hat, hat mich sogar unterstützt in der wilden Rock-’n’-Roll-Phase. Das war eben auch authentisch. Wir haben die Kohle nur so rausgeschmissen, bis irgendwann das Finanzamt meine Konten sperrte. Plötzlich hatte ich 30000 Euro Nachzahlung am Hals. Da wurde mir klar, irgendwas läuft hier falsch: Mein zweites Album „Fertich“ war erfolgreich auf dem Markt, die Touren liefen gut, aber ich hatte weder Cash noch Rücklagen. Ein Freund, mit dem ich zusammenwohnte, übernahm sogar ein Jahr lang meine Miete. In der Zeit, also 2002/2003, schrieb ich das Album „Audiobiographie“ mit dem Hit „Zur Erinnerung“, der mich schließlich finanziell rettete. 2005 war ich dann komplett mit Rap durch.

2008 bist du bei Deichkind eingestiegen – eine neue musikalische Heimat für dich?

Auf jeden Fall. Ich wollte immer eine Brücke schlagen zwischen Rap/Hip-Hop-Jugendlichen und Leuten, die auf Rock und Show stehen. Bei Deichkind kann ich meine Ideen und Erfahrungen sehr gut integrieren. Als ich dazustieß, waren die mitten in der Arbeit vom Album „Arbeit nervt“. Wir saßen in einem Ferienhäuschen in Dänemark zusammen, wo ich den Song „Luftbahn“ beigesteuert habe. Das fanden die erst kitschig, brachte aber eine neue poetische Note in den Deichkind-Kosmos zwischen Saufgröhlliedern und sozialkritischen Themen. Für die CD „Befehl von ganz unten“ haben wir uns wieder in einem Haus in Meck-Pomm einquartiert und am Reißbrett die Themen skizziert, die uns bewegten, und dann die Lyrics geschrieben. Viel später entstand die Musik, da war die Tournee schon längst gebucht.

Was macht den Erfolg von Deichkind aus?

(lacht) Das ist nicht berechenbar. Wir sind selbst überrascht, wie phänomenal das Ding abgeht. Zum Beispiel war „Leider geil“ keine geplante Single, sondern nur ein Special-Download. Live haben wir uns den Erfolg natürlich auch erspielt. 2008 hatten wir 500 bis 1000 Leute im Saal. Seitdem haben wir jedes Festival – egal ob Metal, Rock oder sonst was – gecrasht, jeden Headliner weggeblasen mit unserer einzigartigen anarchistischen Show. Textlich treffen wir zudem exakt den Nerv der Zeit.

Es gibt aber auch viel Kritik...

Wir polarisieren eben, sind aber keine politische Band und vergleichen uns schon gar nicht nicht mit „Ton, Steine, Scherben“. Wir wollen weder mit der Brecheisenstange jemandem etwas eintrichtern, noch erheben wir den moralischen Zeigefinger. Das ist bei uns viel subtiler und ironischer gemeint. Jeder kann das von Deichkind mitnehmen, was er will. Teilweise interpretieren die Leute mehr hinein an Stellen, wo wir nur einen passenden Zweizeiler gesucht haben. Wir geben vielleicht den Impuls, genießen aber unsere künstlerische Freiheit. Man kann uns nicht einordnen, nicht packen.

Könnt ihr noch die Ekstase im Publikum kontrollieren?

Das muss so sein. Als Künstler willst du doch die Leute begeistern und bis zum Anschlag bringen. Da bin auch ich auf der Bühne voll die Rampensau.

Wie bist du auf deinen Künstlernamen Ferris gekommen?

Durch den Film „Ferris macht blau“ mit Matthew Broderick. Das war 1987 eine kultige Teenie-Schulschwänzer-Komödie.

Wie sprechen die Leute dich an?

Entweder mit Ferris oder Sascha. Ich erlaube ihnen beides.

Wie läuft es mit Groupies?

(lacht) Drei von uns sind verheiratet. Aber wir haben ja noch andere, jüngere Typen in unserem Live-Tross. Es ist allerdings nicht so exzessiv, wie man sich das vorstellt. Das ist alles ein großes Klischee. Durch die Heirat hat sich ohnehin mein Weltbild ein wenig verschoben. Ich habe jetzt Bock, mit meiner Frau ein Haus zu finanzieren, in dem viel Platz ist, um in den nächsten fünf Jahren eine Familie zu gründen.

