Aufgehübschte Verfassung Zum 70. Geburtstag in den Kiosk: Das Grundgesetz gibt´s für 10 Euro als Heft

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Die Magazinmacher Andreas Volleritsch und Oliver Wurm. Foto: Lars KrügerDie Magazinmacher Andreas Volleritsch und Oliver Wurm. Foto: Lars Krüger

Osnabrück. Am 23. Mai 1949 wurde das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland verkündet, im kommenden Frühjahr wird es also 70. Der Hamburger Journalist Oliver Wurm hat es nun als Magazin auf den Markt gebracht. Das Heft versteht er als Hommage an einen starken Text - und als Werbung für einen liberalen und rationalen Patriotismus.

Das Grundgesetz kann, so viel mal vorweg, für 0 Euro bei der Bundeszentrale für politische Bildung (BPB) erworben werden. Zudem steht der komplette Text auch im Internet. Das vom Journalisten Oliver Wurm und dem Grafiker Andreas Volleritsch gestaltete Heft hingegen kostet einen Zehner. Wer den aber investiert, bekommt ein edel gestaltetes Magazin, das in Sachen Optik und Leserfreundlichkeit fraglos ein paar Ligen über der BPB-Editon und dem Web-Text spielt. 

Im Mittelpunkt steht hier wie dort ein Gesetzestext, der durch seine klare Sprache besticht, durch auf den Punkt gebrachte Formulierungen und durch einen ganz eigenen, nüchternen Pathos - diese Ansicht vertritt zumindest Wurm. Und tatsächlich, beim Durchblättern des Heftes bleibt das Auge immer wieder mal an Passagen hängen, die  - so scheint es - von der ruhigen Entschlossenheit durchzogen sind, in Deutschland unverrückbare demokratische Strukturen zu schaffen. (Weiterlesen: Länderfront gegen Grundgesetzänderung)

Die Würde des Menschen im Mittelpunkt: Das Grundgesetz als Magazin. Foto: Markus Pöhlking


Aushebelung der Demokratie "praktisch unmöglich"

Die typografische Gestaltung des Heftes tut ein Übriges, sie dient dem Blick Passagen an wie "Die Freiheit der Person ist unverletzlich", "Eine Zensur findet nicht statt" und "Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus". Das klingt heute selbstverständlicher, als es wohl 1949 war.  Die zeitgenössischen Hintergründe des Grundgesetzes, findet Wurm, seien ein Quell, aus dem sich die Stärke des Textes speise. 

Er entsteht zu einer Zeit, als Deutschland gerade einen Völkermord verursacht und einen Weltkrieg angezettelt und verloren hat und nun in Besatzungszonen unterteilt ist. "Und vor diesem Hintergrund entsteht dann ein Gesetzeswerk, das demokratische Freiheiten festschreibt und deren Aushebelung praktisch unmöglich macht", sagt Wurm, den die Lektüre des Grundgesetzes zum Fan gemacht hat. (Weiterlesen: Hessen schafft Todesstrafe ab)

Der Ausgangspunkt dieser Fanwerdung liegt im Oktober 2017. Wurm saß gerade vorm Fernseher, als der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar bei Markus Lanz das Grundgesetz als "sensationellen" Text lobte. In Wurm, der zuvor auch schon mal das Neue Testament als Heft auf den Markt gebracht hatte, keimte eine neue Geschäftsidee: Zum 70. Geburtstag würde sich das Grundgesetz als Magazin sicher gut in den Kiosken des Landes machen. 

Eine Relevanz über das Geldverdienen hinaus 

Seitdem ist der merkantile Antrieb einer Art missionarischem Eifer gewichen, erklärt Wurm - auch deswegen, weil die im Grundgesetz festgeschrieben Werte unter Druck geraten. "Nach den Vorfällen in Chemnitz im Sommer war ich dort auf dem 'Wir-sind-mehr-Konzert' und irgendwo hing dieses große Plakat mit der Aussage: 'Die Würde des Menschen ist antastbar - Artikel 1 (1) Grundgesetz, Stand 27. August 2018'. Das hat mir einmal mehr verdeutlicht, das unser Projekt eigentlich eine Relevanz hat, die weit über das bloße Geldverdienen hinausgehen muss." (Weiterlesen: Behörden erfassen immer mehr "Reichsbürger")

Staatsbürgerliche Grundlagen: Durch die Gestaltung des Heftes bleibt der Blick immer wieder an bestimmten Stellen haften. Foto: Markus Pöhlking



Wurm und Volleritsch zogen den Erscheinungstermin ihres Heftes daraufhin vor. Mit 70 Partnern aus der Wirtschaft und aus Gewerkschaften, mit Stiftungen, Vereinen und religiösen Verbänden gingen die Heftemachter eine Art Sponsoring ein: Jeder der Partner nahm für den symbolischen Preis von 1949 Euro eine bestimmte Anzahl der Hefte ab, wodurch das Projekt weitgehend finanziert war. "Mittlerweile will ich damit neben der Kostendeckung kein weiterres Geld mehr verdienen, sondern vor allem Leute dazu bringen, sich mit dem Grundgesetz auseinanderzusetzen", sagt Wurm und wünscht sich: "Es wäre schön, wenn in Zeiten von rechtslastigen Heimatdiskursen das Grundgesetz einen liberalen und aufgeklärten Blick auf Begriffe wie Nation und Staat ermöglichen würde."

Hochwertige Aufmachung 

Neben dem Gesetzestext enthält das Heft Aufnahmen von Deutschland, die der deutsche Astronaut Alexander Gerst aus dem All gemacht hat. Dazu kommt ein kurzer Schlussteil, der verschiedene Kennzahlen der Bundesrepublik sowie die historische Entwicklung Deutschlands in kleinen Grafiken darstellt. Das hinsichtlich seiner Gestaltung und Bindung durchaus hochwertige Magazin ist Ende November mit einer Startauflage von 100.000 auf den Markt gekommen. Laut Wurm verkauft es sich erstaunlich gut, die zweite Auflage sei bereits in Planung. "Und wer jetzt sagt, der Wurm spinnt, weil er zehn Euro für das Grundgesetz haben will, obwohl es das doch umsonst gibt", sagt Wurm, "der soll es sich halt umsonst holen. Hauptsache, er holt es sich." 


Das Heft

"Das Grundgesetz als Magazin", Verlag Wurm & Volleritsch, 10 Euro. Erhältlich an vielen Kiosken oder unter www.dasgrundgesetz.de 

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