NDR-Talk: Geschichte eines Abends Charlotte Roche ist stark wie Tim Wiese und kann es beweisen

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Personenraten mit Promi-Gästen: Charlotte Roche in einer Szene ihres Anarcho-Talks „Die Geschichte eines Abends“. Foto: Nils Altland/NDRPersonenraten mit Promi-Gästen: Charlotte Roche in einer Szene ihres Anarcho-Talks „Die Geschichte eines Abends“. Foto: Nils Altland/NDR

Berlin. Kann man in der Shitstorm-Ära noch Interviews führen? Charlotte Roche schnauft und erklärt ihren neuen NDR-Talk.

Ein Talk mit Promis, die keine CD bewerben und nicht wissen, was sie erwartet: Das ist das Konzept der NDR-Show „Die Geschichte eines Abends“. Bevor Charlotte Roche als Gastgeberin einer der zwei neuen Folgen zu sehen ist, beantwortet sie selbst knallharte Fragen – zu Interviews unter Alkoholeinfluss, der gesprächsfördernden Wirkung toter Fische und dem Zeitalter des eingebauten Shitstorm-Detektors.


Frau Roche, wir haben schon ein paar Mal miteinander gesprochen … 

… und können uns weiterhin gern duzen. Danke schön!

Prima. Dein neues Gesprächsformat hat noch niemand gesehen. Der Gedanke scheint aber zu sein, eine Situation herzustellen, die konventionelle Fragen verhindert.

Genau. Das ist auch der Grund, warum ich es unbedingt machen wollte. Weil Talkshows sonst so ein enges Korsett bedeuten, und ich es liebe, wenn ich mich da nicht reinquetschen muss.

In diesem Fall quetschst du dich mit Christine Neubauer, Tim Wiese, Annalena Baerbock und Robert Stadlober in eine Waldhütte und nimmst Fische aus. Wieso dieses Setting?

Das hat mit einer meiner SZ-Kolumnen zu tun. Da habe ich erklärt, wieso ich es in der Stadt nicht mehr aushalte. Warum ich mich nicht weiter mit militanten Rad-, Hunde- oder Kinderbesitzern um künstlich angelegte Parkanlagen streiten will. Und warum ich stattdessen aufs Land gezogen bin, ins Grüne und weg von diesem Kohlenmon- oder -dioxid, von dem man Lungenkrebs kriegt. Das ist sehr oft angeklickt worden, und deshalb wollte die Redaktion mit mir in die Natur gehen. Wahrscheinlich hatten sie auch einfach Lust, mal woanders als immer nur in der Stadt zu drehen.

Erst ausnehmen, dann aushorchen: Charlotte Roche und Robert Stadlober. Foto: Nils Altland/NDR

Und die Fische? 

Es geht immer um gute Situationen. Wir gehen nachts durch den Wald, damit die Gäste sich vielleicht ins Hemd machen und von mir beschützt werden wollen. Wir bereiten gemeinsam ein Essen zu, das verbindet. Fische auszunehmen, macht schon optisch viel her. Es ist auch eine gute Mutprobe. Für mich natürlich nicht, ich bin Anglerin.

Man kriegt in Interviews doch sowieso oft nur die halbe Antwort mit, weil man heimlich schon an die nächste Frage denkt. Kostet das Hantieren mit Messern nicht viel zu viel Aufmerksamkeit?

Ich mache immer die Erfahrung: Wenn man nebenher was tut und die Konzentration auf was anderes lenkt, dann ist man gleich viel mehr man selbst. In einer normalen Interview-Situation passt jeder auf, was er sagt. Es gibt nicht ohne Grund so viele Interview-Formate im Auto, ich habe bei Pro Sieben selbst mal eins gemacht.

Weil wir telefonieren, die Frage: Nimmst du gerade wieder einen Fisch aus?

Ich sitze auf einem Stuhl und mache die Beine hoch- und runter. Bauchmuskeltraining.

Daher das Schnaufen.

Bitte nicht persönlich nehmen.

Beschreib mal das Talkshow-Korsett, von dem du dich unterscheiden willst.

Normalerweise haben Gäste in einer Talkshow ihre zehn Minuten, in denen sie abliefern, was sie sich vorher überlegt haben. Wenn man als Gast daneben sitzt und sich auch für die anderen interessiert, traut man sich kaum, dazwischenzufragen – damit man dem Moderator nicht seinen Plan kaputtmacht oder den anderen Redezeit klaut, in der sie Werbung für ihre CD machen wollen. Das alles fällt bei uns weg. Es gibt keine Werbung, und wir wollen, dass alle miteinander reden. Alles kann, nichts muss. Man kann bei uns Feuer machen oder eine Nachtwanderung, man kann essen und mit vollem Mund reden.

Was du schon im Trailer tust.

Ich hatte Hunger. Natürlich haben wir auch alle getrunken. Es stand sehr viel Alkohol rum.

Und das wurde gut angenommen?

Ich habe einfach immer weiter nachgeschenkt. Unaufgefordert und diskret. Nur mir selbst nicht so; ich musste ja den Laden zusammenhalten.

Was genau war denn deine Rolle?

Manchmal einfach gar nichts tun und aushalten. Wenn sich vier Leute anschweigen, darf ich den peinlichen Moment nicht zerstören. Es sagt viel aus, wer sich dann traut, den ersten Satz zu sagen. Gleichzeitig muss ich auch was von mir selbst einbringen. Viele Moderatoren wollen gute Journalisten sein und nehmen sich krampfhaft zurück. Das finde ich den Gästen gegenüber unfair, die alles von sich preisgeben sollen.

Das kann natürlich auch peinlich werden.

Zum Beispiel, wenn man merkt, dass ich eine Frage nur stelle, um meine eigenen Knallergeschichten vorzubereiten. Das mache ich natürlich, aber nicht öfter als zweimal an einem langen Abend.

Verrat mal eine davon.

Wenn ein Muskelmann wie Tim Wiese neben mir sitzt, soll er wissen, dass ich selbst auch megastark bin. Dafür muss man ja gar nicht so breit sein wie er. Ich kann einen unglaublichen Fitness-Move: Pistols. Da streckt man ein Bein waagerecht aus und geht mit dem anderen in die Kniebeuge, bis fast auf den Boden und wieder hoch, in Zeitlupe. Das kann fast keiner; man muss einfach wahnsinnig stark dafür sein.

Mit welcher raffinierten Frage leitet man so eine Performance ein? Ich nehme an, du hast einfach Tim Wieses Fisch vom Tisch geschubst und angeboten, ihn eben wieder aufzuheben?

Ich habe einfach das Gespräch auf Fitnessstudios gebracht und plump gefragt: Kannst du Pistols? Dann habe ich es vorgemacht.

Wer ist stärker: Charlotte oder Tim Wiese? Foto: Nils Altland/NDR

Möchtest du, dass Interview-Partner dich mögen? Oder willst du anecken und aus der Reserve locken? 

In diesem Fall, hätte ich es schon gern, wenn du mich magst. Es gibt aber Interviews, die müssen kritisch sein. Bei einem „Spiegel“-Gespräch zum Beispiel weiß ich vielleicht ganz genau: Der Journalist mag mich; aber das darf jetzt keine Rolle spielen. Und dann werde ich in jeder Frage angegangen. Alles ist total kritisch, sehr unangenehm, aber das ist eben seine journalistische Ehre. Es kann was Gutes dabei rauskommen. Aber es hat auch was von einem Spiel, wenn man sich seit Jahren duzt und einem vor dem Interview dann wieder das Sie angeboten wird. Da weiß ich gleich, wo der Hammer hängt.

Siezen hat doch auch Vorteile. Beim Du wirkt eine dreiste Frage leicht zu vertraulich.

Kenne ich. So habe ich die Late-Shows zu meinen Büchern bestritten. Da saßen dann Herren wie Harald Schmidt oder Kerner im Anzug vor mir und haben sich von meinen Thesen schockieren lassen.

Die Wirkung von Interviews ist mit dem Internet enorm gestiegen. Wenn Liam Neeson in irgendeiner irischen Talkshow die MeToo-Debatte lobt, aber auch vor einer Hexenjagd warnt, setzt es sofort empörte Schlagzeilen bei „Spiegel“, „Welt“ und „Gala“. Ist die Atmosphäre heillos vergiftet?

Was ich beobachte, ist eine Kultur der extremen Aufregung. Gesprächspartner haben mittlerweile einen eingebauten Shitstorm-Detektor. Die Künstler, das Management – alle denken den Shitstorm mit. Wenn jemand überhaupt noch was politisch Unkorrektes sagt, gehört die wahnsinnige Aufregung automatisch dazu. Zum Teil finde ich das sogar gut – wenn jemand tendenziell rechte Sachen von sich gibt oder andere verbal ausgrenzt. Nach dem Motto: Wird man ja noch sagen dürfen. Wenn es darum geht, Sprache zu ändern, finde ich Empörung richtig. Es gibt aber auch eine Aufregung ohne Kontext, bei der alles aus dem Zusammenhang gerissen wird. Das bringt nichts.

