zuletzt aktualisiert vor

Heute Abend im ARD-Programm „Tatorte“: So stark verlässt Matthias Brandt den Polizeiruf 110

Meine Nachrichten

Um das Thema Medien Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Ein Anruf bei seiner Verflossenen interessiert Hanns von Meuffels mehr als die Unterstützung seiner jungen Kollegin. Wenig später passiert Schreckliches. Foto: BR/Claussen & Putz Filmproduktion GmbH/Christian SchulzEin Anruf bei seiner Verflossenen interessiert Hanns von Meuffels mehr als die Unterstützung seiner jungen Kollegin. Wenig später passiert Schreckliches. Foto: BR/Claussen & Putz Filmproduktion GmbH/Christian Schulz

Osnabrück. Für den Polizeiruf 110 aus München war Matthias Brandt ein Glücksfall. Heute Abend gibt er mit der Folge „Tatorte“ seinen Ausstand als feinsinniger Ermittler Hanns von Meuffels. Ein denkwürdiger Abschied.

Normalerweise kann ein Fernsehkommissar so nicht heißen. Normalerweise hören sie auf Namen, die keine Rückfragen erlauben. Aber nicht Hanns (mit zwei n statt einem) von (und nicht van) Meuffels (mit zwei ff und einem l bitteschön). Hanns von Meuffels – und so einer ausgerechnet in München, wo öffentlich-rechtlich bestellte TV-Ermittler doch eigentlich Veigl, Riedmüller, Leitmayr oder Tauber heißen?  (So stark war der letzte Polizeiruf mit Matthias Brandt)

Cornelia Ackers hat es gewagt. Mit Matthias Brandt hatte die zuständige Redakteurin des Bayerischen Rundfunks (BR) vor acht Jahren ihren Wunschkandidaten für die nach dem Ausscheiden des grandiosen Edgar Selge und dem frühen Krebstod von dessen Nachfolger Jörg Hube vakante Stelle des Polizeiruf-Kommissars gefunden. Und dem gab sie eine ganz persönliche Note: Den (Nach-)Namen einer verstorbenen Verwandten.  


Constanze Hermann (Barbara Auer) besucht Hanns von Meuffels (Matthias Brandt, nicht im Bild) in dessen Wohnung, aus der sie ausgezogen ist. Foto: BR/Claussen & Putz Filmproduktion GmbH/Christian Schulz


Sie wollte einen Ermittler, der anders war als die anderen: „Einen Kommissar, der nicht mit bissigem Ehrgeiz Verbrecher jagt und dabei aggressiv Wände einreißt, sondern der sich in die Seelen der Täter versetzt, zuhört, begleitet und somit der Wahrheit als Kavalier die Türen aufhält.“ Was passte da besser als „ein Gentleman unter den Ermittlern, ein Adliger ohne Land,“ wie die FAZ ihn einmal beschrieb. Einer, der zwar auf Manieren Wert legt, nicht aber auf das „von“ vor dem Meuffels.

Die Mitbringsel von Matthias Brandt für die Rolle waren außergewöhnlich: So teilte der Kommissar die Vorliebe des Schauspielers für Oldtimer und elegante Schuhe. Und Brandts Liebe zu Werder Bremen schlug sich in einem Autokennzeichen nieder. Der Verein schenkte ihm daraufhin ein Werder-Trikot mit dem Namenszug „Von Meuffels“ auf dem Rücken. Im Gespräch mit unserer Redaktion sagte der Schauspieler mal: „Von Meuffels ist eine Figur, die mir sehr nah ist.“  (Hier gibt es das ausführliche Interview mit Matthias Brandt)


Die neue Assistentin Nadja (Maryam Zaree) sieht in von Meuffels (Matthias Brandt) ein Vorbild. Foto: BR/Claussen & Putz Filmproduktion GmbH/Christian Schulz


Zu nah aber sollte sie ihm doch nicht kommen, das wollte er nicht. Zu seinem Abschied sagt Brandt, er wolle sich anderen Dingen zuwenden – „bevor die Gewöhnung zu groß und es womöglich noch gemütlich wird, denn das wollte ich immer vermeiden“. 80 Fälle, wie sie die Münchner Tatort-Kollegen Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Batic (Miroslav Nemec) mittlerweile auf dem Buckel haben, scheinen ihm ein Graus.

