„Bleibe mindestens noch 30 Jahre“ Udo Lindenberg über das Alter, die Dietrich und Hüftgröße 28

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Hat noch sehr viel vor: Udo Lindenberg. Foto: Tine AckeHat noch sehr viel vor: Udo Lindenberg. Foto: Tine Acke

Hamburg. Vieraugengespräche mit Udo Lindenberg liefern immer besondere Momente. Mal lässt er seinen Hut gekonnt auf der Stirn tanzen. Mal fühlt man sich wie in einer Plauderei unter Geheimagenten. Und mal steht er zwischendurch auf, um tänzerisch zu zeigen, wie ein richtiger Lindenberg-Move funktioniert. Zwischendurch reden wir in seiner „Hotel-Residenz“ in Hamburg über das Alter, das Leben danach und über einen Ratschlag von Marlene Dietrich.

Udo, gerade erst vor wenigen Tagen sollte ich einigen Grundschülern erklären, wer denn eigentlich Udo Lindenberg ist. Welche Beschreibung hätten Sie gegeben?

(denkt länger nach) Ich bin zeitlos – und in allen Zeiten zu Hause. Meine Seele ist eine Art Rutschbahn. Ein schönes Geschenk, dass ich das kann und in keiner Zeit hängen geblieben bin. Ich bin sozusagen der Erfinder der höchsten Coolness, der geile Musik mit guten Inhalten macht.

Fühlen Sie sich eigentlich wie ein 72-Jähriger?

Nein. Das ist eine andere Generation für mich.

Und wie ist Ihr gefühltes Alter?

Ich sage ja, ich bin zeitlos und im Club der Hundertjährigen. Die Leute wollen von mir doch noch lange ihren Stoff haben, die Panik, ihr Udopium. Viele sind schon vorgeflogen – David Bowie, Lou Reed. Ich bleibe noch mindestens 30 Jahre.

Glauben Sie denn daran, dass Sie irgendwann David Bowie und Lou Reed wiedersehen?

Ich glaube das – aber natürlich auch, weil ich daran glauben möchte. Das ist doch viel schöner und beruhigender. Es ist eine schöne Vorstellung, irgendwann mal wieder meine Eltern, meinen Bruder Erich und weitere Freunde wiederzusehen. Manchmal nehme ich auch Zeichen und Lichtergrüße aus den Wolken mit Tränen in den Augen wahr. Ich spüre diese Metaphysik.

Machen Sie sich Gedanken über den Tod oder gar über Ihre Trauerfeier?

Ja, ich mache mir viele Gedanken, aber nicht über meine Trauerfeier. Das ist zu weit weg. Ich bin ja auch ein Freund der Basisdemokratie – das sollen die Leute dann entscheiden. Im Übrigen vergehen bis dahin ja noch mindestens 30 Jahre.

Das hoffen wir alle mal. Im Moment sind Sie wieder überall präsent. Neues Buch, neue CD, das Leben wird verfilmt. Aber man sieht Sie nicht in Talkshows.

Nee, mache ich nicht.

Aber gerade in politischen Talkshows wären Ihre Ansichten vielleicht gar nicht so uninteressant.

Okay, das könnte man ja mal erwägen. Aber diese Boulevard-Talkshows? Nein. Das hat mir damals Marlene Dietrich persönlich auch so empfohlen.

Die große Marlene Dietrich?

Ja. Sie hat damals Folgendes formuliert: Das Kapital des Langzeit-Stars ist die geheimnisvolle Aura, die ihn umgibt. Also: nicht alles preisgeben. Ich habe auch Geheimnisse, ich will nicht alles aus meinem ganz privaten Leben erzählen. Und in diesen Talkshows besteht die Gefahr, dass immer wieder nachgefasst wird. Aber ansonsten bin ich ja als Schnackeldischnack-Fredi mit meinen Meinungen und politischen Statements gut am Markt vertreten. Auch mit meinen Songs: Ich habe schon vor 20 Jahren über die „neuen Nazi-Schweine“ gesungen.

Vor 20 Jahren. Es ist doch bezeichnend, dass nach 20 Jahren diese Themen immer wieder aktuell sind, oder?

Ja, vielleicht. Aber wir müssen auch nicht so hysterisch darauf reagieren und uns verrückt machen lassen, als wäre jetzt unsere Kultur gefährdet. Wir haben hier eine sehr kulturelle Vielfalt – und dürfen die Menschen in ihrer Unsicherheit und Desinformation nicht alleinelassen. Im Vakuum der Uninformiertheit entwickeln sich die Tiefen der Ur-Ressentiments gegen manche Menschen.

Zurück zur Musik. Jetzt erscheint schon Ihr zweites „MTV unplugged“-Album. Manche Künstler träumen bis zum Lebensende davon, überhaupt ein Album aus dieser Reihe aufnehmen zu dürfen.

Ja, Wahnsinn. Und jetzt sind alte Perlen als Songs dabei, die neu gesungen werden. Das hat mich sehr gereizt, weil diese Lieder es nicht verdient haben, in einer Geschichtskiste vor sich hin zu stauben.

Und Sie performen diese Perlen mit Kollegen wie Marteria, Andreas Bourani, Gentleman – und sogar mit Maria Furtwängler. Wie kam dieses Duett denn zustande?

