NDR-Talk Geschichte eines Abends Charlotte Roche beklagt den allgemeinen Shitstorm-Detektor

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Die Geschichte eines Abends: Charlotte Roche und ihre Gäste. Foto: Nils Altland/NDRDie Geschichte eines Abends: Charlotte Roche und ihre Gäste. Foto: Nils Altland/NDR

Berlin. Vor dem NDR-Talk „Die Geschichte eines Abends“ erklärt Charlotte Roche Funktion und Risiken des „Shitstorm-Detektors“.

Ein Talk mit Promis, die keine CD bewerben und nicht wissen, was sie erwartet: Mit diesem Konzept wurde die NDR-Show „Die Geschichte eines Abends“ 2015 für den Grimme-Preis nominiert. Für zwei neue Folgen übernehmen Charlotte Roche und Lars Eidinger die Rolle des Gastgebers. Roche ist als Erste dran, und damit der Gedanke an einen konventionellen Talk gar nicht aufkommt, hat sie ihre Runde –Grünen-Chefin Annalena Baerbock, Sportler Tim Wiese sowie die Schauspieler Christine Neubauer und Robert Stadlober – in eine Waldhütte gelockt und erstmal Fische ausnehmen lassen. 

Mit dem Fischmesser ins Interview

„Wir gehen nachts durch den Wald, damit die Gäste sich vielleicht ins Hemd machen und von mir beschützt werden wollen“, sagt Roche dazu. „Wir bereiten gemeinsam ein Essen zu, das verbindet. Fische auszunehmen, macht schon optisch viel her. Es ist auch eine gute Mutprobe. Für mich natürlich nicht, ich bin Anglerin.“ Dass die Küchenmesser ablenken, befürchtet die 40-Jährige nicht. Im Gegenteil: „Wenn man nebenher was tut und die Konzentration auf was anderes lenkt, dann ist man gleich viel mehr man selbst. In einer normalen Interview-Situation passt jeder auf, was er sagt“, erklärt sie – und lässt durchblicken, dass sie unser Telefongespräch gerade für ein Bauchmuskeltraining nutzt.

NDR-Talk ohne Reklame für die neue CD

Was Roche verhindern will, ist das klassische Talk-Korsett: „Normalerweise haben Gäste in einer Talkshow ihre zehn Minuten, in denen sie abliefern, was sie sich vorher überlegt haben. Wenn man als Gast daneben sitzt und sich auch für die anderen interessiert, traut man sich kaum, dazwischenzufragen – damit man dem Moderator nicht seinen Plan kaputtmacht oder den anderen Redezeit klaut, in der sie Werbung für ihre CD machen wollen.“ Bei ihr darf jeder reinreden. Roche greift nicht mal ein, wenn ihre Gäste sich nichts zu sagen haben. Ihre Aufgabe beschreibt sie so: „Manchmal einfach gar nichts tun und aushalten. Wenn sich vier Leute anschweigen, darf ich den peinlichen Moment nicht zerstören. Es sagt viel aus, wer sich dann traut, den ersten Satz zu sagen.“

Promis mit eingebautem Shitstorm-Detektor

Dass bei der „Geschichte eines Abends“ nichts beworben wird, machte das Format zur Herausforderung; ganz einfach weil, so Roche, keiner in die Öffentlichkeit geht, der nichts verkaufen will. „Wir haben eine lange Liste abgearbeitet und sehr viele Absagen bekommen.“ Dazu kommt das soziale Klima: „Was ich beobachte, ist eine Kultur der extremen Aufregung“, sagt Roche. „Gesprächspartner haben mittlerweile einen eingebauten Shitstorm-Detektor. Die Künstler, das Management – alle denken den Shitstorm mit. Wenn jemand überhaupt noch was politisch Unkorrektes sagt, gehört die wahnsinnige Aufregung automatisch dazu.“

Mit dem absichtsvollen Kontrollverlust stellt der NDR-Talk dabei ein besonderes Risiko dar. Hier weiß nicht mal die Moderatorin, was passiert. „Mach!“ war ihr einziger Auftrag: „So was habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht erlebt, dass Fernsehleute nur sagen: Charlotte, mach! Du bist der Gastgeber; tu einfach, was du darunter verstehst. Bereite dich vor oder nicht. Koch was, hör Musik, geh wandern oder lass es bleiben.“ Das Werbeverbot ausgenommen, erinnert sie sich nur an eine Regel: Die Raucher mussten auf E-Zigaretten umsteigen, wegen der Waldbrandgefahr. „Ich habe nicht mal gemerkt, wann die Aufzeichnung anfing. Niemand hat ‘3, 2, 1, los‘ gesagt. Ich saß beim Schminken, irgendwann waren alle Leute weg – und da lief es schon.“

Immer nachschenken: Charlotte Roches geheimer Geheimtrick

Warum haben sich ihre Gäste auf den Talk eingelassen, bei dem auch noch unaufgefordert der Alkohol nachgeschenkt wird? „Ich glaube, es gibt ein Bedürfnis, sich mal fernab von seiner Rolle zu zeigen. Auch wenn ich nicht so naiv bin, zu glauben, wir sehen jetzt das wahre Gesicht unserer Gäste. Vielleicht spielen sie einfach nur mal eine andere Rolle“, sagt Roche. Und waren hinterer alle zufrieden? Roche: „Ja. Na, ja. Christine Neubauer war wohl nicht so ganz klar, wie viel Zeit wir da einplanen. Sie hatte wohl noch was anderes vor und musste einmal an ihr Handy und ihrem Mann oder Freund erklären, dass das alles noch länger dauert.“ Roche hat es nicht genau verstanden. „Gesagt hat sie wohl in etwa: Ich weiß nicht, was das hier alles soll, wir laufen im Wald rum, und es nimmt einfach kein Ende.“

Sendetermine und Gäste: Das NDR Fernsehen zeigt „Die Geschichte eines Abends“ in der Nacht zum 1. Dezember ab 0.15 Uhr (Gastgeberin: Charlotte Roche) und in der Nacht zum 8. Dezember um 0 Uhr (Gastgeber: Lars Eidinger). Die Gäste der ersten Folge sind: die Filmstars Robert Stadlober und Christine Neubauer, Ex-Torwart Tim Wiese und Grünen-Chefin Annalena Baerbock, die der zweiten Model Sophia Thomalla, Juso-Chef Kevin Kühnert, Schlagersängerin Stefanie Hertel, Herzchirurg Michael Hübler und der Popsänger Drangsal. 

Hier geht es zum Wortlaut des Interviews.

Die Geschichte eines Abends - Trailer from NDR Dokumentation & Reportage on Vimeo.



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