Und doch werden ihm nun Kränze geflochten, als ginge mit von Meuffels nach gerade mal 15 Episoden eine der letzten Institutionen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Kein Wunder: Matthias Brandt hat mit Hanns von Meuffels eine in jeder Hinsicht ungewöhnliche Ermittlerfigur angelegt. Er paarte in ihr einen Hauch von aristokratischer Blasiertheit mit dem Instinkt eines „Bullen“, nordische Coolness mit aufbrausendem Gerechtigkeitssinn, nonchalante Lebensfreude mit zunehmender Melancholie.  


Nicht mehr auf dem Höhepunkt seiner Kraft: Kriminalhauptkommissar Hanns von Meuffels (Matthias Brandt). Foto: BR/Claussen & Putz Filmproduktion GmbH/Christian Schulz


Einen stimmigeren Abschluss als „Tatorte“ hätte er sich nicht vorstellen können, sagt Brandt dem BR zufolge: „Christian Petzold hat wieder ein bestechendes Drehbuch geschrieben und so inszeniert, wie eben nur er es kann.“ Der Autor und Regisseur inszeniert ihn in seinem letzten Polizeiruf als einen Polizisten, den die Kraft verlässt. Aber, so Petzold: „Noch einmal wird er sich aufraffen. Noch einmal wird er kämpfen.“

Tatsächlich wirkt von Meuffels bei seinem letzten Auftritt traurig, ausgebrannt, schroff und abweisend. Wie ein Mann, dem die späte große Liebe davongelaufen ist. Genau das ist ihm passiert. Seine Kollegin Constanze Hermann (Barbara Auer) ist aus der gemeinsamen Wohnung in München ausgezogen, arbeitet mittlerweile als Ausbilderin beim LKA in Nürnberg und inszeniert dort Tatorte für Polizeischüler. Daher also der Titel.  


Constanze Hermann (Barbara Auer) während einer Ausbildungstunde an einem inszenierten Tatort, wo sie von Hanns von Meuffels (Matthias Brandt) besucht wird. Foto: BR/Claussen & Putz Filmproduktion GmbH/Christian Schulz


Von Meuffels hört im Autoradio „Melancholia“, zieht sich zurück ans Bügelbrett, kann für seine neue Assistentin (Maryam Zadee) nicht der vorbildliche Ermittler sein, den sie so gern in ihm sehen würde. Und er hat Probleme, sich auf den Fall zu konzentrieren: Eine Frau ist vor den Augen ihrer siebenjährigen Tochter auf dem Gelände eines Autokinos mit mehreren Schüssen regelrecht hingerichtet worden.

Christian Petzold inszeniert von Meuffels als einen gebrochenen Helden, als einen Mann, aus dem Kraft weicht, der sich gegen die Verzweiflung stemmt, ihr aber immer wieder unterliegt. Wie immer in seinen Filmen ist er dabei ganz nah an den Figuren. Bis es weh tut.  


Hanns von Meuffels (Matthias Brandt) trifft zufällig seine emalige Kollegin Anna Burnhauser (Anna Maria Sturm) in einem Park. Foto: BR/Claussen & Putz Filmproduktion GmbH/Christian Schulz


Keine der 15 Polizeiruf-Folgen mit Matthias Brandt war gewöhnlich, das gilt auch für die letzte. Es gab ein paar sonderbare, etliche gute, einige herausragende. „Tatorte“ gehört in die letztere Kategorie. Ein bewegender Abgang.  (Verena Altenberger wird Matthias Brandts Nachfolgerin)


Polizeiruf 110: Tatorte. Das Erste, Sonntag, 16. Dezember 2018, 20.15 Uhr.

Wertung: 6 von 6 Sternen


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN