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ARD-Programm Man spricht Polnisch: Polizeiruf 110 „Der Fall Sikorska“

Zurück in die Vergangenheit: Die Kommissare Olga Lenski (Maria Simon, 2.v.r.) und Adam Raczek (Lucas Gregorowicz, rechts) stoßen bei ihren Recherchen auf einen alten Fall. Vor 15 Jahren verschwand die Tochter von Katarzyna Heise (Lina Wendel) und Stieftochter von Gerd Heise (Götz Schubert) spurlos. Foto: rbb/Oliver FeistZurück in die Vergangenheit: Die Kommissare Olga Lenski (Maria Simon, 2.v.r.) und Adam Raczek (Lucas Gregorowicz, rechts) stoßen bei ihren Recherchen auf einen alten Fall. Vor 15 Jahren verschwand die Tochter von Katarzyna Heise (Lina Wendel) und Stieftochter von Gerd Heise (Götz Schubert) spurlos. Foto: rbb/Oliver Feist

Osnabrück. Man spricht Polnisch – das gilt zumindest für den Polizeiruf 110 aus Brandenburg mit den Ermittlern Olga Lenski (Maria Simon) und Adam Raczek (Lucas Gregorowicz). Auch „Der Fall Sikorski“ ist stellenweise untertitelt – was in der ARD offenbar nicht so gern gesehen wird.

Wenn zu Beginn eines Krimis eine junge Frau auf dem Rücken durch einen Fluss im Sonnenschein gleitet, mal die Füße, dann die Knie, schließlich die Brüste aus dem Wasser hebt und dabei einen ungeheuer entspannten Eindruck macht…wenn sich dazu unheilvolle Musik erhebt - dann ist so sicher wie das Amen in der Kirche: Die lebt nicht mehr lange. Der neue Polizeiruf 110 aus Brandenburg macht da keine Ausnahme.

Paula heißt die Tote, die wenig später bei Frankfurt aus der Oder gezogen wird. 19 Jahre ist sie alt geworden. Und hat zuletzt als Au-pair-Mädchen für den alleinerziehenden Vater Leo Heise (Jan Krauter) gearbeitet. Der wiederum lebt nach der Trennung von seiner Frau mit den Kindern in der Villa seiner Eltern Katarzyna (Lina Wendel) und Gerd Heise (Götz Schubert). Erste Spuren führen die Ermittler zu einem 15 Jahre zurückliegenden Fall und nach Polen zum Ex-Mann von Katarzyna Heise.  


Ein gutes Team: Maria Simon und Lucas Gregorowicz als Olga Lenski und Adam Raczek Foto: rbb/Oliver Feist


Wer Action sehen will, ist bei „Der Fall Sikorska“ mit Sicherheit im falschen Film. Ihn als Kammerspiel zu bezeichnen wäre vielleicht übertrieben, aber er ist schon sehr konventionell erzählt, besteht über weite Strecken aus Verhören und Gesprächen. Doch das ist durchaus reizvoll, mit zunehmender Spielzeit loten die vielen Dialoge sehr gut und unaufgeregt die Gemütslage der Figuren aus und spitzen die Handlung immer mehr zu. Ein guter Krimi muss nicht unbedingt laut sein.

So weit die Meinung des Kritikers. Lucas Gregorowicz, der Darsteller des polnischstämmigen Ermittlers Adam Raczek, sieht das etwas kritischer und beim Polizeiruf noch reichlich Luft nach oben: „Harte Arbeit“ sei „Der Fall Sikorska“ gewesen, berichtet er im Gespräch mit unserer Redaktion. „Weil es zwei Zeitebenen gibt, und man sehr viel erzählen muss, was passiert ist. Dabei finde ich immer, dass die Kommissare zu viel sprechen.“  


Olga Lenski (Maria Simon) befragt den Arzt Gerd Heise (Götz Schubert, links) zu den Tatvorwürfen im Zusammenhang mit einem Fall, der 15 Jahre zurückliegt. Foto: rbb/Oliver Feist


Am Anfang habe er erst mal schwarz gesehen: „ Als das Drehbuch kam, war uns klar, dass da noch viel gemacht werden muss. Zum Glück hatten wir Stefan Kornatz als Regisseur, mit dem konnte man gut reden und mit ihm haben wir vieles lösen können.“ (Hier gibt es das vollständige Interview mit Lucas Gregorowicz)

Seit Gregorowicz an der Seite von Maria Simon ermittelt, gehört die grenzüberschreitende Komponente zweifellos zu den Stärken des Brandenburger Polizeirufs. Wenn die Ermittlungen ins Nachbarland führen, wird mit den Polen auch Polnisch gesprochen – dafür habe man ihn schließlich auch engagiert, so der 42-jährige Schauspieler mit den polnischen Wurzeln.  


Adam Raczek (Lucas Gregorowicz, links) und sein Kollege Wiktor Krol (Klaudiusz Kaufmann, rechts) sichten erste Beweisfotos. Foto: rbb/Oliver Feist


Doch genau diese polnische Komponente sei ein ständiger Zankapfel, berichtet Gregorowicz weiter: „Das war ein großer Kampf, weil es in der ARD Widerstand dagegen gab. Als wir die Folge ,Das Beste für das Kind‘ drehten, haben wir gegen großen Druck durchgesetzt, dass wir Polnisch sprechen.“ Er finde es absurd, „wenn man zwei tolle polnische Schauspieler verpflichtet, die kein Deutsch können, aber Deutsch sprechen sollen.“

Am Ende habe das Team zu einem Trick gegriffen: „Die ARD wollte partout keine Untertitel, aber wir haben die Szene unter Protest nur auf Polnisch und nicht auf Deutsch gedreht. Das ist dann auch durchgekommen und die Leute fanden es toll.“ In einer Kritik habe er damals gelesen: Ein bisschen Lesen schadet niemandem.  


Raczek (Lucas Gregorowicz, rechts) und Sein Kollege Wolle Neumann (Fritz Roth, links) sichten Aufnahmen im Zusammenhang mit dem Tötungsdelikt an einem Au-Pair-Mädchen. Foto: rbb/Oliver Feist


Mittlerweile ist der Kampf um die polnische Sprache im Polizeiruf aus Brandenburg für Gregorowicz zu einer regelrechten Herzenssache geworden: „Ich kann nicht glauben, die Zuschauer hätten keinen Bock darauf oder wären zu blöd dafür. Wenn ich nicht Polnisch sprechen darf, ist das mit der Figur unvereinbar. Einen polnischen Lkw-Fahrer kann ich nur auf Polnisch befragen, warum brechen wir uns damit jedes Mal einen ab? Der Polizeiruf hat doch einen Anspruch auf Authentizität und soziale Relevanz. Das muss man dann auch ausreizen, sonst ist es für mich als Schauspieler zu langweilig. Kommissar zu sein allein reicht mir nicht.“

Polizeiruf 110: Der Fall Sikorska. Das Erste, Sonntag, 25. November 2018, 20.15 Uhr.

Wertung: 5 von 6 Sternen


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