Heute Abend im ARD-Programm Starker Stoff: Der Tatort „Friss oder stirb“ aus Luzern

Geiselnahme: Mike Liebknecht (Mišel Matičević) nimmt als "Rich Kid"  Leonie Seematter (Cecilia Steiner) als Geisel. Foto: ARD Degeto/ORF/Daniel WinklerGeiselnahme: Mike Liebknecht (Mišel Matičević) nimmt als "Rich Kid" Leonie Seematter (Cecilia Steiner) als Geisel. Foto: ARD Degeto/ORF/Daniel Winkler

Osnabrück. Der Tatort kommt heute Abend aus Luzern. Wie schon die letzte Schweizer Folge im August ist auch „Friss oder stirb“ ein außergewöhnlicher und sehenswerter Krimi. Und der drittletzte Fall für Stefan Gubser und Delia Mayer.

Es ist der letzte Tatort dieses Jahres und er kommt – woher auch sonst? – aus der Schweiz. Undankbar genug ist der Sendeplatz zwischen Weihnachten und Silvester allemal, aber an so etwas sind die Schweizer ja gewöhnt. Dabei liefern sie auch diesmal bessere Krimikost als sie uns zuletzt von deutschen und österreichischen Sendern vorgesetzt wurde.  (So schwach war der letzte Tatort)

Ein Mann in Bremerhaven (Mišel Matičević) ist arbeitslos geworden, weil ein Schweizer Unternehmer (Roland Koch) seinen Gewinn maximiert hat. Er ist 47, Familienvater, und nicht willens, das alles so hinzunehmen. Also fährt er nach Luzern, nimmt in der Prachtvilla des Unternehmers dessen Frau und Tochter als Geiseln und fordert als Lösegeld seinen Lohn für die nächsten 20 Jahre.  


Wird von Geiselnehmer Mike (Mišel Matičević) überrascht: Sofia Seematter (Katharina von Bock). Foto: ARD Degeto/ORF/Daniel Winkler


Der Firmenchef wiederum ist für die Polizei interessant, weil sein Maserati möglicherweise am Tatort in einen Unfall verwickelt war, als eine Professorin der Uni Luzern ermordet wurde. Als Reto Flückiger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Meyer) ihn befragen wollen, geraten sie völlig unvermittelt in die Geiselnahme – und werden selbst zu Geiseln.

Drehbuchautor Jan Cronauer hat eine starke Geschichte geschrieben – und Regisseur Andreas Senn aus diesem Drehbuch einen sehenswerten Krimi gemacht. Unaufgeregt und geschickt verknüpft er zwei Handlungsstränge miteinander, inszeniert im Haus der Geiseln ein dramatisches Kammerspiel, unterlegt seinen Film mit gut gewählter Musik und erspart uns Zuschauern die endlosen Dialoge und Erklärungen vieler anderer Tatorte.  


Die beiden Ermittler Liz Ritschard (Delia Mayer, 3. v. li.) und Reto Flückiger (Stefan Gubser, re.) geraten in die Geiselnahme. Der arbeitslose Mike Liebknecht (Mišel Matičević, 2. v. re.) hält Anton Seematter (Roland Koch, 2. v. re.) und dessen Tochter Leonie (Cecilia Steiner, li.) und Ehefrau Sofia (Katharina von Bock) in Schach. Foto: ARD Degeto/ORF/Daniel Winkler


Dieser Film hat viele Stärken – neben Drehbuch, Regie und Musik sollte man da auch die Darsteller nennen. Allen voran Mišel Matičević, der seinen Mike Liebknecht mit viel Gefühl für die Nuancen als einen Mann zwischen Frust bis auf die Knochen und Entschlossenheit bis aufs Blut angelegt hat. Kein Geiselnehmer, dem es nur ums Geld geht, sondern ein Familienvater, der seine Frau und Kinder auch weiter ernähren will. Der in der Millionärsvilla nach Pizza oder Ravioli fragt. Der genau ausgerechnet hat, wie viel Lösegeld ihm zusteht und verblüfft ist, dass der Unternehmer die Inflationsrate noch draufrechnet.

Dieser Unternehmer wird von einem Mann dargestellt, den viele Tatort-Fans noch in Erinnerung haben dürften: Als es mit dem Bodensee-Tatort so langsam zu Ende ging, stellte der Schweizer Schauspieler Roland Koch den Ermittler Matteo Lütti dar, der quasi als Partner von Klara Blum (Eva Mattes) auf der anderen Seite der Grenze ermittelte. Und ersetzte damit Reto Flückiger (Stefan Gubser), der kurz darauf im Tatort aus Luzern auftauchte.   (Roland Koch im Bodensee-Tatort)


Weiss sich zu wehren: Unternehmer Anton Seematter (Roland Koch). Foto: ARD Degeto/ORF/Daniel Winkler


Regisseur Andreas Senn, der zwar ein alter Tatort-Hase ist, aber zum ersten Mal eine Folge aus der Schweiz inszenierte, mochte die Story von Anfang an, wie er nach Senderangaben sagte: „Sie erzählt die Geschichte eines Arbeiters, der sein Recht auf Verlässlichkeit und Sicherheit einfordert, und zwar nicht vom Staat, sondern von seinem Arbeitgeber, der ihn zuvor wegrationalisiert hat.“

Das sei ein sehr einfacher politischer Ansatz, fast ein bisschen populistisch, meint Senn. „Aber dann dreht sich die Geschichte, Gut und Böse verwischen, Humor und Sarkasmus kommen dazu. Es gibt keine Botschaft oder Moral – außer, dass am Ende alle alles verlieren, wenn’s hart auf hart kommt.“   


Gefangen im Panik-Room: Leonie Seematter (Cecilia Steiner) und Reto Flückiger (Stefan Gubser) werden von Mike (Mišel Matičević) bedroht. Foto: ARD Degeto/ORF/Daniel Winkler


Erst Anfang August hatte uns das Schweizer Fernsehen mit dem One-Shot-Krimi „Die Musik stirbt zuletzt“ einen äußerst sehenswerten Tatort gezeigt, an den „Friss oder stirb“ nun nahtlos anknüpft. So langsam kann man es richtig bedauern, dass es nur noch zwei Folgen geben wird und Ende 2019 dann Schluss ist mit dem Tatort aus Luzern.  

(So stark war "Die Musik stirbt zuletzt")

Tatort: Friss oder stirb. Das Erste, Sonntag, 30. Dezember 2018, 20.15 Uhr.

Wertung: 5 von 6 Sternen


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