Über das Hotel hier. Ich habe sie getroffen, als sie mit ihrer Mutter und ihrer Schwester zu einem Maskenball gehen wollte. Maria hatte noch kein Kostüm. Da habe ich ihr geraten, ins Udo-Kostüm zu schlüpfen: Hut, Jacke, Gürtel, enge Hose, grüne Socken. Das fand sie geil – und dann ist sie als Udo zur Party gegangen. In dem Outfit hat man gleich einen anderen Groove, man schleicht regelrecht. Wir sind ins Gespräch gekommen, ob wir nicht auch zusammen einen Song aufnehmen sollten. Sie hatte bis dahin nur unter der Dusche geträllert, ich habe sie ein bisschen gecoacht – und dann haben wir zusammen den Song „Bist du vom KGB?“ gesungen. Geil. Das passte. Wir haben ja auch beide Hüftgröße 28. Mick Jagger übrigens auch. Früher hatte ich auch schon 38 und sah aus wie ein Walross.

Sie machen mittlerweile ja auch viel für Ihre Gesundheit.

Ja. Drei Monate vor einer Tour bin ich jede Nacht unterwegs und jogge. Ansonsten habe ich mein Rudergerät. Ich mache auch EMS. Bekannt?

Nein.

Muskelaufbau mit Strom. Das macht mich topfit.

Zwischendurch lassen Sie es aber auch noch krachen, oder?

Ja, aber kontrolliert. Das konnte ich früher nicht, da war ich der Exzessor. Damals bin ich in die Kneipe gegangen und habe gefragt, was denn noch wegmuss.

Gilt denn beim Songschreiben immer noch Ihr Motto „Breit geschrieben, nüchtern gegengelesen“?

Ein bisschen. Neben dem Alkohol gibt es ja noch ein paar andere fernöstliche Nettigkeiten. Ein Schlückchen Absinth geht auch zwischendurch.

Kommen wir noch mal zum Udo-Outfit. Hut und grüne Socken sind mittlerweile Ihr Markenzeichen. Die Werbewirtschaft wird doch bestimmt Schlange stehen.

Die fragen dauernd an. Aber das mache ich nicht. Diesen Kommerz lehne ich ab. Außer wenn es um Autos geht. Ich bin ja Porsche-Markenbotschafter.

Bei Porsche geht Ihnen das Herz auf?

Ja. Im Moment habe ich einen Hybrid-Porsche. Nachts fahre ich über die Autobahn, dazu geile Musik. Und es geht ab.

Apropos geile Musik: An was haben Sie eigentlich gedacht, als Sie Ihren neuen Song „Wir ziehen in den Frieden“ entwickelt haben?

Das ging über Monate. Nächstes Jahr liegt das legendäre Woodstock-Festival 50 Jahre zurück. Love an peace – das hatte ich im Kopf. Genauso John Lennons „Give peace a chance“. Meine alte Hippie-Zeit kam wieder hoch. Bei der Entwicklung des Liedes habe ich für einen Moment gedacht, dass es vielleicht ein bisschen naiv ist. Aber dann war mir klar: Es ist ein utopisches Lied. Wir brauchen Utopien, Visionen.

Wie stellen Sie sich Ihren musikalischen Lebensabend vor?

Meinen Lebensabend stelle ich mir gar nicht konkret vor. Ich bin Hobbyist und Gambler und habe nichts mehr zu verlieren. Viele große Aufgaben warten noch auf mich, unter anderem möchteich gerne meine Texte auf Robert-Schumann-Lieder singen. Jetzt bin ich in der Kür, im Partybereich. Ich sagte eingangs ja schon: Ich bin im Club der Hundertjährigen. Und wenn ich 100 bin, hat die Medizin schon wieder ein lebensverlängerndes Medikament erfunden, dann wird noch einmal verlängert. Ich strebe eigentlich die Unsterblichkeit an.

Lassen Sie uns abschließend noch eine wichtige und immer wieder gestellte Frage klären: Wer nuschelt mehr – Herbert Grönemeyer oder Sie?

Ich glaube, Herbert. Meine Worte kann man absolut einwandfrei verstehen. Bei ihm muss man schon genauer hinhören.


Udo Lindenberg wird am 17. Mai 1946 in Gronau geboren – als Sohn eines Installateurs und einer Hausfrau. Zu den Lindenbergs gehören noch Udos älterer Bruder Erich und die beiden jüngeren Zwillingsschwestern Erika und Inge. „Klein Udo“ hat als Schlagzeuger schon früh den Rhythmus im Blut und holt als Jugendlicher schon erste Preise. Nach einer Kellnerlehre in Düsseldorf spielt sich Lindenberg mit Alben wie „Alles klar auf der Andrea Doria“ oder „Ball pompös“ in die Herzen des deutschen Rockpublikums. Lindenbergs Texte sind auch politisch – gegen Homophobie, Duckmäusertum, für Frieden, Abrüstung oder Klimaschutz. Sein Song „Sonderzug nach Pankow“ wird zum Evergreen. Lindenbergs Leben gerät zwischendurch aus den Fugen – Herzinfarkt, Alkoholprobleme. Die Plattenfirmen wollen nichts mehr mit ihm zu tun haben. Doch er kommt zurück, 2008 feiert er mit dem Album „Stark wie Zwei“ ein beeindruckendes Comeback – und ist musikalisch stärker denn je. Er ist wieder Kult und füllt die Arenen und Stadien dieser Republik. Lindenberg lebt seit Jahren im Hamburger Hotel „Atlantic“ und ist liiert mit der Fotografin Tine Acke.

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