Wie kriegt man in diesem Klima acht Prominente, die nicht mal was verkaufen wollen, dazu, sich von dir und Lars Eidinger, dem Gastgeber der zweiten Folge, abfüllen zu lassen? Darunter sogar zwei Politiker.

Wir haben eine lange Liste abgearbeitet und sehr viele Absagen bekommen. Es ist wahnsinnig schwer, Gäste zu bekommen, die nichts verkaufen wollen. Warum haben unsere Gäste das also gemacht? Ich glaube, es gibt ein Bedürfnis, sich mal fernab von seiner Rolle zu zeigen. Auch wenn ich nicht so naiv bin, zu glauben, wir sehen jetzt das wahre Gesicht unserer Gäste. Vielleicht spielen sie einfach nur mal eine andere Rolle.

Hattest du einen redaktionellen Auftrag?

Mein Auftrag war: Mach! So was habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht erlebt, dass Fernsehleute nur sagen: Charlotte, mach! Du bist der Gastgeber; tu einfach, was du darunter verstehst. Bereite dich vor oder nicht. Koch was, hör Musik, geh wandern oder lass es bleiben. Wenn zwei Leute Lust hatten, Holz zu hacken und die anderen in der Hütte bleiben wollten, gab es auch dafür genug Kameraleute. Ich habe nicht mal gemerkt, wann die Aufzeichnung anfing. Niemand hat „3, 2, 1, los“ gesagt. Ich saß beim Schminken, irgendwann waren alle Leute weg – und da lief es schon. Dann kamen nach und nach die Gäste in den Wald, und dann haben wir so etwa von sieben bis ein Uhr den Abend miteinander verbracht. Die einzige Vorgabe war, dass wir nur E-Zigaretten rauchen, wegen der Waldbrandgefahr. Keine Ahnung, warum das Lagerfeuer dann trotzdem erlaubt war.

Hast du am Ende auch die Überraschungen erlebt, auf die es euch ankam?

Am Lagerfeuer haben wir Christine Neubauer auf ein Foto angesprochen, auf dem sie mit Markus Söder ein Fass ansticht. Ich will ihre Antwort nicht ausplaudern, aber sie verrät ziemlich viel darüber, mit was für dreisten Methoden Fotos zur Politik gemacht werden.

Haben sich deine Gäste mit dem offenen Konzept alle wohlgefühlt?

Ja. Na, ja. Christine Neubauer war wohl nicht so ganz klar, wie viel Zeit wir da einplanen. Sie hatte wohl noch was anderes vor und musste einmal an ihr Handy und ihrem Mann oder Freund erklären, dass das alles noch länger dauert. Sie hat Spanisch gesprochen, was ich nicht verstehe. Gesagt hat sie wohl in etwa: Ich weiß nicht, was das hier alles soll, wir laufen im Wald rum, und es nimmt einfach kein Ende.

Hattest du selbst nach der Aufzeichnung das Gefühl, die richtigen Fragen gestellt zu haben?

Wenn ich es gleich verstanden hätte, wäre ich natürlich intensiv auf Christine Neubauers Telefonat eingegangen. Es geht ja nicht, dass man in einer Fernsehsendung mit dem Partner telefoniert. Auch nicht im Wald.

Sendetermine und Gäste: Das NDR Fernsehen zeigt „Die Geschichte eines Abends“ in der Nacht zum 1. Dezember ab 0.15 Uhr (Gastgeberin: Charlotte Roche) und in der Nacht zum 8. Dezember um 0 Uhr (Gastgeber: Lars Eidinger). Die Gäste der ersten Folge sind: die Filmstars Robert Stadlober und Christine Neubauer, Ex-Torwart Tim Wiese und Grünen-Chefin Annalena Baerbock, die der zweiten Model Sophia Thomalla, Juso-Chef Kevin Kühnert, Schlagersängerin Stefanie Hertel, Herzchirurg Michael Hübler und der Popsänger Drangsal.

Die Geschichte eines Abends - Trailer from NDR Dokumentation & Reportage on Vimeo.


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