Preisgekrönter Journalist entlassen Eklat beim "Spiegel": Redakteur erfand Zitate und manipulierte Artikel

Der "Spiegel"-Verlag hat einen Betrüger in eigenen Reihen ausgemacht. Symbolfoto: imago/SteinachDer "Spiegel"-Verlag hat einen Betrüger in eigenen Reihen ausgemacht. Symbolfoto: imago/Steinach

Hamburg. Das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" hat einen Betrugsfall in der eigenen Redaktion aufgedeckt: Der renommierte Reporter Claas Relotius soll zugegeben haben, über Jahre hinweg Artikel manipuliert und Zitate erfunden zu haben.

Der mehrfach ausgezeichnete "Spiegel"-Redakteur Claas Relotius soll im großen Stil Artikel gefälscht und Fakten verzerrt haben. Das berichtet das Magazin "Der Spiegel". Demnach sei der Betrugsfall im eigenen Haus nach internen Hinweisen aufgeflogen. Relotius soll den Betrug gestanden haben und arbeite künftig nicht mehr für das Magazin, teilte der "Spiegel" am Mittwoch mit. 

Für seine Reportage über einen syrischen Flüchtlingsjungen hatte Relotius vor wenigen Tagen den Deutschen Reporterpreis 2018 erhalten. "Vieles darin ist wohl erdacht, erfunden, gelogen", heißt es jetzt auf "Spiegel Online" über den Artikel. Der 33-Jährige habe absichtlich und "mit hoher krimineller Energie" ganze Textpassagen seiner Reportagen erfunden und sich Dialoge ausgedacht. "Zitate, Orte, Szenen, vermeintliche Menschen aus Fleisch und Blut. Fake."

Mindestens 14 Texte verfälscht

Relotius schrieb auch für andere Medien, wie "Cicero", "taz", "Welt" und "Zeit Online". Beim "Spiegel" begann er als freier Mitarbeiter und war seit eineinhalb Jahren als Redakteur fest angestellt. Rund 60 seiner Texte sind seitdem in der gedruckten Fassung oder online erschienen, in mindestens 14 davon habe er Teile gefälscht, berichtet der "Spiegel". 

Darunter seien auch drei große Geschichten, die für Journalistenpreise nominiert waren: "Die letzte Zeugin" über eine Amerikanerin, die angeblich als Zeugin zu Hinrichtungen fährt , "Löwenjungen" über zwei irakische Kinder, die vom IS verschleppt und umerzogen worden sein sollen und "Nummer 440" über einen vermeintlichen Gefangenen in Guantanamo.

Der Journalist Claas Relotius bekam den CNN Award 2014 in der Kategorie" Print". Foto: dpa/Ursula Düren


Relotius war 2014 zum CNN-"Journalist of the Year" gekürt, er wurde geehrt mit dem Reemtsma Liberty Award, dem European Press Prize und in der Forbes-Liste der "30 under 30 – Europe: Media" genannt. "Man fragt sich, wie er die Elogen der Laudatoren ertragen konnte, ohne vor Scham aus dem Saal zu laufen", schreibt der "Spiegel" nun.

Das Medienunternehmen kündigte an, Arbeitsabläufe, Dokumentationspflichten und organisatorische Rahmenbedingungen im Haus zu überprüfen, um "die Verlässlichkeit von Recherche und Verifikation zu erneuern" und das Vertrauen in die Arbeit der Redaktion wiederherzustellen. In die Aufklärung sollen demnach auch externe Personen eingebunden werden.

Empörung in der Medienbranche

Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) reagierte mit Betroffenheit auf den Betrugsfall. "Der vermeintliche Reporter hat nicht nur dem 'Spiegel' großen Schaden zugefügt, sondern die Glaubwürdigkeit des Journalismus in den Dreck gezogen", sagte DJV-Vorsitzender Frank Überall am Mittwoch laut Mitteilung. Dem Journalisten habe offensichtlich jegliches Verantwortungsgefühl für sein Blatt und die Leser gefehlt.

Der Deutsche Reporterpreis teilte mit: "Wir sind entsetzt und wütend über die geradezu kriminelle Energie", mit der der ehemalige "Spiegel"-Redakteur auch die Organisatoren des Preises sowie die Juroren, die ihm diese Auszeichnung verliehen hätten, getäuscht habe. Die Jury berate nun über eine Aberkennung. 

Der medienpolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Thomas Hacker, erklärte, der Fall zeige bedauerlicherweise, wie anfällig Journalismus für Fake Storys und News sein könne.

(Mit dpa)


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