Kinderarbeit in Zeiten des Internet Mini-Influencer: Wenn Eltern mit ihren Kindern viel Geld verdienen

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Ein Blick in die Selfie-Kamera: Für viele Kinder findet die Kindheit inzwischen online statt. Foto: dpa/Boris RoesslerFürEin Blick in die Selfie-Kamera: Für viele Kinder findet die Kindheit inzwischen online statt. Foto: dpa/Boris RoesslerFür

Osnabrück. Man nennt sie "Kinder-Influencer": Mädchen und Jungen, die mit ihren Youtube-Kanälen viel Geld verdienen. Die Werbebranche jubelt über die neuen Möglichkeiten, Eltern freuen sich über ein gutes Einkommen. Kinderschützer sind weniger begeistert.

Kinder kosten Geld. Viel Geld. Mit Ausgaben im sechsstelligen Euro-Bereich muss man rechnen von der Geburt bis zu dem Moment, an dem sie endlich finanziell auf eigenen Füßen stehen. Klugen Eltern ist das zu viel. Sie entdecken im Gegenteil, dass Kinder eine prima Einnahmequelle sind, ein Geschäftsmodell. Die neuen Medien machen es möglich, allen voran Youtube.

Ja, dass Eltern mit ihren Kindern Geld verdienen, das gab es auch früher schon. Man denke an Heintje. Oder an die Kelly-Family. Oder an The Jackson Five. Mit viel Gesangs- und Tanzstunden, auch mit hartem Drill, wurden Kinder und Jugendliche zu Großverdienern.

Heute ist das anders. Sagen die Eltern der Youtube-Großverdiener. Nicht das Großverdienen, das ist eher noch größer geworden. Der siebenjährige US-Amerikaner Ryan war 2017 mit seinem Kanal „Ryan ToysReview“ der erfolgreichste Youtube-Star weltweit. 19,4 Millionen Dollar hat er verdient, 26 Milliarden Mal wurden seine Videos geklickt, 17 Millionen Menschen haben seinen Kanal abonniert. 2018 lief es noch besser.


Hauptberufliche Youtube-Eltern

Ganz so groß sind die Verdienstmöglichkeiten in Deutschland nicht, aber immerhin. „Zum Leben reicht es gut“, sagte Robert Henle im Dezember der Süddeutschen Zeitung. Er und seine Frau haben ihre Jobs gekündigt und sind nun hauptberufliche Youtube-Eltern ihrer Tochter Miley (9). Deren Youtube-Kanal „Mileys Welt“ haben rund 655.097 Menschen abonniert, einzelne Videos werden über eine Millionen Mal aufgerufen. Und das, um ihr beim Kindergeburtstag zuzusehen, beim Basteln oder – gerade ganz frisch – beim Shoppen für den Winterurlaub. „Socken hast du ja schon gekauft“, hört man Miley im Hintergrund, während Papa Robert Stiefel anprobiert. „Puma-Socken.“ Aha, gut zu wissen.


Aber natürlich ist Puma nicht der größte Werbepartner. In Kinder- und Familienblogs machen Spielzeugfirmen Werbung, Babynahrung und Windeln werden angepriesen, Unterhaltungselektronik, Schminkutensilien – und natürlich Mode, ganz viel Mode. Wie viel Mileys Familie mit den Videos ihrer Tochter verdient, ist unbekannt: Youtube verpflichtet seine Vertragspartner, darüber in der Öffentlichkeit zu schweigen. Aber es reicht offenbar für ein gesichertes Familieneinkommen.

Anders geworden im Vergleich zu früher, sagen Youtube-Eltern, ist die Sache mit dem Drill. Den gäbe es nicht. Videos zu drehen sei eben das Hobby ihrer Kinder, ein großer Spaß. Und Selbstbestätigung. Und wenn die Kinder keine Lust hätten, dann müssten sie eben auch nichts drehen. Alles ganz freiwillig. Nur: Wie freiwillig kann die Arbeit sein, wenn Kinder wissen, dass die ganze Familie davon lebt? Dass das Familieneinkommen zusammenbricht, wenn man mal länger „keine Lust“ hat? Dass es existentiell bedrohlich würde, sich ein anderes Hobby zu suchen?

Kinderschützer fordern strengere Regeln

Längst fordern Kinderschützer strengere Regeln für die hochbezahlte Kinderarbeit im Internet. Denn im Moment finden die Regeln Anwendung, die etwa auch für Kinderschauspieler gelten. Aber wer will kontrollieren, wann, wie lange und wie freiwillig Kinder in ihrem eigenen Zuhause drehen? Was am öffentlichen Film-Set penibel aufgeschrieben wird, entzieht sich im Privaten jedem Zugriff. Zudem sind Videos im Internet noch lange auffindbar. Selbst wenn es Kindern jetzt Spaß macht, sich beim Herummatschen mit Plätzchenteig oder bei ungelenken Schminkversuchen filmen zu lassen – wie sehen sie dasselbe Video fünf Jahre später? Die Grenze zwischen lustig und peinlich verläuft spätestens in der Pubertät.

Mindestens ebenso spannend wie die Frage, warum Eltern sich und ihre Kinder in die Öffentlichkeit zerren – sie tun es schlicht für Geld – ist die Frage, warum andere Menschen dabei zuschauen. Warum abonnieren 650.000 Menschen – viele dürften erwachsen sein – einen Kanal, auf dem sie einer anderen Familie beim Kuchenbacken oder Schlittenfahren zusehen? Wenn es wenigstens noch eine durchgeknallte Promifamilie wäre, die einen in fremde Welten entführt – die Kardashians lassen grüßen. 

Aber nein, meist sind es Normalos aus der Wohnung nebenan, die im Advent Sterne basteln und im Sommer Federball spielen und den Zuschauern dabei Werbung für Bastelkleber oder besonders schicke Shorts unterjubeln. Warum schauen so viele Leute das und machen das Wirtschaftsmodell dadurch erst möglich? Ist es Langeweile? Neugier? Lust am Fremdschämen?

Warnung vor Pädophilie

Kinderschützer befürchten, dass nicht wenige aus kinderpornografischem Interesse zuschauen. Die Wasserschlacht in Badekleidung, das Zähneputzen im kurzen Nachthemdchen, das Knuddeln auf dem Sofa: Die meisten denken sich nichts dabei, andere schon. Die Kinder würden, sagt Thomas Krüger, Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes, „als Benutzeroberfläche für Pädophile relevant“.

Natürlich wollen die Eltern der Youtube-Stars das nicht. Sie wollen es auch nicht wahrhaben und vermutlich noch nicht einmal darüber nachdenken. Denn spätestens dann wäre der „große Spaß“ wohl endgültig vorbei.


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