Du bist am Sonntagabend im Tatort „Hochzeitsnacht“ zu sehen. Guckst du gern die Krimireihe?

Kommt darauf an. Ich habe ja nicht immer Zeit dafür. Außerdem gibt es große Unterschiede, je nachdem, welches Ermittler-Team dran ist. Den Berliner Tatort finde ich einfach nur schlecht.

Welchen magst du?

Das hängt auch von einem guten Kameramann oder Regisseur ab. Ich mag Tatort mit Humor, zum Beispiel die Münsteraner Thiel und Börne. Die Münchner und Kölner finde ich auch meist interessant. Allerdings ist Schimanski für mich immer noch unschlagbar. Mit diesem Typen bin ich aufgewachsen. Ich habe mich gefreut, als es vor zwei Jahren eine neue Schimanski-Folge gab.

In Hamburg übernimmt jetzt Til Schweiger...

Darauf bin ich sehr gespannt. Ich mag Til-Schweiger-Filme. Seine Familien- und Beziehungskomödien sind einfach gut gemacht. Man wird sich vielleicht wundern, dass ich das sage. Aber ich kann mit Til was anfangen. Ich freue mich darauf, ihn als Tatort-Kommissar zu sehen.

Kennt Ihr euch?

Nicht persönlich. Was er macht, hat einfach Hand und Fuß. Auch die Schauspieler, die er sich für seine Produktionen holt wie etwa Matthias Schweighöfer und Dennis Moschito, sind mir sehr sympathisch. Moschito spielt ja auch im Bremer Tatort „Hochzeitsnacht“ meinen Gangsterpartner.

Wie kam es zu der Tatort-Rolle?

„Für den unbekannten Hund“ war mein erster größerer Film. Der Kameramann vom „Tatort“ hatte den Film gesehen und mich Regisseur Florian Baxmeyer empfohlen. Ein Film aus dem Jahr 2005 hat mich zum Tatort 2012 geführt.

Kannst du dir vorstellen, öfter vor der Kamera zu stehen?

Durchaus. Das war schon mein Kindheitstraum. Ich habe ja auch in dem Seeräuberfilm „Zwölf Meter ohne Kopf“ über den Piraten Störtebeker mitgespielt. Die Besetzung war hochkarätig, und als Laienschauspieler habe ich gemerkt, dass die auch alle nur mit Wasser kochen. Egal ob Schauspielschule oder nicht. Für mich war es eine sehr interessante Erfahrung, mit professionellen Leuten zusammenzuarbeiten. Ich habe früher immer gedacht, dass eine Schauspielausbildung viel zu teuer wäre, und ich wollte das meiner Mutter nicht aufbürden. In der Schule habe ich schon Theater gespielt, dann kam mir die Musik in die Quere.

Im Tatort spielst du einen Geiselnehmer, der eine Hochzeitsparty überfällt. Was ist das für ein Gefühl, eine Maschinenpistole in der Hand zu haben?

Aufregend. Zwei Special-Effect-Leute weisen dich ein, wie man sich zu verhalten hat. Obwohl die Pistolen nur mit Platzpatronen geladen wurden, war ein immenser Druck dahinter. Man durfte nicht zu nah damit an andere Schauspieler kommen. Ich musste immer den Finger neben den Abzug halten und erst kurz vor dem Schuss entsichern.

Wie hattest du dich auf die Tatort-Rolle vorbereitet?

Ich bin ein Film-Junkie und kenne mich gut mit Actionfilmen aus. Da musste ich mich nicht extra vorbereiten, sondern nur authentisch sein. Der Regisseur gab mir allerdings die Anweisung, weniger Gas zu geben und hier und da weniger Gesichtsdisco anzuschalten. Ich neige gern mal zum Overacting, indem ich das Gesagte noch mit Augenbrauen und Blicken unterstütze. Aber das braucht man beim Film im Gegensatz zum Theater nicht. (lacht)


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